Shadow of the Tomb Raider im Test: Mit Schlamm, Schuld und Schatulle

Victoria Scholz 1

Ganze drei Jahre musste ich warten, bis ich endlich wieder mit Lara klettern, kämpfen und rätseln konnte. Mit Shadow of the Tomb Raider endet die Trilogie des Reboots und macht dabei vieles anders. Aber können diese Neuerungen die Erwartungen der Lara-Fans (inklusive mir) an den letzten Teil der Reihe erfüllen?

Im ersten Teil des Reboots hattest du es mit einer jungen und unerfahrenen Lara Croft zu tun, die sich ihre Sporen als Reliktjägerin noch verdienen musste. Die Entwicklung der Protagonistin ist im dritten Teil deutlicher zu spüren als in sonst einem Tomb Raider-Teil.

Während Shadow of the Tomb Raider macht sie einen Gefühls-Cocktail aus Schuld, Schmerz und Wut durch – und wächst schließlich daran. Immerhin löst Lara versehentlich die Apokalypse aus. Um diese aufzuhalten, bekommt sie zahlreiche neue Gameplay-Mechaniken spendiert, die allesamt unglaublich Spaß machen. Angefangen beim Schlamm.

Keine Zeit, den kompletten Test zu lesen? Ganz unten findest du eine Zusammenfassung samt unserer Wertung. In diesem Test findest du einige Spoiler zur Story. Vor diesen Stellen gibt es noch eine gesonderte Warnung. Die Wertung ist aber Spoiler-frei geschrieben.

Das ist alles neu in Shadow of the Tomb Raider:

Shadow of the Tomb Raider: 10 Neuerungen.

Wo ein Wille ist, da ist auch Schlamm

Da Lara öfter im Dschungel oder bei Regen unterwegs ist, wirst du häufig auf Schlamm treffen. Relativ zeitig im Spiel bemerkt die Grabräuberin daher, dass sie diesen zu ihrem Vorteil nutzen kann. Und so versteckt sie sich nicht nur in Büschen, sondern schmiegt sich auch an Schlammwände und wird dadurch fast unsichtbar. Die aus vorherigen Teilen bekannten Überlebensinstinkt spielen bei dieser Mechanik eine noch größere Rolle. So zeigen sie dir an, welchen Gegner zu gefahrlos lautlos töten kannst.

Der Schlamm funktioniert auch deshalb so gut, weil er verschwindet, wenn du durch Wasser schwimmst und du gezwungen wirst, erneut zu einer Schlammpfütze zu eilen. Da sich Gegner in jedem Spiel irgendwann weiterentwickeln, bekommen die Feinde in Shadow of the Tomb Raider im Laufe des Spiels Infrarot-Brillen spendiert, weshalb du irgendwann Schlammwände nutzen musst, um so eine undurchschaubare Barriere zwischen dich und den Gegner zu bringen.

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Wie im zweiten Teil kann Lara zudem auf Bäume klettern und Gegner von oben attackieren. Schaltest du eine Fähigkeit frei, versteckt sie den getöteten Feind sogar in der Baumkrone. Mein persönliches Highlight war der Punkt, an dem ich eine Pfeilart freigeschaltet habe, mit der Gegner verrückt werden und ihresgleichen angreifen. Das ist zwar keine Revolution im Gaming-Bereich, erweitert die Stealth-Einlagen aber deutlich und fühlt sich einfach gut an.

Zu wenig, zu spät, Lara.

Ich wünschte nur, dass es mehr von diesen Schleichszenen gegeben hätte. Denn zu den wenigen Abschnitten, in denen du geheimnisvoll von Schlammwand zu Busch läufst, kommt noch der Zustand, dass die Gegner nach dem Story-Ende aus der Welt von Shadow of the Tomb Raider verschwunden sind.

Genieße also diese Stealth-Einlagen so lange du kannst – und das wirst du auch, da dich die Speicherpunkte in den Kämpfen dazu zwingen. Denn im Gegensatz zu den Herausforderungsgräbern, bei denen fast jeder Schritt von Lara gespeichert wird, wirst du bei verbockten Kampfszenen immer wieder an den Beginn des Abschnitts befördert.

