Phantom Doctrine sieht auf den ersten Blick aus, als hätte die XCOM-Reihe den Aliens endgültig eine Absage erteilt und den Weg in den Kalten Krieg gefunden. Doch der Vergleich hinkt: Jeder, der bei Phantom Doctrine ein XCOM in neuem Setting erwartet, sollte sich nicht zu viel erhoffen. 

 

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Phantom Doctrine in der Vorschau

An die zuständigen Behörden

22. August 2018, Operation Phantom Doctrine. Codename: XCOM-Klon.

Agent Fuhrmann betritt seinen Arbeitsplatz und startet die Plattform Steam auf seinem Computer. Ihm flimmert ein Titel entgegen, der den Namen Phantom Doctrine trägt. Viel hat er schon davon gehört. Anpreisungen, die den rundenbasierten Strategietitel aus dem Hause CreativeForge Games mit XCOM vergleichen. Die Vorfreude des Agenten steigt angesichts seiner Faszination von XCOM und dem direkten Nachfolger. Doch schon wenige Stunden später muss er realisieren, dass die Vergleiche nicht richtig passen. Während XCOM auf Hochglanz poliert wurde und die Spielmechaniken darin nahtlos ineinander greifen, hat Phantom Doctrine noch mit so einigen Problemen zu kämpfen.

Dennoch gibt er dem Spiel eine Chance und entdeckt, dass Phantom Doctrine seinen ganz eigenen Charme mit sich bringt. Nachdem viele Stunden mit dem Auswerten von Dossiers, dem managen von Agenten und dem Infiltrieren von diversen Feindbasen verbracht wurden, steht sein Urteil fest. Phantom Doctrine hat ein mächtig großes Potenzial. Aktuell fehlt es jedoch noch ein wenig am Feinschliff. Der Test zu Phantom Protocol wurde den Anlagen dieses Dossiers hinzugefügt.

Ende der Aufzeichnung

Genug der Agenten-Berichte in diesem Test. Diese gibt's ab sofort nur noch in Spielform! Denn in Phantom Doctrine schlüpfst du in die Rolle eines waschechten Geheimagenten der CIA oder des MI-6, der im Kalten Krieg zwischen den Fronten agiert. Dabei wirst du nicht nur mit Intrigen, gefährlichen Einsätzen und Verrätern in den eigenen Reihen konfrontiert, sondern musst vor allem dein eigenes Hauptquartier managen und sicherstellen, dass die Operationen stetig fortlaufen. Als Geheimorganisation „Kabal“, der du mit anderen Agenten angehörst, gehst du zudem gegen die Bedrohung der „Beholder“ vor. Und hier zeigt sich schon: So interessant das Setting an sich ist, so austauschbar und belanglos ist die Geschichte in Phantom Doctrine.

Im Grunde lässt sich das ganze Geschehen auf die bereits angesprochenen Agenten-Intrigen herunterbrechen, die in diversen Büchern, Filmen und anderen Medien in Vergangenheit zig Male behandelt wurden. In Phantom Doctrine wird dem nichts Neues hinzugefügt. Dennoch ist die Atmosphäre dank der stimmigen Zwischensequenzen und des interessanten Stils stets so dicht wie der Qualm in den verrauchten Hinterzimmern des Hauptquartiers. Und vor allem ist es nicht die Story, die mich an Phantom Doctrine bindet. Es ist das Gameplay, das zeitgleich an XCOM erinnert und sich durch eigene Ideen (und leider auch Schwächen) davon unterscheidet.

Überall in der Welt zu Hause

Als leitender Agent sitzt du im Hauptquartier der Kabale und koordinierst von dort aus die Einsätze. Soll Agentin „Canasta“ nach Dubai und dort Aufklärung betreiben? Oder begibt sich „Durand“ auf eine Sabotagemission, um den Fortschritt der Feinde zu behindern? Da blinkt auch schon ein mögliches neues Versteck auf der Karte auf, das ausgekundschaftet werden kann. Schließlich sind dir die Beholder immer auf den Fersen, das Hauptquartier muss also regelmäßig verlegt werden, um einen Angriff und somit den Verlust von wertvollen Informationen oder Agenten zu verhindern.

Die Koordination der Agenten hätte schon als eigenes Spiel im Stile von Plague Inc. durchgehen können. So reizvoll ist das Zeit- und Ressourcenmanagement auf der Weltkarte. Doch der eigentliche Hauptteil von Phantom Doctrine spielt sich nicht hinter dem Schreibtisch ab. Die Agenten müssen ins Feld, um dort Informationen zu beschaffen oder Ziele auszuschalten. Und dort fängt Phantom Doctrine leider zu schwächeln an.

Taktisch durch die Wand geballert

Nehmen wir eine Mission als Beispiel, in der wir aus einer Basis wichtige Infos zu einem feindlichen Agenten holen müssen, der unter einem Deckmantel operiert. Da deine Agenten in geheimer Mission unterwegs sind und zumeist in Zivil auftreten, können sie sich zumindest in öffentliche Gebäuden ohne Gefahr aufhalten. Doch die abgesperrten Bereiche, in denen die Machenschaften der Beholder ablaufen, sind Tabu. Für jede Mission bleiben hier ziemlich genau zwei Optionen: Entweder du schnappst dir deine leisen Treter und schleichst dich durch die Feindesreihen oder du ballerst dich mit deinen Agenten durch die Bereiche hindurch.

