Days Gone im Test: Die Trailer waren eine Lüge – aber das ist gut so

Kamila Zych 4

GIGA GAMES-Redakteurin Kamila Zych hat bereits einige Zeit in der maroden Farewell-Wildnis von Days Gone verbracht. Dabei ist ihr aufgefallen, dass das Spiel ganz anders ist, als es in den Trailern vorgibt zu sein. Warum es sich trotzdem – oder gerade deshalb – lohnt, erklärt sie dir im Test.

808 Tage. So lange begleite ich also schon Deacon St. John auf seiner Reise, wie mir das Spiel im Hauptmenü anzeigt. Und wenn ich so darüber nachdenke, fühlt es sich tatsächlich so an, als hätte ich bereits eine ganze Menge mit ihm durchgestanden. Es ist fast so, als würde den Biker und mich eine tiefe Freundschaft verbinden. „Huch, bin ich gerade wirklich im richtigen Test?“, fragst du dich womöglich gerade. Denn schließlich würde man bei einem Zombie-Spiel – Entschuldigung, Freaker-Spiel natürlich – wie Days Gone als solches beworben wurde, einen anderen Einstieg erwarten.

In den Trailern standen immer wieder unermüdliche Freaker-Horden im Vordergrund, gegen die du dich offenbar nur mithilfe von Dauerfeuer wehren kannst. Doch die Realität des Spiels sieht anders aus. Du begegnest zwar hin und wieder großen Zombie-Massen, aber ein Gemetzel à la World War Z solltest du hier nicht erwarten. Zumindest am Anfang nicht. Im Laufe des Spiels soll es dir zwar durch entsprechendes Aufleveln und stärkere Waffen möglich sein, dich solchen Horden zu stellen, Begegnungen dieser Art scheinen aber trotz dessen eher die Ausnahme zu sein.

Viel mehr als nur Horden

Durch die prominente Präsentation der Freaker in den Trailern mag Days Gone für einige den Eindruck erweckt haben, ein klassischen Zombie-Spiel zu sein. Dabei ist es viel mehr als das. Während ich bei meinem ersten Anspielen über die angepriesenen andauernden Gefahren im Spiel schmunzeln konnte, verstehe ich nun, nach rund 30 Stunden Spielzeit, was Creative Director John Garvins mit seiner Aussage „Die ganze Welt will dich töten“ meint. Days Gone schafft es tatsächlich, mir ein Gefühl der ständigen Bedrohung zu vermitteln. Sei es ein Hinterhalt durch Plünderer oder Ripper, auf Baumkronen sitzende Scharfschützen oder hungrige Wolfsrudel – überall lauern Gefahren. Daher ist es umso wichtiger, stets die Augen offen zu halten. Ich habe mir bereits angewöhnt bei jedem Öffnen eines Kofferraums den Finger auf dem Knopf für den Nahkampfangriff bereitzuhalten – schließlich könnte jederzeit ein kleiner Freaker – bekannt als Krabbler – herausspringen und mich angreifen.

John Garvins von Bend Studios gibt im Video Survival-Tipps, damit du in days Gone gut vorbereitet bist.

Days Gone | John Garvins Survival-Tipps.

Survival auf Sparflamme

So bedrohlich die Welt von Days Gone auch scheinen mag, umso harmloser wirkt sie dann wiederum, ist der erste Schreck erst einmal überwunden. Denn meist kannst du die Angriffe deiner Gegner – ob Freak, Mensch oder Tier – nach kurzer Zeit durchschauen, da jene sich in regelmäßiger Abfolge wiederholen. Auch in Sachen Survival sollten sich Fans des Genres nicht allzu viel erhoffen: Ressourcen wie Tank und Schrott, die essenziell für die Instandhaltung deines Bikes sind, spawnen an bestimmten Orten immer wieder nach. Bei einigen Missionen werden die Anzeigen für das Benzin und den Zustand deines Motorrads komplett ausgeblendet, was deine Befürchtung auf der Straße liegenzubleiben gänzlich schwinden lässt. Andererseits hast du somit endlich die Möglichkeit, richtig aufs Gas zu treten und die Straßen von Farewell ohne Bedenken zu durchfahren. Ich kann nur empfehlen, dir beim Mechaniker Lachgas für dein Bike zu kaufen. Damit erhältst du dann noch einen Extra-Schnelligkeitsschub für brenzlige Situationen oder du düst einfach zum Spaß durch die Gegend. Mit der Zeit schaltest du auch spezielle Designs frei, womit du dein Gefährt optisch individualisieren kannst.

