ELEX im Test: Mehr als nur Gothic mit Jetpacks

Alexander Gehlsdorf
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Nach Gothic und Risen präsentiert Piranha Bytes mit Elex ein brandneues Rollenspiel. Trotz ungewöhnlichem Szenario orientiert sich dieses an den traditionsreichen Werten des deutschen Studios. Kann es aber auch die Qualität der Vorlagen erreichen?

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Elex - Launch Trailer

Keine Zeit für den gesamten Text? Unten findest du das Fazit.

Piranha Bytes ist zurück und liefert mit Elex einen spannenden Mix aus Fantasy, Endzeit und Science-Fiction. So brachte ein verheerende Meteoriteneinschlag das magische Elex auf die Welt Magalan, was nicht nur den Tod beinahe der gesamten Menschheit zufolge hatte, sondern weiterhin dazu führt, dass sich die verbleibenden Überlebenden in vier Fraktionen spalten und sich im Kampf um das blaue Gestein die Köpfe einschlagen.

So versuchen die Berserker, die Welt mit magischen Weltenherzen wieder fruchtbar zu machen, haben dafür aber sämtlicher Technik abgeschworen. Die Kleriker leben den Science-Fiction-Traum aus Laserwaffen und Kampfrobotern, setzen dafür aber auf religiöse Propaganda und Überwachungsstaat. Die Outlaws haben sich hingegen in der Wüste breit gemacht und basteln sich aus Elektroschrott Waffen und Ausrüstung, dafür tummeln sich in der Mad Max-Fraktion allerdings unzählige Halsabschneider und Kriminelle. Und dann sind da noch die Albs, hochtechnisierte Terroristen, dank regelmäßigem Elex-Konsum emotionslos und mächtig und die größte Bedrohung für das Leben der freien Völker. Und als genau so ein Alb starte ich meine Reise durch Elex.

Auf einer Mission über dem Berserker-Gebiet Edan wird mein Gleiter jedoch abgeschossen, woraufhin ich vom Alb-Oberkommando für mein Scheitern zum Tode verurteilt werde. Die Exekution überlebe ich zwar, finde mich anschließend aber machtlos und ohne Ausrüstung im Herzen des Berserkerlandes wieder, also genau jenen Menschen, die ich als „Bestie von Xacor“ in den Jahren zuvor zu Hunderten ermordete.

Die Zukunft ist nicht rosig

Schlechte Aussichten also für den ehemaligen Alb-Commander Jax — und das in jeder Hinsicht: Gelinde ausgedrückt ist Elex aus technischer Sicht dezent veraltet. Wirklich hässlich ist das Spiel zwar nie, jedoch ist die Grafik allenfalls auf dem Niveau der letzten Konsolengeneration. Kleinere Glitches, etwa Clippingfehler oder verwaschene Texturen trüben das Gesamtbild, vor den Gesichtsanimationen braucht sich selbst Mass Effect: Andromeda nicht verstecken. Natürlich steckt hinter Elex nur ein Team aus etwa 30 Mitarbeitern und kein Multi-Millionen-Dollar-Unternehmen, zuletzt hat aber unter anderem Hellblade bewiesen, dass zeitgemäße Optik auch mit kleinen Teams kein Ding der Unmöglichkeit ist.

Die vollvertonten Dialoge stammen von den gefühlt immer gleichen fünf Synchronsprechern, Serien-Fans werden jedoch nahezu alle Stimmen noch aus den alten Gothic- und Risen-Spielen wiedererkennen. Brüchige Immersion einerseits, Serientradition andererseits. Das Voice-Acting ist am Ende des Tages wohl Geschmackssache.

Geschmacksunabhängig ist hingegen das Kampfsystem, denn das fällt arg fummelig aus. In der Theorie setzt das Spiel auf den bewährten Mix aus leichten und starken Schlägen, Ausweichrollen, Nah- und Fernkampfwaffen, Mana und Kombos. Was in Dark Souls und anderen Spiele fantastisch funktioniert, wird in Elex allerdings zur frustrierenden Klick-Orgie. Einzelne Treffer verursachen nur wenig Schaden, Kombos lassen sich aktivieren, sobald genügend Schläge aneinandergereiht wurden. Da ich gerade anfangs nur über geringe Ausdauer verfüge, wird dieser Aufladeprozess jedoch immer wieder unterbrochen.

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Zudem ist das System furchbar un-intuitiv. Dass es überhaupt ein Kombo-System gibt, stellte ich erst nach mehreren Stunden fest, als es mir durch Zufall gelang, den Balken zu füllen und per Texteinblendung auf das System hingewiesen wurde. Sobald ich im späteren Verlauf bessere Ausrüstung, mehr Talentpunkte und höhere Statuswerte freigeschaltet habe, sinkt natürlich auch der Frustfaktor. Gerade anfangs ist es jedoch ratsam, den Kämpfen weitestgehend aus dem Weg zu gehen beziehungsweise auf einen der KI-Begleiter zu setzen, ohne deren Hilfe ohnehin fast jeder Kampf im ersten Spieldrittel tödlich endet.

