Im Test: Metro Exodus ist Terror – und fantastisch

Marina Hänsel 2

4A Games kommt aus den Tunneln gekrochen und übergibt uns nach den angepriesenen Metro 2033 und Metro: Last Light eine neue Dosis radioaktiver Strahlung, verfeinert mit Skeletten, grauenerregenden Monstern und – allen voran – Liebe. Hör auf, dir darüber Gedanken zu machen, welchen Launcher das Spiel hat. Es ist fantastisch.

Das Gute an Metro Exodus ist ohne Frage, dass es genau jene Versprechen einhält, die es mit den Trailern gegeben hat: Einen immersiven, Story-getrieben Shooter, der ebenso horrend, wunderschön wie auch emotional ist. Ich habe ein Faible für Horrorerfahrungen, weniger für Shooter – ein Grund wohl, weswegen ich nie Metro 2033 und Metro: Last Light gespielt habe. Ketzerei! Blasphemie! TUNNEL-SHOOTER!

Aber, um meine Ehre zu verteidigen, ich habe Dmitri Gluchowskis Metro 2033 in Vorbereitung auf das Spiel gelesen. Ein Buch, das  emotionaler und grausiger ist, als ich erwartet hatte; über einen jungen Mann, der in den Tunneln nach dem Atomschlag zu überleben versucht. Artjom ist sein Name, und eben diesen mutigen Kämpfer spielst du in Metro Exodus, nur mehrere Jahre nach den Büchern und Spielen. Die Metro selbst wirst du gleich – oder fast gleich – zu Beginn verlassen; nach draußen, in die staubigen Weiten des atomverseuchten Russlands. Artjom und eine Gruppe von befreundeten Soldaten erforschen das erste Mal die Welt über der Erde, auf der Suche nach  – ja, nach was? Leben? Einem Zuhause? Einer Zukunft?

Und das, nachdem dich die gesamte Metro-Reihe durch schwarze Tunnel krabbeln ließ. Jep, es waren wirklich Tunnel-Shooter, und Metro Exodus ist keiner. Jep, es ist eine Veränderung. Jep, so etwas kann schlecht ausgehen, denn Fans sind enttäuscht (TUNNEL-SHOOTER?). Jep, das ist absolut kein Problem, denn nicht nur erfreut sich das Spiel eines sehr soliden nicht-Open-World-Map-Designs, es wirft dich auch zurück in Tunnel. Lässt dich durch Bunker kriechen. Und Höhlen. Und die Kanalisation. Und ewww. Es ist wundervoll.

Exquisite Ekeldinger

Lass uns generischen Phrasen á la „Die Monster in Metro Exodus sind in HD furchterregend und schaffen es, durch Geräusche in der Ferne sowie Jump-Scare-Angriffe eine stets spannende Atmosphäre im Spiel zu generieren“ im Tunnel zurücklassen und unseren Weg in spannendere Gebiete fortsetzen: Metro Exodus ist gruselig und eklig und WTF ist das da, was da auf meiner Gasmaske krabbelt? Nun ist es aber auch eine Gratwanderung, die Metro hier geht – zwischen einem Action-Shooter, der nach Adrenalin-reichen Kämpfen und Monsterhorden verlangt, und einer gruseligen Atmosphäre.

Am Ende gewinnt die Action. Nur hat es mich doch beeindruckt, wie intensiv Metro dennoch den Horror-Aspekt auslebt und ausleben kann. Trotz Krachbumm, trotz nicht gerade wenigen Stealth-Sequenzen, trotz Monstern, die wieder und wieder und wieder abgeknallt werden. Das Kampfsystem ist anspruchsvoll, genau und schnell genug, um immensen Spaß zu machen: Auto-Aim existiert in der Konsolen-Version kaum, Headshots sind Headshots und Gegner sind oft derart schnell oder weichen aus, dass du zu schwitzen beginnst: Nur noch drei Kugeln im Magazin, alle anderen Waffen leer, verdammt, schon wieder daneben! Naja, du kannst ja noch Messer werden, wenn’s hart auf hart kommt. (Du wirst sterben.)

Zwar wählst du aus einer recht begrenzten Anzahl an Waffentypen, wie Pistole, Shotgun oder Sniper; kannst diese aber derart umbasteln, dass sich zwei Pistolen wie zwei komplett unterschiedliche Waffen anfühlen. Das Crafting-System ist nicht überwältigend, aber absolut ausreichend: Generell schnappst du dir Mods von Waffen, die du findest, baust sie ab und verbesserst damit andere. Generische Bastel- oder Medizin-Vorräte sammelst du gleichsam, um Munition und anderes herzustellen. Ich habe es als Erleichterung empfunden, hier eher weniger als mehr basteln und sammeln zu müssen. Denn das passiert alles in Echtzeit. Schnell Munition im Kampf herstellen?