Gleiches gilt für die Klettereinlagen. Mithilfe neuer Mechaniken fühlen sie sich echt und herausfordernd an. In Shadow of the Tomb Raider kann sie sich außerdem abseilen und an Wänden hin und her laufen. Die Animationen sehen dabei so gut aus, dass ich schnell in diese Szenen versinke. Leider gibt es auch hier zu wenig Abschnitte, bei denen du die Kletterkünste von Lara ausprobieren kannst.

Und plötzlich mag ich Unterwasser-Level

Neben dem Schlamm gibt es eine weitere Neuerung im Spiel: Unterwasser-Level. Ich habe sie in jedem Spiel verteufelt, in Shadow of the Tomb Raider machen sie unerwartet viel Laune. Hier kommt übrigens auch der Stealth-Aspekt zum Tragen. So muss sich Lara nämlich in Algenansammlungen verstecken, damit sie kein Hauptgang für Piranhas und Moränen wird. Große Luftlöcher ermöglichen ihr, kurz Luft zu holen. In der letzten Hälfte von Shadow of the Tomb Raider zeigen die Entwickler, wie schön Wasser aussehen kann. Da schwimmst du nämlich durch Cenoten und wunderschön türkises Wasser.

Aber auch diese Mechanik kommt viel zu kurz. Die Idee ist gut, die Umsetzung auch, doch an der Ausführung hapert es. Denn insgesamt gibt es so wenig Unterwasserabschnitte, dass ich froh bin, dass mir das Spiel immer wieder anzeigt, welche Taste ich drücken muss, um bei einem Luftloch Luft zu holen.

Endlich deutlich schwierigere Rätsel

Wie auch schon in Rise of Tomb Raider gibt es 9 optionale Gräber, die im dritten Teil endlich mit schwierigen Rätseln aufwarten. Stellst du den Schwierigkeitsgrad der Rätsel auf Normal, wird Lara bereits ziemlich stumm und dich allein rätseln lassen. Auf Schwer sagt sie gar nichts mehr, hier helfen nicht einmal die Überlebensinstinkte weiter. Erst dann können die Herausforderungsgräber stolz auf das Wörtchen das „Herausforderung“ sein.

Aber auch die Rätsel, die dir im Laufe der Hauptmission begegnen werden, haben es in sich und fordern dich heraus. Einziger Wermutstropfen ist jedoch, dass Lara sehr oft eine Kante nicht greifen will und in ihren Tod stürzt. Die beliebten Action-Szenen, bei denen du Lara durch Sturmfluten oder zahlreiche Gegner manövrieren darfst, werden dadurch besonders geschmälert.

Mehr Schmerz im Fotomodus als im Spiel an sich

In diesem Abschnitt gibt es kleinere Spoiler zur Story von Shadow of the Tomb Raider. Eine Spoiler-freie Zusammenfassung von den nachfolgenden Sätzen: Lara ist erwachsen geworden und macht ein Gefühlschaos durch, was durch Cutscenes gut und durch ihre Mimik schlecht umgesetzt wurde.

Im dritten Teil bekommst es mit einer deutlich erwachseneren Lara Croft zu tun. Sie empfindet Schuld und Schmerz. Da ich seit Angel of Darkness in die Protagonistin verliebt bin, fühle ich natürlich mit ihr. Besonders am Ende gibt es eine Szene, in der sie schiere Wut verspürt. Die Cutscene wechselt in einen dunklen Ton. Flammen lodern im Hintergrund und der Schatten von Lara taucht aus dem Wasser auf. Den Schmerz und die Wut, die Lara in der gesamten Trilogie angesammelt hat, lässt sie in dieser einen Szene raus. Danach darfst du mit Sturmgewehr, Schrotflinte oder Bogen auf Horden von Gegnern schießen.

Leider sind diese Gefühle aber so schnell wieder verpufft, wie sie aufgetaucht sind. Als sie beispielsweise erfährt, dass ein geliebter Mensch gestorben ist, lässt sie sich nichts anmerken und zeigt ihr Gefühl in einem lapidaren Satz. Ein paar Minuten später interessiert es sie schon gar nicht mehr.

Ein weiteres Beispiel: Am Ende von Teil 2 erfahren wir, dass Laras Vater keinen Selbstmord begangen hat, sondern von Trinity umgebracht wurde. Lara trifft in Shadow of the Tomb Raider den Mörder ihres Vaters. Und reagiert ganz überraschend mit einer Pause von drei Sekunden und spricht dann über die Schatulle, die er in der Hand hat.