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Wie bei jedem lang ungenutzt gebliebenen Fahrzeug, scheint sich auch die Handlung von Days Gone erst einmal warmfahren zu müssen. Ich bin beispielsweise schon an einem Punkt angelangt, bei dem ich das Gefühl hatte, allmählich dem Ende der Kampagne entgegenzusteuern. Doch genau dann bekam die Geschichte noch eine Wendung und es entwickelten sich neue Handlungsstränge, die es zu verfolgen gilt. Nun werde ich hoffentlich noch viele weitere Stunden mit meinem Lieblingsbiker verbringen können.

Wenn du also ein Fan von umfangreichen Stories bist, wirst du in Days Gone sicherlich weit über 30 Stunden Spielspaß haben. Hierbei wirst du nicht nur der Jahre zurückliegenden Pandemie auf den Grund gehen und die Motivation des ominösen Ripper-Kults aufdecken, sondern versuchst auch mit dem Verschwinden deiner Ehefrau zurechtzukommen.

Storytelling und Animation auf altem Niveau

Das in die Missionen integrierte Netflix-Prinzip, von dem John Garvins mir erzählt hat, erschließt sich mir nur bedingt. So ist es dir möglich zwischen verschiedenen „Episoden“ hin- und herzuspringen, was im Grunde aber auch nur ein klassisches Auswahlverfahren zwischen Haupt- und Nebenmissionen ist – mit der Ausnahme, dass dir dein Fortschritt in Prozent angezeigt wird und die Karte nicht mit allen erdenklichen Symbolen vollgeklatscht ist.

Auch wenn die Missionen generell recht abwechslungsreich sind, schleicht sich dann doch die ein oder andere „Fahre zu Punkt A und spreche mit Person X“-Quest ein, die die Geschichte unnötig langzieht. Besonders nervig ist es, wenn du einer Person ausschließlich im Schritttempo folgen musst, die Sequenz aber auch nicht überspringen kannst, weil du ja den Inhalt des Dialogs nicht verpassen möchtest. Es wird noch besser: Spricht Deacon mit jemanden via Funk, kannst du dich währenddessen nicht auf dein Bike setzen und schon mal eine Strecke fahren, sondern musst tatenlos in der Gegend herumlaufen, bis das Gespräch beendet ist. Hier wäre es sinnvoll, zumindest die Möglichkeit zu haben, derweil ein paar Pflanzen zu sammeln, die du im Anschluss bei einem Camp gegen Vertrauenspunkte tauschen könntest.

Bahnbrechenden Animationen solltest du in Days Gone nicht unbedingt erwarten. Filmische Sequenzen gehen teilweise sehr holprig in Gameplay-Szenen über und die Animationen bei Dialogen beschränken sich hauptsächlich auf die Bewegung des Mundes. Umso schöner wirkt hingegen die idyllische Spielwelt, die auf den ersten Blick monoton und waldlastig scheinen mag, doch bei genauerem Hinsehen, wahre Postkartenmotive in sich birgt. Gerade Liebhaber des Fotomodus kommen hier auf ihre Kosten – und dieser ist in Days Gone auch sehr umfangreich. Hier ein Foto, auf das ich sehr stolz bin:

So viele Gefahren Days Gone auch mit sich bringt, so vielfältig sind die Geschichten, die es erzählt. Auch wenn es einer linearen Story folgt, kann ich mir vorstellen, dass jeder Spieler seine eigene, individuelle Erfahrung mit Deacon St. John macht, da eben so viel Unerwartetes passieren kann. Die Spielwelt fügt sich stimmig mit dem Gameplay und den Charakteren des Spiels zusammen, was das Erlebnis noch immersiver macht. Ich habe bisher 808 aufregende und emotionale Tage in der Farewell-Wildnis erlebt – und die Reise ist noch nicht zu Ende. Wer weiß, was mich als Nächstes erwartet …

Wird dir gefallen, wenn du umfangreiche Stories magst und unerwartete Ereignisse nicht scheust.

Wird dir nicht gefallen, wenn du einen Zombie-Shooter mit viel Geballer erwartest.

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