Für einige Filmfans ärgerlich: Bei Streaming-Diensten sind zahlreiche Serien und Filme zu finden – aber manchmal ohne Originalsprache und passende Untertitel. Warum ist das so und was macht man nach einem Fehlkauf (Download)?

 
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Die Streaming-Welt könnte so einfach sein: Hollywood-Produktionen werden normalerweise in englischer Sprache gefilmt, Animes stammen meist aus Japan, im hochgelobten Arthouse-Film wird Französisch gesprochen. Also muss der Streaming-Anbieter doch nur die entsprechende Tonspur hinzufügen und das war's. Nun, leider ist es nicht so – und dafür gibt es Gründe.

Warum keine Originaltonspur? Ein deutscher Filmemacher klärt auf

Auf Reddit ist unter dem Titel „Filme online leihen in Deutschland 2021 – AMA“ ein interessanter Thread zu finden, der die fehlende Originalsprache thematisiert. Der User mighty_manonin ist laut eigener Aussage ein „deutscher Filmemacher mit viel Erfahrung im Streamingbereich“. Er erklärt, wieso es um die Verfügbarkeit von OV-Tonspuren und Untertiteln so schlecht bestellt ist: „Die Nachfrage nach OV-Serien mag in den letzten Jahren gestiegen sein, aber sie ist im Vergleich zu synchronisierten Sachen immer noch so gering, dass es den Aufwand von einem Techniker, der eine Stunde dafür arbeitet, um Untertitel einzuspielen, nicht lohnt.“ Kurz gesagt: Nachträglich Untertitel einfügen, das ist in einigen Fällen schlichtweg zu teuer.

Die Tonspur muss zur Schnittfassung passen

Warum da überhaupt ein gewisser Aufwand entsteht, hat unter anderem mit den zahlreichen Schnittfassungen zu tun, die von Filmen existieren. Cineasten ist das bekannt, dem Laien vielleicht nicht: Ein in den USA gedrehter Blockbuster kann in Deutschland einen anderen Filmverleiher (z. B. Constantin Film oder Tobis Film) haben, als im Heimatmarkt. Dieser „Distributor von Kinofilmen“ ist meist am Anfang zu sehen, da wird nämlich das Logo eingeblendet. Allein dieses kleine Detail führt aber schon zu unterschiedlichen Laufzeiten der Schnittfassungen. Bei älteren Filmen kommt dazu, dass es schwierig ist, die Bestandteile zusammenzufügen, damit der Originalversions-Fan auf seine Kosten kommt.

Logo des Filmverleihers Tobis, zu sehen am Anfang von „Burn After Reading“ (Bildquelle: GIGA)

„Sobald man (...) Titel nimmt, die ein paar Jahre alt sind, weiß oft keiner mehr, wo die Daten sind. Da kann man sich schon glücklich schätzen, wenn die OV-Tonspur verfügbar ist und auf die deutsche Schnittfassung draufpasst. Sobald sich nämlich der Verleiher von US zu DE geändert hat (sehr of [sic] der Fall) gibt's andere Logo-Einblendungen zu Beginn und daher auch ne andere Tonspur(-Länge)“, erläutert mighty_manonin.

Auch hier ist es wieder eine Frage des Aufwands: Will der Streaming-Anbieter beim Vertragspartner nachhaken? Oder lohnt sich das nicht, weil die meisten Zuschauer in Deutschland erfahrungsgemäß am liebsten die deutsche Tonspur wählen?

Deutschland bevorzugt Synchronfassungen

Eine Besonderheit des deutschen Publikums: Hierzulande sind synchronisierte Filme und Serien der Standard, die in anderen Ländern verbreitete Version „Original mit Untertitel“ (OmU) wird regelrecht verschmäht. Deutschland ist laut Goethe Institut die „bedeutendste Synchronnation neben Italien und Spanien“. Eine Erklärung dafür ist in der Nachkriegsgeschichte zu finden: „Nach jahrelanger deutschnationaler Indoktrinierung sowie Isolierung von der internationalen Kultur verhielten sie sich renitent gegenüber dem „Fremden“, das ihnen vor allem über die Tonspur vorgesetzt wurde.“

Die Folge: Filme (egal woher) kamen auf Deutsch besser an, die nachträgliche Bearbeitung mit Synchronsprechern wurde in den 1950ern normal ... und ist es bis heute geblieben. Für die Fans der Originaltonspur ist das ein endloses Trauerspiel, denn so geht bei vielen Titeln mit der ursprünglichen Sprache auch ein filmisches Ausdrucksmittel verloren (z. B. einzigartige Stimme, Tonfall, ausländische Dialekte, schwer übersetzbares Vokabular etc.). Tja, so ist das eben: Die Macht der Gewohnheit und die Mehrheit der Zuschauer haben entschieden.