Ebenso unzugänglich ist auch das Menü-Interface, das zwar steril aber dafür nicht wirklich aufgeräumt daher kommt. Stets ist irgendwie immer ein Klick zuviel nötig um Items auszuwählen, Quests zu finden oder Rezepte zu durchstöbern. Noch dazu setzt das Spiel zumindest in der PC-Version auf scheinbar willkürliche Tastenbelegungen für die Menüsteuerung. Und trotzdem, trotzdem kann ich nicht damit aufhören, weiter dieses fantastische Rollenspiel zu spielen.

Jeder ist sich selbst der Nächste

Zugegeben sind gerade die ersten Schritte in Magalan die Schwierigsten. Wer sich auf die technischen Unzulänglichkeiten des Titels jedoch einmal eingelassen hat, wird am laufenden Band dafür belohnt. Verantwortlich dafür ist vor allem das gelungene Quest-System. Nahezu jeder Auftrag lässt sich auf unterschiedliche Art und Weise lösen, was immer wieder zu kniffligen, moralischen Zwickmühlen führt. So bittet mich etwa mein Kumpel Duras bei der Aufklärung eines Mordes um Hilfe: Ein Berserker wurde tot im Wald gefunden, fünf Verdächtige kommen in Frage. Schließlich finde ich den Schuldigen, stehe dann aber vor der Qual der Wahl, ob ich ihn beim Anführer der Berserker verpfeife, das Schwert ziehe und selbst über ihn richte oder aber gezwungen bin, den Kerl zu decken, da er … aber das sollst du selbst sehen.

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Weiterhin schafft es das Spiel, mich selbst nach unzähligen Stunden noch zu überraschen. Vermeintlich kleine Aufträge, die Stunden in meinem Questlog vor sich hergammeln, entpuppen sich als komplexe Questketten mit weitreichenden Konsequenzen und überraschend dicken Belohnungen. Noch dazu erzählt jeder noch so kleine Auftrag eine logische Geschichte, die stets perfekt in die detailreiche Welt von Elex passt und nie aufgesetzt wirkt. Kleiner Tipp: Wenn du im Fort der Outlaws von Rumtreiber Rat um ein paar Elex-Splitter angeschnorrt wirst, tue ihm dem Gefallen. Es dauert ein bisschen, aber die Investition lohnt sich. Versprochen.

Überraschend komplex sind auch die Charaktere, auch wenn diese aufgrund der Technik im ersten Moment recht hölzern daher kommen. Oberflächlich betrachtet ist die Welt von Elex zwar fast ausschließlich von unsympathischen Stinkstiefeln bewohnt – inklusive Protagonist Jax – je mehr Zeit ich jedoch in Magalan verbringe, desto mehr kann ich auch die vielschichtigen Motive der unterschiedlichen Fraktionen nachvollziehen. Insbesondere die Albs stellen sich bei näherer Betrachtung als weit mehr heraus als nur emotionslose Kampfmaschinen, was ich im Laufe des Spiels auch an Jax selbst bemerken kann. Je länger ich spiele, desto mehr sinkt die Kälte im Herzen des ehemaligen Albs und er baut nach und nach eine Beziehung zu den Menschen auf, die er kurz zuvor noch jagte und ermordete. Oder auch nicht, schließlich ist Elex nach wie vor ein Rollenspiel und du kannst natürlich auch einfach in jedem Dialog betonen, wie sehr du deinem Gegenüber gern die Zähne einschlagen würdest — insofern du es denn überlebst.

Harte Arbeit lohnt sich

Der Geduldsfaden der NPCs ist Piranha-Bytes-typisch eher dünn und auch die mutierten Wildtiere lassen sich nur ungern streicheln. Kurz gesagt, abgesehen von Ratten und Käfern kann sich Jax am Anfang gegen nahezu gar nichts wehren und daran wird sich auch für einige Stunden nichts ändern. Das Spiel legt unmissverständlich fest, dass ich mich am unteren Ende der Nahrungskette befinde und lässt mich das mit aller Konsequenz spüren. Statt Level-basierter Gegner à la Skyrim, die dem Spieler stets eine moderate Herausforderung bieten, aber niemals frustrieren sollen, kann Elex die riesige Welt allein durch die Platzierung gefährlicher Monster logisch eingrenzen. So ist mir der von Albs kontrollierte eisige Norden bis zum letzten Spieldrittel versperrt, auch wenn der Weg dorthin potentiell ab der ersten Spielstunde offen steht. Bin ich schließlich in der Lage, mich dem Eispalast der Albs zu nähern oder auch einfach nur ein Lager Banditen im Alleingang zu säubern, obwohl zu Beginn bereits ein einzelner Bandit meinen Tod bedeutet hätte, kann ich meine Arbeit und meinen Fortschritt wirklich spüren.

