Google Wifi im Test: Das Überall-WLAN mit der cleveren Masche

Frank Ritter
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Mit Google Wifi bringt der Konzern einen Gegenentwurf zum klassischen WLAN-Router: Futuristisch-minimalistische Pralinenschachteln, die sich untereinander vernetzen, neudeutsch vermaschen, und auf diese Weise WLAN nicht nur omnipräsent machen wollen – sondern auch salonfähig. Geht das Konzept auf? Wir schauen genauer hin.

Google Wifi im Test: Das Überall-WLAN mit der cleveren Masche

WLAN-Router sind nicht sexy. Beim besten Willen nicht. Wenn man Glück hat, sind die grauschwarzen Kästen mit ihren Spinnenbeinantennen „nicht allzu hässlich“. Funktional sieht es ähnlich aus: Um den Router zu konfigurieren, muss man sich in Webinterfaces einwählen, die einen mit Science-Fiction-Begriffen wie NAT-Traversal, Demilitarized Zone und IPv6-Bridge konfrontieren. Hyperventilierende Leuchtdioden lassen unsere Augen zucken und – nun ja – auf dem Klo ist trotzdem kein Internet. Und jetzt also Google Wifi. Ein Heilsbringer?

Der Hersteller hat uns zwei Pakete mit je zwei Google Wifis zur Verfügung gestellt. Wir haben testweise meine Familienwohnung mit dreien der Boxen ausstaffiert. Rahmendaten: Wohnung im ersten Stockwerk, etwas über 100 m² Fläche, verwinkelte Raumführung.

Zuvor verrichtete eine Fritzbox in meinen heimischen Hallen ihren Dienst. Dank zentraler Positionierung oben an einer Wand in der Mitte der Wohnung hatte ich zwar überall Netz, aber nicht überall mit derselben Bandbreite und geplagt von gelegentlichen Aussetzern. Das Fehlen von Dualband-Support war ein weiteres Ärgernis. Mit dem Browser-basierten Einstellungsmenü der Fritzbox kam ich zurecht, wobei ich aber auch versiert bin.

Wie funktionieren Mesh-Netze?

Im Funkspektrum herrschen Wildwest-Bedingungen – Mesh-Netze sind ein Rezept dagegen

Das Konzept von Mesh-Netzwerken gibt es schon viele Jahre, bekannt ist beispielsweise das der nichtkommerziellen freifunk-Initiative, die Mesh-Netzwerke in vielen deutschen Städten unterhält. Deren Hardware-Basis sind leistungsstarke Router, die mit modifizierten Firmwares fit für Meshes gemacht werden. Seit dem letzten Jahr gibt es aber auch endlich Mesh-Lösungen „Out-of-the-Box“, also für Lieschen Müllers wie dich und mich. Neben dem von uns bereits getesteten Orbi-System von Netgear sowie Eero ist auch Google Wifi zu nennen, das seit wenigen Wochen nun auch in Deutschland erhältlich ist.

Wie verbessert Google Wifi das eigene Netz? Hierzu muss man wissen, dass heutzutage Wildwest-Bedingungen im Funkspektrum vorherrschen. Nicht nur die WLAN-Router der Nachbarschaft, sondern auch jedes mit diesen WLANs verbundene Gerät, also jeder Laptop, jede Spielkonsole, jedes Tablet möchte etwas vom Bandbreitenkuchen abhaben. Je mehr WLAN-Geräte in der Nachbarschaft aber um Vorherrschaft ringen, desto schwächer und löchriger wird das Netz jedes einzelnen Nutzers. Wer sich auskennt, schafft sich neue WLAN-Hardware an, die noch stärker funkt. Kasus Knaxus: Damit verbessert man zwar die eigene Situation, das Problem wird in der Folge für andere Netzwerke in der Nachbarschaft aber schlimmer. Ein Wettrüsten. Ein Teufelskreis. Eine Henne-Ei-Situation. Okay, ich hör auf.

Die 5 Tricks von Google Wifi

Mesh-Netze wie Google Wifi bedienen sich einiger Tricks, um das Problem einzugrenzen. Zum einen stellen sie Zugangspunkte fürs WLAN an mehr als einer Stelle zur Verfügung. Ob nun an zwei oder mehr Orten – Google Wifi ist da, wo man es braucht. Selbst ein mehrstöckiges Wohnhaus lässt sich so leicht mit WLAN ausstaffieren.