Filme ohne Originalsprache: Das sagt Amazon Prime Video dazu

Filme nur auf Deutsch, obwohl es eine Originalfassung geben müsste – das betrifft alle großen Streaming-Anbieter wie Netflix, Sky Ticket oder RTL+.

Spider-Man 2: Diese 4K-Version auf Amazon Prime Video bietet nur die deutsche Tonspur (Bildquelle: GIGA)

Der Streaming-Marktführer in Deutschland (siehe Statista) ist aktuell Amazon Prime Video. Hier sind jede Menge Filme und Serien für jeden Geschmack zu finden – aber eben auch einige Beispiele, bei denen die Originalversion fehlt und man nur die deutsche Tonspur zur Auswahl hat. Das betrifft zusätzlich auch den Bereich der Leih- und Kauftitel. Innerhalb der GIGA-Redaktion wurde das Thema bereits diskutiert und es wurden Beispiele gefunden, bei denen unterschiedliche Filmversionen mal mit oder mal ohne englischer Tonspur geliehen oder gekauft werden können. Da muss man beim Kauf ganz schön aufpassen, um keinen Fehlgriff zu machen. So etwa bei „The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro“:

Ich habe also bei Amazon nachgefragt und umgehend Antworten von einem Prime Video Sprecher erhalten (Stand: Januar 2022).

Antwort von Amazon Prime Video zum Thema Sprachfassungen:

Bei Amazon Original Titeln wie Das Rad der Zeit verantwortet Prime Video als Rechteinhaber die Herstellung und Bereitstellung von Synchron- und Untertitelfassungen der Titel. Alle Amazon Originals sind mit zahlreichen Untertiteln und Sprachfassungen zum Streamen für Prime-Mitglieder bei Prime Video verfügbar. Lizenztitel zum Kaufen und Leihen sowie zum Streamen im Rahmen einer Prime-Mitgliedschaft werden von dritten Vertragspartnern angeliefert. Die verfügbaren Sprach- und Untertitelfassungen unterscheiden sich je nach beim Lizenzgeber verfügbarer Fassung des Titels.

Antwort von Amazon Prime Video zum Thema Stornierung (Fehlkauf wegen falscher Sprachfassung):

Prime Video arbeitet kontinuierlich daran, das Kund:innenerlebnis zu verbessern, verfügbare Sprachfassungen bei Titeln aufzufüllen sowie die verfügbaren Sprach- und Untertitelfassungen für unsere Kund:innen deutlicher sichtbar zu machen. Sollte dennoch ein Titel irrtümlich in der Erwartung einer Sprachfassung gekauft worden sein, die dann doch nicht beinhaltet ist, können Kund:innen den Kauf in der Regel stornieren und erhalten den vollen Kaufpreis zurück – unter der Voraussetzung, dass nicht mehr als einige Minuten des Titels geschaut wurden.

Vorbildlich: Amazons eigene Produktion „The Expanse“ ist mit 16 Sprachen und 30 Untertiteln ausgestattet (Bildquelle: GIGA)

Es lebe die Originalversion: Zwei nützliche Tipps

Wenn du bereits Originalton-Fan bist oder es noch werden möchtest, habe ich noch zwei einfache Tipps:

  • Der erste Tipp ist naheliegend und ergibt sich auch aus der obigen Aussage von Amazon Prime Video: Schau vor dem Leihen oder Kaufen ganz genau nach, welche Tonspuren und Untertitel enthalten sind. Die Information ist normalerweise nicht im Titel des Films oder der Serie enthalten, sondern wird auf einer Detailseite angezeigt. Je nach Anbieter muss man zudem woanders nachschauen. Wichtig ist, dass man überhaupt daran denkt – und nicht in der Eile das Falsche bestellt.
  • Der zweite Tipp hat mit Klang zu tun. Obwohl mein Sprachverständnis gut ist, fällt es mir gelegentlich schwer, jedem Wort einer englischsprachigen Tonspur zu folgen – vor allem wenn die Klangqualität nicht optimal ist. Abhilfe schafft hier eine gute Soundbar, die einen speziellen Dialogmodus bietet. Die nächste Stufe sind Kopfhörer (ohne aktivierte Surround-Effekte), hier ist man direkt am Klanggeschehen dran. So komme ich auch bei genuscheltem (Texas-)Englisch viel leichter mit.

Die besten Soundbars zeigt die GIGA-Kaufberatung:

Also immer die Originalfassung und alles andere kommt nicht in Frage? Nun, manche Schauspieler wie Tom Hardy als Bane sind in einigen Filmen auf Englisch nur schwer zu verstehen. Ständig beim Untertitel mitzulesen, ist aber auch nervig – und stört das Filmerlebnis. Es gibt also durchaus Argumente dafür, lieber die deutsche Synchronfassung zu wählen. Manchmal ist die Synchronisation selbst ein Meisterwerk (Eddie-Murphy-Filme aus den 1980ern, Bud-Spencer-Streifen etc.), das einem Film einen ganz besonderen Charme verleiht.