Detroit: Become Human im Test – Ein Fünkchen Hoffnung

Lisa Fleischer 4

Was wäre, wenn Maschinen, die eigentlich nur für uns arbeiten sollen, auf einmal Gefühle entwickeln? Dieser Frage will Detroit: Become Human nachgehen. Das Spiel beantwortet dabei eine ganz andere Frage: Was ist Menschlichkeit?

Detroit: Become Human – Launch-Trailer.

Wie alles anfängt, das wissen wir dank der Trailer schon lange: In Detroit: Become Human schlüpfst du in die Rolle dreier Androiden, die die Aufgabe haben, das Leben der Menschen zu erleichtern. Oft geht das auf die Kosten derselben, haben viele Menschen nun doch keine Arbeit mehr und deshalb kaum Geld. Resultierend aus diesen Spannungen werden Haushalts-Hilfe Kara, Pfleger Marcus und Ermittler Connor mit zahlreichen Situationen konfrontiert, die sie vor die grundlegende Entscheidung stellen, was sie sind: Gehorchende Maschinen oder fühlende Wesen?

Detroit: Become Human ist ein interaktiver Film, kein Spiel. Das merkt man vor allem am Gameplay: Obwohl das PS4-spezifische Touchpad des Controllers und die Bewegungssteuerung integriert wurden, sind die Spielmechaniken im Grunde genommen immer noch die Gleichen wie schon bei Heavy Rain. Allerdings will Detroit: Become Human auch gar keine Gameplay-Innovationen wagen, sondern vielmehr eine Geschichte erzählen. Und die soll auch hier im Test im Fokus stehen. Interessierst du dich viel mehr für das Gameplay des Spiels, wirst du in unserer Vorschau fündig.

Spannend von Anfang an

Gleich zu Beginn wirst du mit einer nicht mehr gehorchenden Maschinen, einem sogenannten Abweichler, konfrontiert. Connor, der die Polizei beim Lösen von Fällen unterstützen soll, wird bei einer Geiselnahme zu Rate gezogen. Ein Android ist durchgedreht, hat seinen Besitzer erschossen und dessen Kind auf den Balkon entführt, er droht zu springen. Es gilt, das Kind zu retten – um jeden Preis.

Erst einige Szenen später wird dir Bewusst, dass der Abweichler nicht unbedingt böse war. Auch Kara durchbricht ihre Programmierung und widersetzt sich ihren Befehlen, um ein kleines Kind zu retten. Und Marcus wird von seinem eigenen Besitzer sogar dazu angetrieben, zum Abweichler zu werden – er vermutet in ihm verstecktes Potential und ein lebendiges Wesen, das nur noch nichts von seiner eigentlichen Freiheit wusste. Im Folgenden ist es deine Aufgabe, frei zu werden – in welcher Form auch immer. Die drei Charaktere liefern dabei verschiedene Ansätze: Willst du dich und deine Familie retten, willst du alle Androiden befreien oder willst du frei entscheiden, gefangen zu bleiben? Die Entscheidungen liegen bei dir.

Und auf einmal fühlst du mit

Detroit: Become Human ist unglaublich immersiv. Schon der Pressetext spricht nicht von einem Spiel, vielmehr wird suggeriert, die Firma CyberLife existiere wirklich, am Ende des Textes wird mir sogar ein Android zum Kauf angeboten. Das zieht sich auch durch den Ladebildschirm des Spiels. Anstatt mich selbst eine Auswahl im Menü treffen zu lassen, erleichtert mir die Androidin Chloe die Navigation und führt später sogar noch eine Umfrage mit mir durch. Anfangs erschreckt mich das, nach gewisser Zeit bin ich allerdings daran gewöhnt – so schnell kann die technische Revolution also gehen, auch wenn sie hier natürlich nicht real ist.

