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Kinox ist daran Schuld, dass ich heute gut in Englisch bin

Kinox ist daran Schuld, dass ich heute gut in Englisch bin. (© Pixabay, iAmMrRob)
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Wir alle haben Leichen im Keller. Nur, dass meine persönliche Leiche mich Englisch gelehrt hat. Heutzutage würde ich meine Finger von dubiosen Seiten wie Kinox lassen, aber damals, Anfang der 2010er, war noch alles anders.

Gut zu wissen: Streamen über Kinox und ähnliche Anbieter ist keine gesetzliche Grauzone mehr. Das heißt: Das Hochladen von Filmen auf solchen Seiten ist illegal und wird strafrechtlich verfolgt. Das Streamen der Inhalte wurde seit einem Urteil des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) vom 26.04.2017 ebenfalls als illegal erklärt. Damit ist also auch das bloße Anschauen auf diesen Seiten gefährlich für euch.
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Streamen im Teenagerzimmer war Alltag

Wer in den 90ern aufgewachsen ist und bis in die 2010er ins Teenageralter eintrat, hatte ein ganz besonderes Verhältnis zum Internet. Ich erinnere mich an keine Zeit ohne PC, habe aber die ersten Anfänge mit DOS und Windows 95 miterlebt. Lange Zeit hatte ich kein Handy, doch ich erinnere mich gut an die ersten Exemplare in der Schule und auf dem Spielplatz. Zu meiner Web-Sozialisierung gehörten dubiose Online-Text-MMORPGs, heute verschwundene Schock-Seiten wie Rotten und natürlich auch das erste Film- und Serien-Streamen auf berüchtigten Seiten wie Kinox.

Ich war alt genug, um besser mit dem PC umgehen zu können als meine Eltern, und jung genug, um nicht zu verstehen, was ich da tat – etwas, das heute sicherlich auf Teenager ebenso zutrifft. Zugleich aber war Kinox-Streaming auch noch irgendwo in einer gesetzlichen Grauzone angesiedelt. Niemand wusste genau, ob es legal oder illegal war – alle taten es trotzdem, bis Streaming-Anbieter wie Netflix und Amazon Prime Video auf dem Markt erschienen und man alt genug war, um so ein Abonnement auch bezahlen zu können.

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Alle meine Freunde streamten auf Kinox. Streamen im Teenagerzimmer war Alltag. Aber neben der gesetzlichen Grauzone hatten diese Streams auch andere Stolpersteine.

Einbahnstraße ins Englische – ganz oder gar nicht

Kinox und Co. waren der Wilde Westen des Netzes. Aktuelle Serien und Filme wurden dort von Leuten hochgeladen und zum Stream angeboten, finanziert durch dubiose Werbung. Jeder Stream war ein Glücksspiel: Installiere ich mir einen Virus, indem ich auf merkwürdige Werbeanzeigen klickte oder klappt es dieses Mal, den Stream zu starten? Nicht, dass mir die Gefahren zu der Zeit bewusst gewesen wären. Noch dazu waren deutsche Synchronisierungen scheue Tiere, deren Fährte man als Filmjäger erst einmal aufnehmen musste.

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Untertitel in unterschiedlichen Sprachen wucherten überall: Russisch, Englisch, Spanisch, Japanisch. Es war tatsächlich ein babylonisches Sprachgewirr, das sich über Ton- und Untertitelspuren wie Pilzgeflechte ausbreitete. Ein Himmel für Sprachliebhaber, ein minoisches Labyrinth für Leute wie mich, die nach Zielen für ihre jugendlichen Eskapismus-Bedürfnisse fahndeten.

Eines Tages fasste ich das Ziel ins Auge, um jeden Preis alle Folgen von Doctor Who seit 2005 zu schauen – eine britische Sci‑Fi-Serie, die auch heute noch zu meinen absoluten Lieblingen zählt. Das Problem damals: Doctor Who gab es einzig auf Kinox und zwar nur im britischen Originalton ohne Untertitel. Meine Kenntnisse in der englischen Sprache beschränkten sich zu der Zeit auf Schulenglisch. Das beherrschte ich zwar, aber was mich bei Doctor Who erwartete, war eine Sprache mit starkem Akzent und Sci‑Fi-Vokabular, das sich wie magische Formeln um meinen Verstand schlingen würden.

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Heute kann man Doctor Who natürlich legal und auf Deutsch sehen:

Doctor Who - Die komplette Staffel 1 [5 DVDs]
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Preis kann jetzt höher sein. Preis vom 24.04.2024 15:32 Uhr

Ich habe nichts verstanden – bis ich aufhörte, hinzuhören

Da ich mich Doctor Who komplett verschrieben hatte – mit der Zeit und dem stoischen Willen, den man nur als Teenager hat – gab es keinen anderen Weg: Streamen, zurückspulen, Wörter nachschlagen, notfalls Unwissen aushalten. Dass mich die Serie beinahe sofort in ihren Bann zog, half natürlich: Ich war so begeistert von Doctor Who, dass es kein Zurück gab, ganz egal, wie wenig ich eigentlich verstand. Und die ersten Episoden waren Mysterien für mich, die ich einzig über die Szenen und den puren, sichtbaren Inhalt entschlüsseln konnte.

Ich musste all meine Konzentration auf jede Dialogzeile richten, während meine Gehirnzellen sich komplett dem Dekodieren widmeten. Die Serie anzusehen war eine nahezu körperliche Anstrengung, die man vielleicht am besten mit einem linguistischen Dark Souls vergleichen kann: Ich scheiterte immer und immer wieder an den Boss-Worten, aber auch kleine Gegner in der Alltagssprache schickten mich in den Übersetzungstod. Es war hart.

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Und es war wunderschön. Denn jedes Mal, wenn ich neue Werkzeuge des Verstehens freischaltete, wenn ich die fiesen Bosse besiegt hatte und zur nächsten Folge voranschritt, fühlte ich mich wie die Königin der englischen Sprache. Eben ganz so, wie wenn man bei Dark Souls schließlich doch noch diesen einen Boss niederschlägt.

Heutzutage könnt ihr vielleicht nicht einmal mehr auf Kinox und ähnliche Seiten zugreifen:

Schließlich geschah ein kleines Wunder: Ohne, dass ich es bemerkte, begann ich, nicht mehr hinzuhören und nur noch zu verstehen. Der Übersetzungskampf in meinem Kopf wurde stumm und auch, wenn ich nicht jedes Wort in Beziehung setzen konnte, durchfloss mich ein allgegenwärtiges Verstehen. Ab da an begann ich zu vergessen, dass ich einer anderen Sprache lauschte – etwas, das ich auch heute noch komplett ausblende, wenn ich Englisch lese oder höre.

Es ist natürlich keine Neuheit, dass Menschen andere Sprachen lernen, indem sie Filme sehen oder Bücher lesen. Doch ich wollte ja gar nicht Englisch lernen, ich wollte nur eine Serie schauen: Der Zwang zum Englischen in der Zeit der halblegalen Streaming-Anbieter hatte einen Nebeneffekt, der im Grunde mein Leben veränderte. In meinem Schrank stehen heute lauter englische Bücher. Und auch, wenn ich nie wieder einen Stream über eine Seite wie Kinox sehen möchte, habe ich meine Liebe zur englischen Sprache doch dieser seltsamen Zeit des Internets zu verdanken.

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