An dieser Stelle muss ich abschweifen, um zu erklären, wie fremdartig diese Szene auf mich wirkte. Mein erstes Haustier war ein Hamster. Wie du an der Überschrift erkennen dürftest, habe ich eine Leidenschaft für Alliterationen – aus diesem Grund hieß der Hamster Horst. Eines Tages verschwand Horst auf seltsame Weise. Und nachdem mir mein Vater nicht gerade glaubhaft erklärte, dass er auf Brautschau gegangen ist, erfuhr ich 15 Jahre später, dass meine Mutter den Käfig offen gelassen hatte. Daraufhin sprach ich eine Woche nicht mehr mit ihr – und keine lächerlichen drei Sekunden.

Auch, wenn ich beide Spielreihen ungern vergleiche, aber in Uncharted 4 gibt es optionale Gespräche oder Autofahrten, bei denen auf das Erlebte durch Unterhaltungen eingegangen wird. In Shadow of the Tomb Raider wird das durch Selbstgespräche an Lagerfeuern versucht. Außer den Flammen lodert da aber nichts.

Das dürfte auch teilweise daran liegen, dass Laras Mimik und Gestik quasi nicht existent sind. Zwar zeigt sie ab und zu Schmerz und vor allem auch Schuld, aber das reicht nicht, um mit ihr mitzufühlen. Das Witzige daran ist jedoch, dass es im neuen Fotomodus eine Einstellung gibt, bei der du den Gesichtsausdruck von Lara für Selfies ändern kannst. Hier kannst du zwischen Zwinkern, Traurig, Wut, Lächeln etc. wählen. Wenn es also diese ganzen Ausdrücke theoretisch entwickelt wurden, warum sehe ich sie dann nicht in der Story?

So hat sich Lara Croft im Laufe der Spielreihe entwickelt:

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Tomb Raider: Die Evolution der Lara Croft.

Trotz dieser Kritik habe ich das Gefühl, im dritten Teil mehr von Lara Croft erfahren zu haben als je zuvor. So wirst du im Laufe des Spiels zu einem der Croft-Anwesen zurückkehren. Seit Underworld habe ich mir gewünscht, wieder hier zu spielen – und ich wurde nicht enttäuscht. Hier triffst du auf eine junge Lara Croft, die mit dem Schmerz des Todes ihrer Mutter umgehen muss. Dieses Level war eine echte Überraschung für mich und zeigte mir Lara von einer persönlichen Seite.

Mein Fazit zu Shadow of the Tomb Raider: Fan vs. Spieler

In Shadow of the Tomb Raider dreht sich alles um zwei Maya-Götter: die Göttin des Mondes und der Sonne. So zweigeteilt wie die beiden Legenden bin auch ich, wenn es um die Bewertung von Shadow of the Tomb Raider geht. Als Fan von Lara Croft, der drei Jahre auf das Ende der Trilogie gewartet und sich alles Mögliche erhofft hat, wurde ich enttäuscht. Das Ende hat mich in keinster Weise befriedigt. Es fehlte an Drama, einem wahren Höhepunkt, Emotionen und einem Abschluss, mit dem ich die Konsole zufrieden ausschalten kann.

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Als Spieler muss ich aber sagen, dass mich die Stealth- und Kletterpartien gut unterhalten haben. Außerdem ist Shadow of the Tomb Raider wieder schön anzusehen. Die Details und Texturen sind unglaublich, die Umgebung faszinierend. Der dritte Teil besticht wieder einmal durch diese tollen Momente, in denen du stundenlang in einer grauen Höhle herumkletterst, dann aus einem Felsspalt herauskommst und die Kamera auf einen riesigen Tempel zentriert. Von diesen Wow-Momenten gibt es viele. Auch die Details in den Tempeln sind schön herausgearbeitet.

Die Spielzeit von Shadow of Tomb Raider beträgt etwa 17 bis 20 Stunden, wenn du nur ein paar Gräber absolvierst und den Großteil der Sammelobjekte liegen lässt. Willst du das Spiel aber komplettieren, wirst du die 30 Stunden bestimmt vollkriegen.