Der zweite Trick ist, dass die Google Wifis untereinander kommunizieren. Jede einzelne Station ist nicht nur Empfänger, sondern auch Sender – daher muss nicht zwingend eine direkte Verbindung zwischen DSL-Modem und Google Wifi bestehen, falls zwischen beiden eine andere Station als „Vermittler“ steht. Die Geräte suchen sich untereinander automatisch die beste Route aus, um Traffic weiterzuleiten. Das so verwobene Netz („Mesh“) aus Google Wifis kann also im Idealfall überall eine hervorragende Internet-Verbindung zur Verfügung stellen. Auch wenn der Netzverkehr vom Endgerät (also beispielsweise dem persönlichen Smartphone) zum Modem über mehrere „Stationen“ springen muss, verschlechtert sie die Verbindungsqualität nicht oder nur wenig.

Der dritte Trick ist, dass alle Google Wifis dasselbe WLAN zur Verfügung stellen. Bewegt man sich also mit seinem Smartphone von einem Raum in den nächsten, wird vielleicht der Hardware-Zugangspunkt gewechselt, über den man mit dem Internet Kontakt aufnimmt, als Nutzer bekommt man davon aber nichts mit – es gibt nicht einmal eine kurze Empfangspause. Obendrein überprüft Google Wifi in regelmäßigen Abständen, welcher Funkkanal aktuell am besten für eine möglichst reibungslose Kommunikation geeignet ist und steigt, falls nötig, um.

Der vierte Trick ist zwar mittlerweile Standard bei neuen Routern, spielt aber dem Konzept von Google Wifi in die Hände: Dank Dualband-Support funken die Zugangspunkte auch auf der 5-GHz-Frequenz. Diese hat nicht nur eine größere mögliche Bandbreite, sondern auch geringere Reichweite – schon eine Wand ist oft ein unüberwindbares Hindernis für 5-GHz-WLAN. Klingt komisch, ist aber ein Vorteil, denn damit wird das Funk-Wettrüsten in der Nachbarschaft eingegrenzt, während man im eigenen Wohnbereich vollen Empfang und mehr WLAN-Geschwindigkeit hat.

Der fünfte Trick ist schließlich, dass man ein Google-Wifi-Mesh-Netz extrem einfach und flexibel erweitern kann. Wer also sein Haus ausbaut oder sein WLAN auch dem hoffentlich vertrauenswürdigen Nachbarn zur Verfügung stellen möchte, holt sich einfach einen oder zwei Google Wifis hinzu und bringt sein WLAN damit auch in entlegenere oder weiter entfernte Winkel.

Google Wifi einrichten: Einstecken, App starten, warten

Komplett auf meine Fritzbox verzichten geht natürlich nicht, denn als VDSL-Modem und Anschluss für mein Festnetztelefon bleibt die alte Tante weiter in Benutzung. Nur eine der hektischen Fritzbox-LEDs darf sich künftig ausruhen, denn den WLAN-Part übernimmt nun Google Wifi exklusiv. Das Fritzbox-WLAN habe ich abgeschaltet, um einen potenziellen Faktor zu eliminieren, der den Test gestört hätte. Zum einen stellte ich so sicher, dass sich meine WLAN-Geräte nicht in das „alte“ Fritzbox-WLAN einwählen, zum anderen habe ich so einen großen Konkurrenten auf den 2,4 GHz-Funkfrequenzen abgeschaltet – das heißt: mehr Nettobandbreite für Google Wifi.

Wer die Geräte auf den Bildern sieht, sollte sich nicht täuschen lassen, die Dinger sind nicht etwa dezent kremdosengroß wie beispielsweise ein Feuermelder oder Echo Dot, sondern durchaus müslischüsselgroß – und bei Weitem nicht so gut versteckbar. Immerhin aber auch recht formschön, und die seitliche LED-Beleuchtung lässt sich abschalten – danke, Google.

Eine Enttäuschung nach dem Auspacken: Google Wifi enthält keine Vorrichtung zum Aufhängen an der Wand. Und mit Vorrichtung meine ich ein kleines Loch in der Hartplastikschale. WLAN-Hardware möchte ja nicht unbedingt jeder als zentrales Element sichtbar in seine Wohnraumgestaltung aufnehmen, unabhängig davon, dass Google Wifi für WLAN-Hardware ganz hübsch aussieht. Ach komm Google, so ein Zusatzloch wäre jetzt aber echt noch drin gewesen.