Hörst du mich lachen?

Exquisite First-Person-Sicht

Metro Exodus gehört zu jenen Spielen, die früh morgens um 7 Uhr an deiner Schulter rütteln und dich fragen, „Denkst du etwa, im echten Leben könntest du mitten im Kampf Medizin herstellen?“ Und du bist einfach zu fertig mit der Welt, denn du hast gestern bis 4 Uhr nachts gespielt, um diese eine Stelle zu überwindenAbgesehen von der Ressourcenknappheit konzentriert sich der Shooter ohne Frage auf das Hineinfühlen in Artjoms Welt, auf den Realismus und nicht zuletzt auf dich. Während du spielst, aber auch in allen Zwischensequenzen siehst du die Postapoklypse allein aus Artjoms Augen. Die First-Person-Sicht ist alles.

Das Crafting geschieht an besonderen Tischen, an denen du jedes Mal deinen Rucksack abnimmst und ihn öffnest, um deine Materialen herauszuholen. Gibt’s keinen Tisch, arbeitest du nur mit dem Rucksack – kannst dort aber sehr viel weniger herstellen. Du reinigst deine Waffen. Du reparierst deine Gasmaske. Ich erinnere mich an einen Moment am Anfang des Spiels, in dem ich ohne ersichtlichen Grund gestorben bin. Einfach so. Ich brauchte drei Anläufe, um herauszufinden, woran es lag: Meine Gasmaske hatte ein Loch. Ich konnte es sogar sehen, und ja, es gibt einen Knopf, den du drückst, damit Artjom ein Stück Klebeband daraufklatscht. Was.

Es ist beeindruckend, wie viel Aufmerksamkeit Entwickler 4A Games allein darin gesteckt hat, dich so nahe wie möglich an das Geschehen heranzuführen. Oder darin, wie realistisch es ist – im Realismus-Fenster einer Postapokalypse mit ekligen Zombies.

Verdammt, diese Erzählstruktur

Wusstest du, dass Metro-Autor Dmitri Gluchowski bei den Dialogen und der Story seine Finger im Spiel hatte? Also wirklich im Spiel, er hat sie abgeschraubt und reingeworfen, das Spiel einmal geschüttelt und dann zurück an A4 gegeben. Ich bin der 100-prozentigen Überzeugung, dass die Erzählstruktur vielleicht oder vielleicht auch nicht genau deswegen so gut wundervoll ist. Aber selbst, wenn ich mich irre, eines kann ich versprechen: Die Erzählweise ist fantastisch. Die Story aber nur gut – Hollywood-like, ich gebe es zu. Emotional, nicht komplett originell oder unvorhersehbar, aber Geschichten müssen nicht neu sein. Letztendlich müssen sie nur gut sein, richtig?

Im heutigen Videospiel-Universum sind lebendige, raue Charaktere eine Seltenheit. Red Dead Redemption 2 hatte sie, aber Red Dead war auch ein mehr oder weniger interaktiver Film, mit angehängter Sandkasten-Open-World. Metro Exodus dagegen schwingt endlos zwischen gefühlvollen Story-Missionen, böser Action, „Verdammt, WO IST MUNI?“ und Save-Room-Sequenzen in der Aurora, die du zum Händchenhalten, Rauchen oder Trinken mit deinen Freunden nutzen kannst. Es sorgt dafür, dass du dich mit ihnen verbunden fühlst. Du hörst dir ihre Geschichten an, viel zu oft über jene, die sie verloren haben. Du feierst mit ihnen, wenn etwas gut gelaufen ist und du schweigst mit ihnen, wenn das Grauen dieser gebrandmarkten Welt offensichtlich wird.

Metro Exodus zieht alle Hebel, um dich fühlen zu lassen, was hier passiert. Ein paar Skelette, die herumliegen? Nein, das waren Menschen. Das waren Leben. Zwar mag das Spiel nicht so versiert darin sein, mit der Umgebung Geschichten zu erzählen – aber was es nicht erzählt, drückt in deinem Bauch und in deinem Hals. Will rauskrabbeln in Worten, die du nicht zu finden vermagst. Horror kann Jump-Scares oder Fleischerfabrik sein, aber Terror ist schwieriger in Bilder und Ton umzusetzen: Das Gefühl, etwas sei nicht richtig. Etwas sei böse, traurig, grauenerregend. Metro Exodus ist Terror. Zwar nur in bestimmten Momenten, aber allein das – alleine diese wenigen Minuten reichen, um zu verweilen. Auch dann, wenn du das Spiel weggelegt hast.

