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Hogwarts Legacy ist so naiv, dass es mir wehtut

Hogwarts Legacy ist so naiv, dass es mir wehtut (aber das ist keine Überraschung) (© Warner Bros.)
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Hogwarts Legacy ist gut, ist schlecht, ist eine 10/10, ist eine 1/10, ihr dürft Hogwarts Legacy nicht spielen, nein, ihr sollt es sogar spielen, und es ist völlig egal, was J.K. Rowling nebenbei macht, wie etwa transphobe Aussagen verbreiten und Hass gegen Menschen zu schüren. Oh, Hogwarts Legacy. Das Kind in mir weint. Ist die Flucht nach Hogwarts eine Lüge?

Zwei Wochen lang habe ich darüber nachgedacht, diesen Artikel zu schreiben. Mein Problem war folgendes: Ich verachte J.K. Rowling für das, was sie tut, und für jene intoleranten und hasserfüllten Überzeugungen, die sie verbreitet. Gleichzeitig waren die Harry-Potter-Bücher die ersten Bücher, die ich je gelesen habe – ich bin kein Potterhead, schon lange nicht mehr, aber Harry Potter hatte trotzdem immer einen magischen, heimeligen und freundlichen Platz in meinem Herzen.

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Hier und heute will ich nicht über J.K. Rowling sprechen, aber falls ihr euch über sie näher informieren wollt, empfehle ich euch den spieletipps-Artikel zu 3 Gründen, warum man Hogwarts Legacy nicht kaufen sollteIch möchte stattdessen über Hogwarts Legacy selbst reden und über den magischen Optimismus im Spiel.

Hogwarts Legacy: Wir müssen mit dem Schwarz-Weiß-Denken aufhören

Die ersten Stunden in Hogwarts Legacy haben mich verzaubert. Hogwarts selbst ist derart liebevoll gestaltet, dass ich einige Stunden vor den ersten Quests nur das Schloss erkundet habe. Die Entwickler von Avalanche Software haben viel Liebe in dieses Labyrinth voller Geheimnisse gesteckt, tatsächlich haben sie überhaupt viel Liebe in die verschiedenen Aspekte von Hogwarts Legacy investiert. Ihr könnt Tiere zähmen und den Raum der Wünsche so gestalten, als würdet ihr Die Sims spielen. Ihr könnt etliche Zauber lernen, auf Besen und Hippogreifen durch die Welt fliegen, und wenn ihr stattdessen zu Fuß unterwegs seid, seht ihr die überwältigende Detaildichte in der Spielwelt aus nächster Nähe.

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Hogwarts Legacy: Die riesige Zaubererwelt ist nicht nur hübsch, sondern auch voller liebevoller Details. Wenn doch die Story genauso liebevoll behandelt worden wäre. (Quelle: Warner Bros.)
Hogwarts Legacy: Die riesige Zaubererwelt ist nicht nur hübsch, sondern auch voller liebevoller Details. Wenn doch die Story genauso liebevoll behandelt worden wäre. (Bildquelle: Warner Bros.)

Es gibt viele gute Gameplay-Mechaniken in Hogwarts Legacy. Doch die Hauptquest und viele der Nebengeschichten sind nicht nur flach – sie sind auch schmerzhaft naiv. Hier ein paar Beispiele (in denen ich kaum spoilern werde).

Der optimistische Kobold

Ich erinnere mich besonders an eine Nebenquest: In ihr soll ich einem Kobold helfen, seine gestohlenen Sachen zurückzubringen. Als ich das geschafft habe, ist der Kobold zu Tränen gerührt und erklärt mir dann, dass er nun merkt, wie toll die Zauberer sind –  trotz allem Unrecht, das ihm und seinem Volk widerfahren ist. Ähm, ja, also ich würde jetzt mal nicht übertreiben, ich meine ...

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Natürlich haben die Zauberer allen Kobolden seit Jahrhunderten verboten, Zauberstäbe zu benutzen, weil sie sie für minderwertig und gefährlich halten. Aber hey, ich nehme an, dass eine gute Tat ausreicht, damit dieses Unrecht vergessen wird. Das war der erste Moment, in dem ich Hogwarts Legacy einen Klaps geben wollte.

Ich töte Wilderer, damit ich die Wölfe selbst wildern kann

Es gibt in Hogwarts Legacy jede Menge Menschen, die getötet werden können. Und ich bin ehrlich: Die Kämpfe machen einfach Spaß, denn das Kampfsystem ist cool. Jedenfalls töte ich nur böse Menschen. Also böse Zauberer, Kobolde (nur die bösen Kobolde) und böse Wilderer im Wald. Wilderer sind ganz besonders schlimm, weil sie Tiere quälen und töten.

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Süße Tiere in Hogwarts Legacy dürfen gerettet werden. (Quelle: Screenshot GIGA).
Süße Tiere in Hogwarts Legacy dürfen gerettet werden. (Bildquelle: Screenshot GIGA)

Nun, nicht, dass ich keine Tiere töte. Ich muss Tiere töten, damit ich ihnen das Fell abziehen und damit Tränke brauen kann. Wie Spinnen und Wölfe, also die stereotyp bösen Tiere. Auch kann ich Tiere selbst retten (also die, die niedlich sind und die ich mag), aber wenn ich zu viele rette, ist es am besten, sie zu verkaufen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es ihnen auf die Art sehr viel besser gehen wird als im Wald. Ich meine, Tiere wollen nicht wirklich frei sein, oder? (Ja, das ist sarkastisch gemeint.)