Und auch das Spiel selbst zieht mich von der ersten Szene an in seinen Bann. Obwohl alle drei spielbaren Charaktere Androiden sind, sind die Erfahrungen, die sie machen, unglaublich intensiv und belasten mich sogar emotional. Vor allem liegt das an den schweren Entscheidungen, die es zu treffen gilt. Auch, wenn Detroit: Become Human definitiv kein Horror-Spiel ist und wesentlich weniger Schock-Momente bereithält als Heavy Rain, sind manche Passagen so düster und beklemmend, dass ich es sofort mit der Angst zu tun bekomme. Dazu kommt, dass der Tod permanent ist; verliere ich einen der spielbaren Charaktere, hört seine Geschichte abrupt auf.

Natürlich will ich das verhindern, was die Situationen für mich nur noch intensiver macht. Als Kara samt Mädchen Alice, das es zu beschützen gilt, aus einem gruseligen Haus fliehen soll, ich es aber vor Aufregung nicht schaffe, alle Knöpfe zur richtigen Zeit zu drücken, werde ich richtig wütend. Und während ich vorsichtig und angespannt ein Haus erkunde, in dem sich ein Abweichler verstecken soll, fange ich sogar an, leicht zu zittern. So sehr gepackt hat mich ein Spiel schon lange nicht mehr.

Bis ins kleinste Detail perfekt

Das liegt mitunter daran, wie lebensecht die Charaktere aussehen. Selbst bei Nebencharaktere ist jede einzelne Pore und Narbe zu sehen, außerdem sind sie so divers, dass es fast wirkt, als befände ich mich in der realen Welt. Nur die Androiden haben mehrere Doppelgänger in Detroit, basieren sie auf derselben Androiden-Serie. Die Umgebung im Spiel ist unglaublich detailliert. Sei es ein Schreibtisch in einem Büro, der mit zahlreichen Erinnerungsstücken seines Besitzers ausgestattet ist, eine Bar-Toilette, die Besucher mit ihren kleinen Graffitis Leben eingehaucht haben oder die verschiedenen Jahreszeiten, die du im Spielverlauf durchlebst: Auch, wenn sie nicht real ist, lebt die Welt von Detroit.

Hinzu kommt, dass es das Entwicklerteam nicht verpasst hat, an jeder Ecke Gesellschaftskritik zu implizieren. Marcus Besitzer Carl schaut an einer Stelle Fernsehen, während du dich frei bewegen kannst. Hörst du genau hin, nimmst du jedoch im Hintergrund war, wie ein Moderator davon spricht, dass Russland die Arktis annektieren möchte.

Mehrfach wird zudem Stellung zur Diskriminierung unterschiedlicher Minderheiten genommen. So erzählt eine Frau mit dunklerer Hautfarbe, dass sie die Androiden gerne unterstützt, weil sie selbst weiß, wie es ist diskriminiert zu werden. Und an einer Stelle stellt einer der Charaktere heraus, dass Menschen schon immer kriegerisch handeln – ob gegen ihre eigene Art wegen äußerlichen Unterschieden oder nun eben gegen Androiden.

Durchzogen von Stereotypen

Leider kann diese Qualität in der Hauptgeschichte von Detroit: Become Human nicht immer gehalten werden. So gerätst du im Verlauf des Spiels immer wieder in Situationen, die du genau so schon mehrfach in anderen Medien gesehen hast. Kommt dir ein Ort zwielichtig vor, bestätigen sich meist deine schlimmsten Befürchtungen und Psychopathen haben in Detroit wie schon in Heavy Rain das immer gleiche Äußere. Schon vom ersten Moment an kannst du dir also sicher sein, dass du in Gefahr schwebst.

So immersiv das Spiel auch ist, haben mich solche stereotypen Momente immer aus dem Spielgeschehen gerissen – weil sie so vorhersehbar waren, dass sie schon wieder unrealistisch wirkten. Dazu kommt, dass sich Detroit: Become Human trotz der Andeutung im Titel nicht mit der Frage beschäftigt, wie Androiden werden, wenn sie menschliche Züge annehmen. Und genau das hatte ich eigentlich erwartet. Neues in der Debatte um künstliche Intelligenzen und die vermutete Unterlegenheit der Menschheit wird kaum hinzugefügt, vielmehr werden schon lange erdachte Theorien wiederholt, ohne ergänzt zu werden.