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Beim Schleichen kommt alles auf deine Vorbereitung an. Hast du das Gebiet ausgekundschaftet, stehen zusätzliche Boni bereit. So lassen sich etwa Räume durch einen externen Beobachter scannen. Ein tolles Feature für alle, die ohne Aufsehen durch die Level kommen wollen. Im selben Zug werden Wachen lautlos K.O. geschlagen, Kameras abgeschaltet und Sicherheitssysteme überlistet. Natürlich bringt dies eine Gewisse Prise „Trial and Error“ mit sich, macht aber umso mehr Spaß, wenn alles aufgeht und du ungesehen die Evakuierung einleiten kannst.

Die zweite Option, der offene Kampf, liegt Phantom Doctrine leider noch nicht so wirklich. Zwar machen die Feuergefechte aufgrund der fehlenden Trefferwahrscheinlichkeit (siehe XCOM) mehr Spaß, doch wird dieser gleich wieder durch die miserablen Sichtlinien nieder gemacht. Während des Schusswechsels kann es durchaus vorkommen, dass Gegner einen eurer Agenten quer über die Karte aufs Korn nehmen, obwohl dieser hinter mehreren Wänden und in voller Deckung steht. Die Entwickler arbeiten bereits an einer Verbesserung und haben sogar schon erste Updates diesbezüglich veröffentlicht. Hundertprozentig funktionieren diese zwar auch nicht, lindern dafür aber den Frust zumindest ein wenig.

Die Kämpfe sind deutlich schwerer als in anderen Genrevertretern, zudem müssen sie genau geplant sein. Wenn du mit deinem Team aus Agenten und Soldaten einfach wild drauf los kämpfen willst, ist Phantom Doctrine leider nichts für dich. Aber nicht nur in Sachen Kämpfe und Schleichen, auch bei den Gegnerrunden, die einen Großteil der Rundenstrategie ausmachen, braucht es viel Geduld. Ewig lange Wartezeiten sollen aber ebenfalls in Zukunft mit einem Patch behoben werden – es bleibt abzuwarten, ob die Kämpfe danach angenehmer zu spielen sind.

Der rote Faden

Geht eine Mission zu Ende oder spuckt einer der Informanten neue Geheimnisse aus, geht es zurück in die Zentrale. Hier glänzt Phantom Doctrine mit einer eigenen Idee, die perfekt ins Setting passt: Eine Pinnwand, an der du zunächst geschwärzet Dossiers nach Codenamen oder Orten durchsuchst und diese dann miteinander verbindest. So werden Decknamen geknackt und die Geschichte weiter vorangetrieben. Ein spaßiges Minispiel, das immer wieder aufs Neue lockt, wenn weitere Dossiers eingetroffen sind. Auch, wenn du zwischen den zahlreichen Verbindungen schnell den berühmten roten Faden verlierst.

Dieser wird dir in den ersten Stunden in Phantom Doctrine aber sowieso fehlen. Schließlich sind die Menüs verschachtelt, die Fertigkeiten der Agenten in einzelnen Kategorien versteckt und die Aktionen sowie mögliche Erweiterungen und Trainings im Hauptquartier werden dir auch nur äußerst spärlich erklärt. Hier hätten die Entwickler den Spieler ruhig noch ein wenig länger an die Hand nehmen können. Allerdings ist die lange Eingewöhnungszeit durchaus lohnenswert. Denn am Ende steht ein Spiel, bei dem zumindest ich immer wieder das Gefühl habe, „nur noch eine Runde“ spielen zu wollen – und schließlich trotzdem mitten in der Nacht noch vor dem Rechner sitze, um die eigenen Agenten zur nächsten Mission gegen die Beholder zu schicken.

Fazit zu Phantom Doctrine

Die Entwickler von Phantom Doctrine arbeiten aktuell noch daran, das Spiel zu einem guten Vertreter seinen Genres werden zu lassen. Die Grundlagen wie eine packende Atmosphäre, tolles Management und eine Prise Eigenständigkeit durch das Agenten-Setting sind auf jeden Fall vorhanden. Doch lassen die Macher das vielversprechende Konzept durch einige Schönheitsfehler und Macken das Potential noch unausgeschöpft. Sollte Phantom Doctrine in den kommenden Wochen und Monaten Patches bekommen, die die Sichtlinien korrigieren und die Wartezeiten zwischen den eigenen Zügen verringern, dann kann meine Test-Wertung ruhig noch um den ein oder anderen Punkt nach oben korrigiert werden.

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Zwar hat mich das Spiel erst nach ein paar Stunden des Ausprobierens voll in seinen Bann gezogen, dafür war es danach genauso treibend, wie ich es mir erhofft hatte. Wer über die Macken hinwegsehen kann und sich Zeit nimmt, Phantom Doctrine nach und nach kennenzulernen, kann sogar schon jetzt zuschlagen. Allen anderen empfehle ich, die Entwickler und deren Social-Media-Kanäle im Blick zu behalten. Sobald dort die Behebung der angeprangerten Fehler bekannt wird, kann ich Phantom Doctrine allen Strategiefreunden uneingeschränkt wärmstens ans Herz legen.

Phantom Doctrine wird dir gefallen, wenn du mehr schleichen als ballern willst und dir taktische Planungen liegen.

Phantom Doctrine wird dir nicht gefallen, wenn du lieber direkte Konfrontationen à la XCOM spielst oder Strategiespiele im Allgemeinen eher weniger etwas für dich sind.