Der Tod von George Floyd hat zu berechtigten Protesten gegen Polizeigewalt und Rassismus geführt. Die Reaktion von Technikkonzernen wie Google oder Apple ist aber pure Symbolpolitik. Ein Kommentar.

 

Netzkultur

Facts 

Im Englischen gibt es ein schönes Sprichwort: „Wenn man ein Hammer ist, sieht man jedes Problem als Nagel.“ Derzeit scheint es offenbar viele Nägel zu geben – und noch mehr bereitwillige Hämmer. Zwei besonders prominente Beispiele: Google und Apple. Als Reaktion auf die Black-Lives-Matter-Demos hat der Suchmaschinenanbieter angekündigt, das Wort „Blacklist“ in seinem Chrome-Browser nun endgültig zu streichen. Das befördere, so die Entwickler, rassistische Ressentiments. Denn Schwarz würde dabei für etwas Schlechtes, Bedrohliches stehen, Weiß hingegen für das Gute.

Offensichtlich haben die hochbezahlten Google-Entwickler außer Programmieren nichts gelernt. Sonst würden sie wissen, dass solche Farbassoziationen nichts mit Rassismus zu tun haben, sondern kulturgeschichtlich mit der Dualität von Tag und Nacht zu erklären sind. In der schwarzen Nacht hat der Mensch nichts gesehen, das war bedrohlich. Am hellen Tage hingegen schon, das war beruhigend. Nun könnte man Google zugutehalten, dass es sich lediglich um eine Umbenennung handelt und der Konzern wenigstens gute Absichten hat – stimmt.

Überall versteckter Rassismus

Andererseits ist der Weg zur Hölle mit guten Absichten gepflastert und wenn man sich anschaut, zu welchen digitalen Zensur-Exzessen der berechtigte Protest gegen Polizeigewalt und Rassismus geführt hat, fällt es mir schwer, ein Auge zuzudrücken. „Vom Winde verweht“ wird aus dem Programm genommen, die legendäre „Don't mention the war“-Folge aus der Kult-Comedy „Fawlty Towers“ ebenso und auch „Little Britain“ fällt dem Rotstift zum Opfer. Das ist nichts anderes als eine digitale Bücherverbrennung. Der Furor der neuen Jakobiner kennt keine Grenzen.

Wenn man überall versteckten Rassismus sieht, angefangen bei harmlosen Werbungen bis hin zu IT-Begriffen wie „Blacklist“, dann ist das nicht besonders rücksichtsvoll, das ist einfach nur eins: paranoid. Dagegen soll es, habe ich mir sagen lassen, Medikamente geben.

Mit der „Umbenennung“ eines schottischen Apple Stores steht der iPhone-Hersteller Google übrigens in nichts nach.

Gleichberechtigung, nicht Gleichstellung

Als Sohn türkischer Einwanderer habe auch ich meine Erfahrungen mit Rassismus gemacht und erwarte im Kampf dagegen mehr als nutzlose Symbolpolitik. Ich erwarte Gleichberechtigung. Nicht Gleichstellung – darauf lege ich wert. Viele verwenden beide Begriffe synonym, sie könnten aber nicht weiter voneinander entfernt sein. Gleichberechtigung bedeutet, dass alle die gleichen Chancen haben, durchs Ziel zu kommen – ob sie es am Ende schaffen, ist eine andere Frage. Das liegt an Intelligenz, Talent, Durchhaltevermögen und manchmal auch einfach an Glück. Gleichstellung hingegen schaut nicht aufs Individuum, auf individuelle Stärken und Schwächen, sondern führt Strichlisten: „4 Prozent Türken leben in Deutschland, also müssen von 100 Vorstandsmitgliedern 4 Türken sein.“ Das ist absurd und hat nichts mehr mit Freiheit zu tun. An dieser Stelle ein Gruß an die Kollegen vom Deutschlandfunk Sport, die die Strichlisten sogar buchstäblich genommen haben:

Und wenn am Ende die freie Vorstandsstelle wieder mit einem weißen Mann besetzt wird, dann ist das völlig in Ordnung, wenn er objektiv der beste Kandidat war und alle anderen – unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht oder sexueller Orientierung – die gleichen Chancen hatten.

Demutsgesten sind völlig fehl am Platz

Deshalb muss auch niemand seine „Privilegien überprüfen“ oder peinliche Blogposts verfassen, dass man sich ab sofort „kritisch mit seinem Weißsein“ auseinandersetzt – als sei die eigene Hautfarbe eine politische Richtung, die man sich ausgesucht hat. Demutsgesten sind völlig fehl am Platz. Das impliziert ein Täter-Opfer-Gruppenverhältnis, das völliger Unsinn ist und in einer modernen Gesellschaft nichts, aber auch gar nichts zu suchen hat. Ich will nicht in Sippenhaft genommen werden, wenn Murat das iPhone von Jürgen geklaut hat. Und ich nehme im Gegenzug Stefan nicht in Sippenhaft, wenn Hans Ali als „miesen Türken“ beschimpft.

Wir sind alle Individuen und nur für das verantwortlich, was wir selbst tun.

Hinweis: Die in diesem Artikel geäußerten Meinungen stellen ausschließlich die Ansichten des Autors dar und sind nicht notwendigerweise Standpunkt der gesamten GIGA-Redaktion.

Kaan Gürayer
Kaan Gürayer, GIGA-Experte für Smartphones, Tablets und Smartwatches.

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