Was ist eigentlich Menschlichkeit?

Vielleicht war das aber auch nie das Ziel von Detroit: Become Human. Schließlich beantwortet das Spiel eine ganz andere, viel wichtigere Frage: Was ist eigentlich Menschlichkeit? Wir rühmen uns stets mit diesem Begriff und doch ist es unsere Art in Detroit, die Minderheiten stets in die Enge drängt, Neues verweigert und schnell zur Waffe greift, könnte sie auch nur theoretisch bedroht werden.

Als Android kannst du dem etwas entgegenstellen, friedliche vorgehen und einen heroischen, aber bedeutungslosen Tod sterben – oder du wirst menschlich, greifst zur Waffe und lässt dich auf den Krieg ein, den die Menschen provoziert haben. Einen dritten Weg gibt es für die Androiden vorerst nicht. Auch, wenn ich es Anfangs nicht akzeptieren wollte, Detroit: Become Human regelrecht verfluchte, weiß ich jetzt: Es hätte nicht anders sein können. Schließlich wissen wir bis heute nicht, was Menschlichkeit überhaupt ist.

Wenn es so etwas wie ein unbedingtes Mitgefühl überhaupt gibt, sind wir aktuell weit davon entfernt. Um uns dazu zu bringen, braucht es mehr als ein Spiel. Detroit: Become Human ist also mehr eine Aufforderung an uns selbst: Wir müssen menschlich werden. Ob wir es schaffen, ist ungewiss – Detroit: Become Human endet mit einem Cliffhanger. Das Spiel gibt aber entscheidende Anstoße – nicht nur die Androiden werden von einem Funken Hoffnung erfüllt, er kann durchaus auf den Spieler überspringen.

Bestelle Detroit: Become Human bei Amazon *

Mein Fazit: Ein wichtiger Schritt nach vorne

Obwohl ich mir etwas ganz anderes von Detroit: Become Human erhofft hatte, hat mich das Spiel letzten Endes trotzdem gepackt, gut durchgeschüttelt und vollkommen nachdenklich zurückgelassen. Auch wenn ich mich an den teilweise stereotypen Charakteren und der fehlenden Frage nach dem Wesen künstlicher Intelligenzen gestört habe, konnte ich mich umso mehr mit den immer menschlicher werdenden Androiden identifizieren.

Bilderstrecke starten
11 Bilder
Die verstörendsten Dystopien in Videospielen.

Auch, wenn sie Maschinen sind, stehen sie in Detroit: Become Human doch exemplarisch für jede andere Minderheit, die in der Welt wieder und wieder um Beachtung und Akzeptanz kämpfen muss. Eine wichtige Botschaft in Zeiten, in denen Frauen, LBTGQI-Personen, People of Color und Flüchtlinge immer noch tagtäglich mit Vorurteilen konfrontiert werden. Schließlich sagt Detroit: Become Human: Ihr seid nicht machtlos! Ihr könnt kämpfen! Ihr müsst euch nur zusammentun. Aber passt auf, dass ihr dabei nicht selbst zum Monster werdet.

Wird dir gefallen, wenn du dich auf eine emotionale Achterbahn mit philosophischem Kern einlassen willst, du gerne einen echten Einfluss auf den Spielverlauf hast und einen kleinen Blick in die mögliche Zukunft der Menschheit wagen willst.

Wird dir nicht gefallen, wenn du Quick-Time-Events hasst, ein richtiges Spiel mit diversen Gameplay-Elementen und Skill-Bäumen statt eines spielbaren Films erwartest oder es dir schwer fällt, Entscheidungen zu treffen.

Weitere Themen

Neue Artikel von GIGA GAMES

* gesponsorter Link