Nun ja, immerhin ist die Einrichtung schnurgeradeaus-durchdacht. Zuerst verbindet man Google Wifi mit dem Stromnetz – praktischerweise über USB-C-Kabel. Dann verbindet man die erste der Dosen mit dem bestehenden DSL-Modem per Kabel, in der Regel sollte Google Wifi sofort Zugriff aufs Netz haben. Über die App initiiert man dann die Konfiguration der ersten Google WiFi-Box, scant einen QR-Code auf der Unterseite von Google Wifi und lässt Smartphone und Google-Wifi-Box Kontakt per Bluetooth miteinander aufnehmen. Bei der Ersteinrichtung legt man noch SSID (Netzwerknamen) und Passphrase (Kennwort) fürs WLAN fest. Den einzigen Fehler, den man machen kann ist, das LAN-Kabel in die falsche Buchse an der Google-Wifi-Box zu stecken – davon gibt es nämlich zwei und nur eine taugt als „Eingang“ für Daten aus dem Netz.

Die gesamte Einrichtung wird über die Google-Wifi-App (für Android und ) erledigt und dauert 5 bis 10 Minuten pro Wifi-Station – abhängig davon, ob für den jeweiligen Zugangspunkt noch ein Firmware-Update heruntergeladen werden muss. Solche Updates kommen regelmäßig, installieren sich ohne Zutun des Nutzers, erweitern Features und beheben Fehler. Abgesehen davon, dass ein Smartphone und ein Google-Account notwendig sind, ist das Ganze so einfach wie es eben geht.

Die App wird später auch verwendet, um das Netzwerk zu administrieren – das ist praktischerweise auch dann möglich, wenn man sich gerade nicht zuhause im heimischen WLAN befindet – der Verknüpfung mit dem eigenen Google-Account sei dank. Eine alternative Möglichkeit im lokalen Netz per Browser-Interface und lokalem Kennwort wäre trotzdem machbar und angenehm gewesen.

Übrigens: Wer jetzt fürchtet, dass Google den heimischen Datentraffic abschnorchelt, um Nutzer besser kennenzulernen und ihnen zielgerichtetere Werbung zu zeigen, der liegt falsch. Google beteuert, dass sämtliche Daten zum Surfverhalten und dem internen Netzwerktraffic beim Nutzer bleiben. Anonymisierte Telemetriedaten zur Verwendung der App, zum lokalen Netzwerk und zum Typ sowie der Qualität der Internetverbindung werden trotzdem erhoben, diese dienen laut Google aber nur der Verbesserung des Produkts und können abgeschaltet werden.

Zum Schluss und nach der Aktivierung aller Google Wifis bleibt noch, alle Geräte aufs neue WLAN umzustellen. WPS zur schnellen Verbindungsherstellung ist nicht integriert, das ist aber kein großer Mangel, denn WPS gilt historisch als unsicher. Stattdessen kann man die App nutzen, die entweder das WLAN-Passwort mit wenigen Taps anzeigt oder gleich einen entsprechenden QR-Code zum Einscannen zur Verfügung stellt.

Nun ist also Google Wifi eingerichtet, drei Boxen stehen in meinem Zuhause – und was jetzt? Schauen wir uns an, wie gut es funktioniert.

Nach der fehlenden Wandmontage ist die zweite Enttäuschung, dass lediglich das erste Google Wifi direkt per Kabel an den Router angeschlossen werden kann. Alle weiteren sind ausschließlich per Funk miteinander verbunden. Die beiden LAN-Buchsen dienen entsprechend nur dazu, externe LAN-Geräte anzuschließen, nicht aber direkt an den Router angeschlossen zu werden. Schade, denn fast jeder billige Repeater kann heutzutage als Access Point fungieren, also direkt ans LAN (kabelgebundenes Netzwerk) angeschlossen WLAN „weiterverteilen“.

Google Wifi ist bislang ein reiner „Range Extender“, verstärkt also nur ein vorhandenes WLAN – und das schränkt seine Nutzung in Umgebungen wie Büros ein, in denen enorm viele WLAN-Geräte auf einmal funken. Zumindest zum jetzigen Zeitpunkt, denn Google könnte eine solche Funktion problemlos per Firmware-Update nachrüsten. Wir hoffen, dass Google genau daran arbeitet, denn mit mehreren Google-Wifi-Boxen, die an einem Router hängen oder per „Daisy Chain“ miteinander in Reihe verkabelt sind, würde nicht nur das Funk-Mesh entlastet, auch die Verbindungsqualität an Punkten, die vom Router entfernt sind, ließe sich verbessern.

Auf der nächsten Seite: So gut funktioniert Google Wifi im Alltag.

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82 von 100 Punkten
(15. August 2017)

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