Mystery-Sci-Fi Observation ist außergewöhnlich – und fast außergewöhnlich gut

Marina Hänsel

Observation ist fantastisch in dem, was es tut. Und das ist, dich als künstliche Intelligenz in eine kaputte Raumstation schicken, auf der du der Astronautin Emma Fisher dabei hilfst, herauszufinden, was verdammt nochmal hier passiert ist. No Codes Mystery-Science-Fiction-Mär drückt alle Knöpfe das Genres auf vortreffliche Art – Künstliche Intelligenz und mystische Ereignisse inbegriffen.

Es gibt nicht genug Mystery im Science-Fiction-Genre, wenn du mich fragst. Natürlich ist sind da Filme wie Interstellar, Moon und Annihilation. Oder Spiele wie Alien: Isolation (mehr Action und Horror als Mystery), Prey, womöglich noch BioShock und Dead Space, wenngleich der schmale Grad zwischen Mystery und Sci-Fi auch hier anderen Genres weichen muss. Ausgeprägte Mystik dagegen scheint mir allein deshalb kaum angefasst zu werden, da sie zu kryptisch werden kann; zu künstlerisch-philosophisch und weniger massentauglich.

Das mag stimmen. Ganz sicher stimmt es für Observation, das wundervoll zwischen langsamem Puzzle-Gameplay, beeindruckendem Realismus und unheimlicher Mystery driftet, mit Augenmerk auf die großen Thematiken des Genres: Künstliche Intelligenzen, Einsamkeit und Wesen aus einer anderen Welt. Es ist mehr 2001: Odyssee im Weltraum als Alien, wobei es von beidem etwas Inspiration saugt und dennoch eine originelle Geschichten zu erzählen weiß.

Als künstliche Intelligenz SAM wachst du über eine Raumstation, die nach einem Unfall weitab ihres eigentlichen Kurses im Raum treibt. Dr. Emma Fisher ist zunächst die einzige Überlebende, mit der du sprechen kannst – und auch sie hat keine Ahnung, was eigentlich passiert ist. Während die Handlung selbst nicht die originellste sein mag, ist die Perspektive faszinierend verdreht. Du als menschlicher Spieler hinter einer Maschine, die sich einzig über Kameras auf der Raumstation bewegen kann – und später mit einer Sphäre, die du durch die seltsam stillen Korridore steuerst. Du kümmerst dich um alles: Fehler im System, Luken, die geöffnet werden müssen, fehlerhafte Sauerstoffpumpen. Überschreiben, Codes herausfinden, neue Verbindungen schaffen.

Aber etwas stimmt nicht. Wo ist die übrige Crew? Und was bedeutet „BRING SIE HER“?

Lass dein artifizielles Auge über den Trailer schweifen, um zu sehen, was dich erwartet:

Observation - Story Trailer.

BRING SIE HER

Observation ist die Art von Spiel, das sich kaum an anderen Titel des Genres messen lässt. In den ersten Sekunden schaltet sich mit einem Klicken dein Bildschirm ein, rauschend, summend; du siehst das Gesicht einer jungen Frau, die dich fragt, ob du ihre Stimme bestätigen kannst. Du bist SAM, die künstliche Intelligenz an Bord einer ISS-ähnlichen Raumstation – Stimme bestätigen? Klar, nichts leichter als das.

Wenngleich es nicht leicht ist. Das wäre es, würde dir das Spiel erklären, was du machen musst – aber es gibt kein Tutorial für SAM. Vielmehr findest du durch Klicken recht schnell heraus, dass es das Stimmmuster von Dr. Emma Fisher zu scannen gilt, was du tust, ehe es grün leuchtet. Deine Systeme erkennen Emma an, aber du auch? Wie hier kannst du öfter im Spiel entscheiden, was SAM tut: Die Stimme ablehnen oder annehmen? Natürlich ablehnen, denkt meine rebellische Seite und es funktioniert, wenngleich es einzig dazu führt, dass du das Muster erneut lesen sollst. Ultimativ kann Emma dich auch überschreiben, harte Konsequenzen für das Spiel hat dein Widerstand also kaum. Du kannst in Observation ein wenig sadistisch sein (und glaube mir, ich habe das ausgenutzt), aber dieses Spiel handelt nicht von einer wahnsinnigen KI.

Nagut, in welchem Spiel wird dann mein Traum eine wahnsinnige KI sein zu dürfen endlich wahr?

