The Witness Test: Die härteste und schönste Kopfnuss des Jahres

Kristin Knillmann 1

Das Puzzle-Spiel The Witness von Braid-Entwickler Jonathan Blow ist schon jetzt das schwerste Spiel des Jahres. Warum es mich trotzdem seit Tagen an den Bildschirm fesselt und wie es mich um meinen wertvollen Schönheitsschlaf bringt, erfährst du im Test.

The Witness - Release Date Trailer.

The Witness im Test

Ich liebe die Herausforderung. Aber meistens geben mir Videospiele nur harte Brocken, in denen ich beweisen kann, was ich mechanisch drauf habe, wenn ich meine Finger mit dem Controller verknote. Köpfchen? Das ist selten gefragt. Ich bin es fast schon gewohnt, dass mir in einem Spiel gesagt wird, wo ich hingehen muss und was ich dort zu tun habe. Drücke X um zu gewinnen - und wenn’s nicht reicht, gibt es oft noch eine Hinweis-Funktion oben drauf.

The Witness kackt auf das alles, und zwar so richtig. The Witness ist ein Puzzle-Spiel, das mein Denkvermögen auf die härteste Probe des Jahres der letzten Jahre stellt und mir dafür keinerlei Hilfsmittel an die Hand gibt. Denke ich - denn in Wirklichkeit ist die mysteriöse Insel, auf der ich mich befinde, voller Hinweise. Ich habe nur (noch) keinen Plan, wie ich sie finde und richtig deute. Und was ich hier überhaupt tue.

Mit welchen Spielen lässt sich The Witness am Besten vergleichen?

Vergleiche sind doof, insbesondere dann, wenn Spiele so einzigartig sind, wie The Witness. Wenn du zur Orientierung trotzdem nicht darauf verzichten kannst, dann wollen wir dir aushelfen. Das Erkunden kennst du von der Myst-Reihe; das Lernen der Geheimsprache und die schwarzen Monolithen erinnern an den Indie-Hit FEZ und das Spielen mit der Perspektive fühlt sich ähnlich an wie im stark unterschätzten Antichamber. All diese Spiele sind übrigens auch die perfekten Titel, die du dir anschauen solltest, wenn du nach The Witness neues Puzzle-Futter brauchst.

Auch nach 22 Stunden Spielzeit habe ich noch keine Idee, was The Witness eigentlich von mir will und was zur Hölle das Mysterium dieses verlassenen, von der Außenwelt scheinbar unerreichbaren Ortes ist. Aber das macht nichts, denn das ist mein treibender Faktor, den ich unbedingt brauche, um nicht ständig vor Verzweiflung aufzuhören.

Aber Kristin, warum spielst du denn überhaupt noch, wenn das Game dich in den Wahnsinn treibt?

Berechtigte Frage. Die Antwort darauf ist eigentlich ganz leicht: Weil dieser Wahnsinn verdammt gut tut. Und weil The Witness ihn perfekt beherrscht. Die Mischung aus Erkunden, Entdecken, Verstehen lernen, Puzzle lösen und Aha-Momenten übt einen unfassbaren Sog auf mich und viele viele andere Spieler aus, den selten ein Puzzle-Game mit einer solchen Brillanz gepackt hat. Jede Sekunde der Ratlosigkeit wird irgendwann doch noch zu einem Glücksgefühl, das all seine Mühe wert war.

Bilderstrecke starten
20 Bilder
Diese Spiele dürfen auf deiner PS4 auf keinen Fall fehlen.

Unmögliche Rätsel

Rätsel also? Was genau kann ich mir denn unter diesem eigentlich sehr weit gefassten Begriff vorstellen?

Gut, dass du fragst. Die Rätsel in The Witness beschränken sich komplett auf sogenannte „Linien-Puzzles“. Die Lösung wird von dir immer mit Maus oder Controller auf einer Schaltfläche eingegeben, Startpunkt bis Endpunkt. Das Wichtigste ist dabei der Verlauf der Linie, den du erkennen musst, um die Schaltfläche zu aktivieren und die nächsten Rätsel freizuschalten.

Manchmal schaltet ein gelöstes Puzzle weder neue Rätsel frei, noch öffnet es eine Tür - weshalb du schnell auf den Trichter kommen könntest, dass The Witness dich nicht für deine Mühe belohnt. Deine Sorge ist jedoch unberechtigt. Auch wenn der Lohn nicht direkt auf dich einprasselt wie bei anderen Videospielen, so bekommst du vom Spiel etwas zurück, das viel wichtiger ist als ein neuer Rüstungsgegenstand: eine Idee. Du lernst, was es wirklich bedeutet, deinen Kopf zu benutzen, und wie es sich anfühlt, wenn eine Idee zu einer Theorie zu einer Lösung wird. Es öffnen sich also trotzdem Türen, nur halt nicht die im Spiel, sondern die in deinem Schädel.