Wer den dritten Teil aber auf der PS4 spielt, sollte keine großen grafischen Unterschiede zum zweiten Teil erwarten. Dass ich als PC-Spieler nicht mit der PS4-Grafik zufrieden bin, liegt auf der Hand. Aber auch Konsolenspieler bestätigten mir, dass die Grafik auf Sonys Standardkonsole nicht gerade umwerfend ist. Auf der PS4 Pro sieht das ganz anders aus. Hier läuft Shadow of the Tomb Raider flüssig und verpixelt bei Action-Szenen nicht. Auch die Xbox One X-Aufnahmen sprechen eine andere Sprache und sehen deutlich besser aus.

 

Wird dir gefallen, wenn du Spaß an Stealth- und Kletter-Einlagen hast und vor allem gern rätselst.

Wird dir nicht gefallen, wenn du eine mitreißende Story willst und keine Lust auf Sammelobjekte hast.

Da dieser Test nicht aus allen Nähten platzen soll, habe ich nachfolgend einige Pro- und Contra-Argumente für Shadow of the Tomb Raider für dich zusammengefasst.

Das spricht für Laras drittes Reboot-Abenteuer:

  • Die deutschen Synchronsprecher machen einen unglaublich guten Job. Laras Stimme, verkörpert von Maria Koschny, ist so gut, dass sie jeden Text von einem Sammelobjekt in eine Geschichte verwandelt, die du gemeinsam mit einer heißen Tasse Kakao und einer Ärmeldecke genießen willst.
  • Aber auch die Geräuschkulisse zieht dich schnell ins Spielgeschehen hinein. Selbst im Menü hörst du leise Stimmen flüstern. Ich empfehle dir unbedingt Kopfhörer aufzusetzen. Auch die Hintergrundmusik ist authentisch und in jeder Situation passend. So wirst du beispielsweise zum Ende hin an einen Punkt kommen, an dem Lara mit dem 17. Jahrhundert konfrontiert wird. Die Musik, die dazu spielt, hört sich an, als würde sie direkt von Bach oder Händel stammen und mit der Moderne kollidieren. Der Komponist von Shadow of the Tomb Raider ist übrigens Brian D’Oliveira, der auch den Soundtrack zu Tearaway Unfolded beisteuerte.
  • Die Rätsel sind herausfordernd und Lara gibt nicht mehr so viele Tipps. Shadow of the Tomb Raider wurde zudem mehr auf Rätsel ausgerichtet. Die Monolithen, die du im letzten Teil lediglich lesen musstest, haben jetzt eine Rätsel-Komponente spendiert bekommen.
  • Die neuen Mechaniken, wie das Klettern, die Stealth-Parts und die Unterwasserabschnitte, machen unglaublich viel Spaß.
  • Laras Animationen sehen täuschend echt aus. Wie schon in den Teilen davor quetscht sie sich durch enge Gänge und klettert Überhänge – was nicht zuletzt deshalb so viel Spaß macht, weil ihre Animationen so real sind.
  • Die Cutscenes sind wunderschön. Aber auch die Details und Texturen von Objekten und Umgebung sind gut gemacht. Das beginnt schon in Mexiko, wo du zu Beginn des Spiels den Tag der Toten feierst.

Das hat mich an Shadow of the Tomb Raider gestört:

  • Die Story hat zwar Höhepunkte – die sind aber einfach schlicht zu wenig, um zu überzeugen.
  • Die Gestik und Mimik von Lara aber auch von den NPCs ist kaum vorhanden. Außerdem haben viele NPCs, mit denen du sprechen musst, die gleichen Gesichter. Das zerstört die Immersion, die durch Grafik und Co. aufgebaut wird.
  • Zwar gibt es viele Gameplay-Neuerungen, die im Gesamtpaket überzeugen, dafür sind die einzelnen Features, jedes für sich, einfach zu kurz gekommen. So wirst du nicht oft durch den Schlamm laufen oder Unterwasser-Level bestreiten.
  • Die Nebenmissionen sind eine Neuerung, die die Entwickler meinetwegen gern hätten weglassen können. Die laufen nämlich immer nach dem gleichen Schema ab: Sprich mit A, laufe zu B, erstatte A Bericht und gehe dann zu C. Das führt sich dann noch ein paar Schritte so fort. Blöderweise musst du die Nebenmissionen absolvieren, da du damit beispielsweise Upgrades für dein Messer bekommst, um später Zugang zu geheimen Wegen erhältst.
  • Es gibt über 450 Sammelgegenstände. Ich glaube, das bedarf keiner weiteren Erklärung.

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