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Was nicht schlimm ist. Denn Buchstaben fluten dann und wann deine System, ein Satz, „BRING SIE  HER“, Bewegungen in den leeren Räumen der riesigen Raumstation. Ein Sturm zieht auf und die übrigen Crew-Mitglieder stellen sich über Logbucheinträge und Briefe vor, die du überall auf der Raumstation scannen kannst. Die Atmosphäre von Observation schwappt mit genialen Einfällen gewürzt über dich, greift deinen Controller und zieht dich mitten in einen cleveren Überlebenskampf gegen Mächte, die weder du noch Emma sich erklären könnten. Du tust Dinge, die du nicht verstehst – obwohl du weißt, wie sie funktionieren. Du löst Puzzles und wow, fühlt es sich gut an, die System nach und nach wieder zum Laufen zu bringen! Auch, wenn du Emma niemals wirklich helfen kannst – nicht als KI, nicht, wenn ihr wirklich etwas passieren sollte.

Observation hat einige Fehler, auf die ich unten weiter eingehen will – aber in einem Punkt obsiegt es mit Bravur: Es ist indirekt, unnahbar. Denn ebenso wie du als SAM niemals direkt ins Geschehen eingreifen oder gar direkt antworten kannst, wird dir dieses Spiel nie direkt sagen, was passiert – was es will – oder was es bedeutet. Was du im Spiel sehen wirst, sind keine Aliens, sondern Bilder, Formen und Figuren, die du dir nicht erklären kannst. Und die zudem auch nicht besprochen werden können, denn du bist nicht in der Lage, Emma über diese Dinge zu informieren. Was solltest du auch sagen, abgesehen von „Systeme funktionieren nicht wie vorgesehen“? Gleichsam werden Themen wie Künstliche Intelligenz oder Raumfahrt nur indirekt erzählt oder vielmehr erlebt. Wie menschlich ist eine KI, die von einem Spieler gesteuert wird? Wie schlecht kann dir werden, wenn du die ganze Zeit im Raum driftest? Was tust du, wenn dir deine Systeme etwas anderes sagen, als du gerade siehst? Niemand redet darüber, aber die Fragen schwimmen im Raum und werden von der Story in Observation still diskutiert.

Ich erinnere mich an eine Szene, in der Emma SAM fragt, ob wenigstens er noch bei ihr ist. Als Antwort kann ich einzig „Systeme funktionieren normal“ auswählen, woraufhin SAM mit mechanischer Stimme erwidert – „Ich bin bei dir, Emma.“ Observation ist wundervoll in seiner indirekten Erzählung und ich wünschte, es wäre in jedem Aspekt so fantastisch – was es nicht ist.

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Was Spaß macht: Zwischen Kameras hin und her schalten, Puzzles lösen, Dinge entdecken und scannen. Nützlich sein. Nicht sehr nützlich bist du dagegen, wenn du die Kontrolle über eine mechanische Sphäre übernimmst und selbst durch den Raum fliegst, denn das ist zwar schön – anfangs – aber auch schrecklich.

Schrecklich, weil du die Orientierung in den Abschnitten der Raumstation quasi sofort verliest. Schrecklich, weil du trotz Map-Marker mithilfe einer langsam-hakeligen Steuerung durch die Räume driftest, schief, auf dem Kopf und wehe, du stößt irgendwo an: Dann zucken Störungen durch dein Bild, was immersiv sein mag und logisch, irgendwie – aber dich endgültig verwirrt, denn danach hast du dein letztes Bisschen Orientierung zweifellos verloren.

Das Schlimmste an alledem war jedoch für mich, dass mir schlecht wurde. Ich konnte nicht allzu lang mit der fliegenden Kugel durch die Raumstation gleiten und musste Pausen einlegen, weil sich einfach zu viel drehte und Räume kein wirkliches Oben oder Unten hatten: Ich wäre ein miserabler Astronaut. Und auf eine Art bewundere ich Observation für den Realismus; dieses Gefühl, tatsächlich schwerelos zu sein, das einen bis zum … Erbrechen hin durchdringt. Nun ja.

Observation ist fantastisch in dem, was es ist: Ein langsamer, auf seine eigene Erzählung und dicke Atmosphäre hin fokussierter Science-Fiction-Mystery-Thriller, ein logischer, aber keineswegs selbsterklärender Puzzler und ein Spiel, das erlebt werden wollen muss. Kein Popcorn-Kino und keine seichte Unterhaltung erwarten dich hier, sondern ein Überlebenskampf im Spiel und gegen das Spiel – wenn du den Willen mitbringst, ist es eine tolle Erfahrung. Wenn nicht, solltest du vielleicht die Finger davon lassen oder auf einen Sale warten.

Wird dir gefallen, wenn du Arrival und 2001: Odyssee im Weltraum mochtest, dir nicht so schnell schlecht wird und du ernste Geschichten lieber hast als unterhaltsame Action-Blockbuster.

Wird dir nicht gefallen, wenn dir auf einem Schiff sofort kotzübel wird, du es hasst, wenn du nicht sofort weiterkommst oder gruselige Situationen dir zu schaffen machen.

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