Was war das, Artjom?

So atomtastisch Metro Exodus auch ist, hat es doch auch ein paar Schwächen. Die größte wiederum ist kein Bug, kein Fehler und nichts, was dich wirklich aus dem Spiel reißt. Oder dich unglücklich macht. Es ist eher … seltsam. Fast ein bisschen lustig an einigen Stellen, aber dann doch wieder befremdlich. Denn Artjom spricht nicht. Und ich weiß ganz genau, warum er das nicht tut – es ist so logisch und gut durchdacht, dass ich auf diesen Makel eigentlich eher wohlwollend schauen möchte. Denn natürlich gibst du einem Charakter keine Stimme, in den sich der Spieler hineinfühlen soll. Und Metro Exodus‘ stellt DICH an allererste Stelle, alles im Spiel schreit nur danach, dass du deine Realität vergessen und am besten mit Kopf und Seele in diesen Spiel hineinspringen sollst.

Trotzdem sagt Artjom – der Charakter, den du spielst – nie etwas. Nicht im Spiel, nicht in den Zwischensequenzen. Was das Ganze noch surrealer macht ist auch, dass die Charaktere darauf reagieren. Artjom sei also wortkarg, still. Schüchtern vielleicht? Manchmal wird er auch dazu aufgefordert, zu antworten. Und ich will den Mann bei der Schulter nehmen, ihn einmal kräftig schütteln und dazu auffordern, endlich den Mund aufzumachen. Was ist nur los mit dir, Artjom? Ich denke, er ist einfach traumatisiert. Hat seine Stimme verloren nach all den schrecklichen Dingen, die er in Metro 2033 und Metro: Last Light gesehen hat. Armer Mann.

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Es gibt mehr, das nicht atomtastisch ist. Manche Missionen driften an einigen Stellen in repetitives Schießen ab; Action-Fans dürften aber auch hier nicht enttäuscht sein. Manchmal ist es anstrengend, zwischendurch Notizen zu lesen. Manchmal erscheint es wenig sinnvoll, die gesamte Mission-Map zu erkunden: Du findest Materialen und Munition – eigentlich ein sehr guter Grund, um die Map zu durchforsten – aber nichts… tolles. Nichts wirklich Wichtiges. Oder vielleicht habe ich es nur nicht gefunden?

Einige Stealth-Szenarien sind durchgehend anstrengend anstatt spaßig und an einer Stelle hatte ich das Gefühl, aus dem Stealth in die Offensive gezwungen zu werden. Obwohl ich niemanden töten wollte – obwohl ich mehrere Stunden daran gearbeitet habe, eben wirklich niemanden zu töten. (Die Wiederholung ist beabsichtigt). Es war der frustrierendste Moment im Spiel, der leider auch zeigt, dass A4 Games‘ Metro trotz allem eher im Tunnel als in der offenen Welt brilliert. Die intensivsten Momente hatte ich 2 Uhr nachts tief, tief, tief unterhalb eines Bunkers, als ich durch stockdunkle Lüftungsschächte kroch und plötzlich meine Batterie nachgab. Ich glaube mich zu erinnern, sogar geschwitzt zu haben. Und ich kann dir gar nicht sagen, wie viele Stunden ich da unten gefangen war, vielleicht eine oder zwei, aber es war – toll.

Schrecklich, klar. Aber toll. Und dann das Ende.

Offensichtlich werde ich dir hier nicht das Ende spoilern. Dennoch hinterlässt das Ende eines Spiels stets ein gewisses Gefühl, ähnlich dem Epilog im Film. Ich kenne Menschen, die einen Film nach einem unpassenden Ende komplett verdammen. Das ist unfair, aber irgendwie auch verständlich – das Ende ist eben das Ende. Und Metro Exodus läuft in den letzten Stunden zu Höchstleistungen auf. Spoiler dich nicht. Sieh dir keine Trailer mehr an. Lies dir nichts weiter dazu durch. Spiel es, wenn du Interesse an einem tiefgehenden Story-Shooter hast. Ende.

Wird dir gefallen, wenn du dich ganz in einer Postapokalypse verlieren möchtest, wenn du mitfühlen willst und großes Kino erwartest.

Wird dir nicht gefallen, wenn du einen gnadenlosen Shooter erwartest oder schreist, sobald sich eine Spinne mit dir in einem Raum befindet.

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