Wie Hogwarts Legacy nicht über die Koboldrebellion redet

Es ist seltsam, wie wenig über das Thema der Hauptquest geredet wird. Wie aus den Trailern und den ersten Stunden im Spiel bekannt ist, kämpft ihr gegen Ranrok und Rookwood: Ein wütender, extremistischer Kobold und ein dunkler Zauberer. Ranrok will mächtiger werden und Zauberer töten; er ist sogar so überzeugt von seiner Position, dass er auch andere Kobolde tötet, die sich ihm entgegenstellen.

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Ranrok ist (unschwer erkennbar) der Bösewicht in Hogwarts Legacy. (Quelle: Warner Bros.)
Ranrok ist (unschwer erkennbar) der Bösewicht in Hogwarts Legacy. (Bildquelle: Warner Bros.)

Ranrok ist böse. Hogwarts Legacy ist gut dabei, einem das wieder und wieder einzutrichtern. Nun, im offiziellen Harry-Potter-Wiki wird zusammengefasst, worum es bei den Koboldrebellionen eigentlich geht: Kobolde werden von Zauberern diskriminiert und so behandelt, als wären sie minderwertig (Quelle: Harry-Potter-Wiki). Ihnen wird es sogar verboten, Zauberstäbe zu benutzen (aber da sind sie nicht die einzigen – was es nicht besser macht).

Ranrok mag böse sein, aber die Koboldrebellion ist es nicht. Denn die Kobolde haben ein Recht darauf, gleichwertig behandelt zu werden. Ranrok als Teil dieser Rebellion macht ihn zu einem komplexen Charakter, über den auf eine komplexe Art gesprochen werden müsste – doch Hogwarts Legacy erwähnt die Rebellion nur in Nebensätzen. Warum?

Tatsächlich weicht Hogwarts Legacy generell allen komplexeren Themen aus, bleibt auf der sicheren Seite von Schwarz und Weiß und gibt euch Katzen zum Streicheln, wenn ihr einmal stutzig werdet. Einzig die Storyline von Sebastian und Ominis schneidet dunklere Themen an – und damit ist sie für mich auch die beste Geschichte im Spiel.

Nicht, dass das alles alleinig die Schuld von Hogwarts Legacy wäre. Denn das Harry-Potter-Universum ist (leider) voll mit Schwarz-Weiß-Logik und einem naiven Umgang mit komplexen Themen.

Naives Schwarz-Weiß-Denken ist Teil der Welt von Harry Potter

Böse Charaktere in Harry Potter sind hässlich, dick oder beides. Böse Frauen sehen meistens wie Männer aus – Rita Kimmkorn etwa hat sehr große, männliche Hände und einen großen, harten Kiefer. Dudleys Tante Marjorie Dursley ist nicht nur extrem dick, sondern hat ein derart männliches Gesicht, dass ihr sogar schon einmal ein Bart gewachsen ist. Dudley ist dick, und J.K. Rowling hält in den Büchern nicht damit zurück, sein Übergewicht mit negativen Adjektiven hervorzuheben. Warum? Ist es böse, nicht dem Schönheitsideal zu entsprechen?

YouTuber Shaun arbeitet viele Probleme des Harry-Potter-Universum in diesem fantastischen Video auf:

Die Koboldrebellionen werden natürlich auch in den Büchern erwähnt, doch wirklich diskutiert werden sie nicht. Auch moderne Sklavenhaltung wird in den Büchern angerissen – mit den Hauselfen – doch abgesehen von Einzelschicksalen wird die Sklavenhaltung als großes Thema nicht behandelt. Hauselfen arbeiten noch immer in Hogwarts und das wird akzeptiert.

Nichts davon ist mir aufgefallen, als ich die Bücher mit 13 Jahren gelesen habe. Natürlich nicht, denn ich war ein Kind. Und ja, die Harry-Potter-Bücher sind außerdem noch voll mit toller Magie, tollen Welten, abenteuerlichen Geschichten und durchaus „guten“ Themen, wie etwa: Es ist böse, Leute mit Avada Kedavra zu töten. Aber reicht das?

Ich hätte es gern gesehen, wenn das Spiel mehr darauf eingegangen wäre, dass ein Fünftklässler Avada Kedavra benutzt. (Quelle: Screenshot GIGA).
Ich hätte es gern gesehen, wenn das Spiel mehr darauf eingegangen wäre, dass ein Fünftklässler Avada Kedavra benutzt. (Bildquelle: Screenshot GIGA)

Das Harry-Potter-Universum ist flach. Es ist eine Schwarz-Weiß-Welt, in der böse Menschen größtenteils einfach böse sind, ohne Zwischentöne, ohne Diskussionen, ohne großes Nachdenken über Konsequenzen. Hogwarts Legacy erbt diese flache Welt und reagiert mit weltfremdem Optimismus darauf: Ihr seid der Held der Geschichte, ihr seid toll, übermächtig, ihr rettet die Tiere vor den bösen Menschen (aber nur die niedlichen Tiere), ihr tötet mit Avada Kedavra, aber hey, ihr seid eigentlich trotzdem gut. Lasst uns einfach nicht darüber reden.

Gerade Geschichten für Kinder sollten nicht derart flach sein. Denn die reale Welt ist nicht flach – sie ist komplex und passt in kein Schubladendenken hinein, das die Welt in Gut und Böse unterteilt. Es ist traurig, dass gerade eine der bekanntesten Fantasy-Welten derart unerwachsen ist. Und dabei habe ich noch gar nicht angefangen, darüber zu sprechen, dass Kobolde auf sehr unangenehme Weise an Vorurteile gegenüber Juden erinnern. Fantasy muss so nicht sein.

Vielleicht wäre es möglich, die Welt von Harry Potter anders anzugehen. Indem ernstere Themen angesprochen und böse Charaktere nicht mit gefährlichen Stereotypen ausgestattet werden. Das wäre zumindest ein erster Schritte, den Hogwarts Legacy leider nicht gegangen ist.

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