Über die Puzzle-Typen von The Witness möchte ich aus Spoiler-Gründen nicht sprechen, lasse dir aber zumindest die Info da, dass du hier zwischen Logik-Rätseln, deren „Geheimsprache“ du entziffern musst, und Perspektiven-Puzzles hin und her springst. Jeder Abschnitt ist dabei richtig clever entworfen worden, Puzzles doppeln sich in ihrer Mechanik nie und werden im späteren Spielverlauf sinnvoll miteinander kombiniert.

Hilfe, ich brauche Hilfe in The Witness, aber will mir keine Lösung ansehen. Was soll ich tun?

Ab ins Subreddit von The Witness mit dir. Dort gibt es einen Megathread zum Lösen der Puzzles, in dem dir nette Nutzer (auf Englisch) mit Hinweisen weiterhelfen - und das komplett hinter Spoiler-Barrieren, damit du dir auch keine weiteren Sequenzen versaust.

Das ist übrigens auch der Grund, warum ich dir dringend davon abraten möchte, eine Komplettlösung für The Witness zu benutzen - auch nicht nur für ein einziges Rätsel. Denn wenn du auch nur an einer Stelle nicht verstehst, warum du getan hast, was du grad getan hast, dann bleiben dir im weiteren Spielverlauf andere Lösungen vorbehalten - und dann kannst du dir den Kauf auch gleich sparen. Wirklich: Selten habe ich mich so geärgert, wenn ich ein Puzzle versehentlich gelöst habe, weil ich dachte, die Antwort zu kennen.

Keinen Plan? Hier sind die Lösungen für The Witness!

The Witness und die Meta-Ebene

Okay, ich hab jetzt verstanden, dass ich in The Witness clevere Rätsel lösen muss - aber ist das wirklich alles?

Natürlich nicht. Dieses Spiel hat ein unfassbares Meta-Game auf so vielen Ebenen, die von Beginn an nicht wirklich ersichtlich sind.

Eine der Ebenen ist die Übertragung des Spielprinzips in die echte Welt. Um die Logik der Rätsel zu verstehen und sie anschließend zu lösen, kam ich nur mit Papier und Stiften weiter - oder mit einer Smartphone-App, die mir erlaubt auf meinen Fotos zu zeichnen. Beide Hilfsmittel sind für The Witness unabdingbar - außer du hast ein IMMENS fotografisches Gedächtnis, und seien wir mal ehrlich: NOPE.

Mein Smartphone stand mir aber auch auf andere Art und Weise zur Seite: Ich fotografierte jeden Hinweis, jede Entdeckung, jede noch so kleine Spiegelung, jedes Herbstblatt. Wer braucht schon Schlaf, wenn man im Bett die „Camera Roll“ durchscrollen kann, um frühere Orte dank bereits erlangter Hinweise endlich verstehen zu lernen? Wer liest schon die Nachrichten, wenn man in der Bahn stattdessen das härteste Rätsel knacken könnte?

Sich einen Abstand von The Witness am Bildschirm zu nehmen, um sich The Witness in anderem Kontext zu widmen, ist extrem hilfreich - und dass das überhaupt möglich ist und so übergreifend funktioniert, ist eine Meisterklasse in fesselndem Game-Design.

Dass Jonathan Blows neustes Projekt ein Meisterwerk ist, beweist der Game-Designer sogar über die lose „Hauptstory“ hinweg, indem er mit einer besonderen Herausforderung lockt. Wie diese aussieht, werde ich dir nicht mal im Ansatz verraten. Zu schön war der Moment, als ich sie entdeckte und erstmal locker eine Stunde mit offenem Mund über die Insel lief.

Und selbst DANN ist es nicht vorbei, denn über The Witness, seine Ideen und den philosophischen Unterton kann noch lange diskutiert werden. Oder du machst dich nach den richtigen Rätseln auf den Weg und fotografierst all die bezaubernden Wasser-Reflektionen, in denen Steine aussehen wie Menschen. Oder die Zweige, die sich aus einem bestimmten Winkel zu wilden Tieren formieren. Oder die Schatten, die eine ganz eigene Geschichte erzählen.

Mit diesen Beeinträchtigungen kann The Witness zum Problem werden:

Du solltest dir den Kauf des Spiels noch mal überlegen, wenn du unter Farbenblindheit leidest oder gehörgeschädigt bist. Du wirst einige der Puzzles, die zum Beenden des Games nötig sind, nicht lösen können. Bei manchen Leuten kann The Witness darüber hinaus Motion Sickness auslösen, hier wurde allerdings schon ein Patch versprochen, der dieses Problem beheben könnte.

Mein Test-Fazit zu The Witness:

Nur zwei Wörter: Brillantes Meisterwerk.

Die GIGA GAMES Wertungsphilosophie

Zu den Kommentaren

Kommentare zu diesem Artikel

Neue Artikel von GIGA GAMES

  • MediEvil im Test: Sympathisch angestaubter Klappermann

    MediEvil im Test: Sympathisch angestaubter Klappermann

    Böse Zauberer, ein tollpatschiger Held und zweite Chancen: Die PS4-Neuauflage MediEvil versprüht den Charme des 1998 veröffentlichten Originals. Wieso das aber auch Probleme mit sich bringt, erfahrt ihr im Test des kultigen Geschicklichkeitsspiels.
    Olaf Bleich
* Werbung