Jedes Level-Up, jeder Skill-Punkt, jede Fähigkeit und jedes neue Item fühlt sich wie ein echter Erfolg an. Statt auf unendlich viele Ausrüstungsgegenstände mit zufällig ausgewürfelten Werten zu setzen, ist jede Rüstung und jede Waffe in Elex ein Unikat, das ich mir erst verdienen muss. Will ich also etwa die mächtigen Rüstungen und Energiewaffen der Kleriker benutzen, muss ich mich erst in deren Rängen hocharbeiten, um diese auch wirklich tragen zu dürfen. Dazu sind Waffen und Rüstungen an Attributspunkte gebunden, die ich mir erst antrainieren muss. Als ich etwa den Rang eines Kriegers der Berserker erreichte, durfte ich auch endlich die begehrte Kriegerrüstung tragen — jedenfalls nachdem ich nach zwei weiteren Stufenaufsteigen endlich genügend Konstitution gesammelt hatte, um das Ding auch wirklich anlegen zu können, ganz zu schweigen von den 9500 Elex-Splittern, die ich sparen musste, um den Schmied zu bezahlen. Elex ist erbarmungslos, hart und fordernd und genau darum ist jeder Erfolg und jede Errungenschaft umso befriedigender.

Ein Fest für Entdecker

Auch die Spielwelt belohnt mich regelmäßig, denn wie schon in Gothic und Risen ist jeder Baum und Stein von Hand platziert und hinter jeder Ecke wartet eine Überraschung. So entdecke ich während meiner Erkundungstouren Charaktere, verstecke Schätze, Quests und sogar ganze verborgene Siedlungen. Jeder Umweg und jeder neugierige Blick wird belohnt. Lohnt es sich, die leerstehende Ruine im Westen zu durchsuchen? Defintiv. Finde ich irgendetwas Cooles auf der Spitze des Turms da vorne? Auf jeden Fall. Besonders erkundungsfreudige Spieler können zudem Fotos der Entwickler finden, die an besonders abgelegenen Stellen als Easter Egg platziert wurden. Dank Jetpack haben Reisende zudem noch mehr Möglichkeiten, als noch in Gothic und Risen.

Noch dazu funktioniert der kuriose Mix aus Fantasy, Endzeit und Science-Fiction überraschend gut. Während die ersten Spielstunden noch aus der Mittelalter-Klischeekiste zu stammen scheinen, ist spätestens beim ersten Besuch in Ignadon, der Hauptstadt der Kleriker, ein Blick nötig, ob ich nicht aus Versehen einen Teil der Mass Effect-Reihe gestartet habe. So unterschiedlich die Szenarien auch sind, so logisch greifen sie aber auch ineinander und bieten damit in diesem Jahr eines der einzigartigsten Spiele-Szenarien seit Horizon: Zero Dawn.

Zusammenfassung und Fazit

Elex ist ein fantastisches Rollenspiel, dessen erster Eindruck die meisten Spieler jedoch abschrecken wird. Ja, die Grafik ist altbacken, das Kampfsystem sperrig und die Präsentation staubig. Wer sich davon aber nicht beeindrucken lässt, sondern einfach am Ball bleibt, erlebt ein beeindruckend umfangreiches und detailliertes Rollenspiel, das mit jeder Spielstunde noch mehr zu begeistern weiß. Elex meistert den absurd wirkenden Szenarien-Mix ohne Mühe, gleicht jeden Frustmoment mit einem echten Erfolgsmoment aus und schafft es selbst nach 30 Spielstunden noch, mich zu überraschen. Elex pfeift auf Genre-Standards und Massenkompatibilität und setzt stattdessen auf genau die Stärken, die schon aus den bisherigen Piranha-Bytes-Titeln hervorragende Rollenspiele gemacht haben. Serien-Fans können also bedenkenlos zugreifen, denn auch Elex ist wieder ein würdiger Erbe des guten alten Gothic. Mit Jetpacks.

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Wir dir gefallen, wenn: du bereits Gothic und Risen gern gespielt hast und bereit bist, dir deine Erfolge hart zu erarbeiten.

Wird dir nicht gefallen, wenn: du gern von Spielen an die Hand genommen wirst und dir eine Hochglanz-Optik wichtiger ist, als reines Gameplay.

Wertung

8/10
Getestet von Alexander

Detailverliebtes und enorm umfangreiches Rollenspiel, das jedoch unter angestaubter Technik und einem fummeligem Kampfsystem leidet.

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