MTG Arena im Test: Warum das Kartenspiel noch lange nicht fertig ist

Alexander Gehlsdorf

Magic the Gathering: Arena hat die offene Beta verlassen, ist aber noch lange kein fertiges Spiel. Warum das Spiel sowohl für Neueinsteiger und Profis perfekt ist und trotzdem einen zentralen Schwachpunkt hat, kläre ich im Test.

Das Kartenspiel-Monopol von Hearthstone ist schon lange vorbei: Nachdem bereits Gwent und The Elder Scrolls Legend den digitalen Kartenspielmarkt aufgemischt haben, betrat mit MTG Arena vor zwei Jahren ein weiterer Platzhirsch das Feld.

Bereits vor einem Jahr habe ich im Zuge der offenen Beta ein umfangreiches Fazit zu MTG Arena gezogen und eine Reihe von Problemen benannt, die Wizards of the Coast bis zur Veröffentlichung der Vollversion beheben muss. Da das Spiel im Oktober 2019 die offene Beta verlassen hat, ist jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen, das Spiel noch einmal unter die Lupe zu nehmen.

Perfekt für Einsteiger und Profis

Das Wichtigste vorweg: Für Neueinsteiger, die gerade erst in die Welt von Magic the Gathering eingetaucht sind, ist MTG Arena noch immer die beste Möglichkeit, das berühmte Sammelkartenspiel kennenzulernen. Das Programm verfügt mittlerweile über ein umfangreiches Tutorial, ist kostenloses spielbar und basiert auf den echten Regeln. Jeder noch so komplexe Spielzug, den ihr mit echten Karten vollführen könnt, ist also auch in MTG Arena möglich.

Letzteres ist auch bitter nötig, denn neben den Einsteigern hat MTG Arena noch eine weitere, wichtige Zielgruppe: Die Profis. Mittlerweile wurden bereits mehrere Mythic Championships in MTG Arena ausgetragen, wodurch das Kartenspiel zum echten eSport geworden ist. Wer auf kompetitivem Level das Standard-Format spielen will, kommt an MTG Arena nicht vorbei. Perfekt für Neusteiger, perfekt für Profis. Das klingt nach einer idealen Voraussetzung für einen Riesenerfolg – wenn da nicht die riesige Masse der Gelegenheitsspieler wäre, denn genau die, kommt in MTG Arena derzeit noch zu kurz.

Mit Ausnahme der hin und wieder stattfindenden Events wie Sealed, Pauper oder Singleton bietet MTG Arena im Kern nur zwei Spielmodi: Dem Constructed-Format Standard, in welchem du ein Deck aus den Karten deiner Sammlung baust, sowie dem Limited-Format Draft, für das jeder teilnehmende Spieler drei Kartenpakete öffnet und das Deck aus diesen frisch geöffneten Karten kreiert wird. Ein Draft kostet 5.000 Gold beziehungsweise 750 Gems, die Premium-Währung von MTG Arena, und wird je nach Anzahl der Siege auch mit eben jener Premium-Währung belohnt. Gute Spieler können sich also stets die nächste Startgebühr erspielen und somit „infinite gehen“.

Das Standard-Format hingegen lässt sich im Ranked-Modus jederzeit kostenloses spielen. Je höher der eigene Rang am Ende der je einmonatigen Saison, desto mehr Belohnungen winken in Form von Kartenpaketen zum Beginn der neuen Saison. Noch verlockender: Wer eine Saison unter den Top 1.200 Spielern abschließt, qualifiziert sich für die Mythic Invitational, die im besten Fall in einer Teilnahme an der renommierten Mythic Championship münden kann. Dieser Reiz klingt extrem vielversprechend, ist in der Praxis jedoch mit enormen Grind verbunden. Wer den begehrten Mythic-Rank erreichen will muss nicht nur gut, sondern vor allem viel spielen.

Daraus ergibt sich das Grundproblem, unter dem MTG Arena derzeit leidet: Wenn die Aussicht auf die Mythic Invitational nur den Besten der Besten vorbehalten und regelmäßige Drafts nur besonders gut oder eben besonders reichen Spielern zugänglich ist, was kann MTG Arena dann der breiten Masse der Gelgenheitsspieler bieten? Im Idealfall können auch diese den Standard-Modus genießen, insbesondere wenn das Metagame ein gesunde Mischung vielfältiger Decks erlaubt. Dann können auch Gelegenheitsspieler, die keinen Zugang zu den stärksten Decks des Formats Zugang haben, ausreichend Erfolge feiern. Doch die Qualität des Standard-Formats ist im steten Wandel.

Ein historisches Problem

MTG Arena ist nur so gut wie das aktuelle Standard-Format. Während etwa das M20-Format im Sommer 2019 eine perfekte Spielwiese für Decks aller Art war, gehört die aktuelle Eldraine-Saison zu den schlimmsten Standard-Formaten seit Jahren, sodass selbst Turnier-Veranstalter des Kartenspiels kurzfristig ihre Standard-Events absagen und stattdessen das brandneue Format Pioneer anbieten. Mit echten Karten ist dies problemlos möglich, allerdings sind Formate wie Pioneer oder Modern in MTG Arena nicht enthalten. Wer also keine Lust auf Standard hat, kann stattdessen nur das kostenpflichtige Draft-Format spielen.

Theoretisch gibt es für dieses Problem gleich zwei Lösungen: Brawl und Historic. Letzteres macht es möglich, auch mit jenen Karten zu spielen, die in der Vergangenheit bereits Teil von MTG Arena waren, seitdem jedoch aus dem Standard-Format hinaus rotiert sind. Dazu gehören etwa die Sets Ixalan, M19 oder Dominaria. Wer also bereits in der Beta regelmäßig Arena gespielt hat und dementsprechend eine umfangreiche Sammlung besitzt, kann sich im Historic-Format in einem deutlich vielfältigerem und abwechslungsreicherem Metagame austoben.

Brawl hingegen ist ein Paradies für Deckbauer: Anders als reguläre Decks, in denen jede Karter bis zu viermal enthalten sein darf, ist im Brawl-Format nur eine Kopie jeder Karte erlaubt. Dazu wird jedes Deck von einem Commander angeführt, einer legendären Kreatur oder einem Planeswalker, der die Farbidentität des Decks festlegt. Durch die Wahl des Comnanders hat somit nicht nur jedes Deck einen völlig eigenen Spielstil, sondern die Varianz des Gameplays ist durch die Einschränkung, nur eine Kopie pro Karte nutzen zu dürfen, besonders hoch. Mit anderen Worten: Im Gegensatz zum Standard-Format, das von einer handvoll dominanter Archetypen geprägt ist, fühlt sich praktisch jedes Brawl-Duell frisch und einzigartig an.

Hinweis: Hast du noch weitere Fragen zu MTG Arena? Dann schau gern auf twitch.tv/giga vorbei. Dort spiele ich jeden Montag MTG Arena und beantworte gern deine Fragen rund um das Spiel!

Und was genau ist jetzt das Problem daran? Wizards of the Coast hat mehrfach betont, dass der Fokus von MTG Arena das Standard-Format ist. Dass Historic und Brawl überhaupt in MTG Arena existieren, wirkt derzeit eher wie ein zähneknirschendes Zugeständnis an die zahlreichen Spieler, die von MTG Arena mehr als nur eine eSport-Plattform erwarten. Historic und Brawl existieren zwar, wenn auch gut versteckt in den verborgenen Untermenüs von MTG Arena, von einer vollwertigen Unterstützung kann jedoch keine Rede sein. So sind Brawl-Events nach derzeitigem Stand nur einmal pro Woche spielbar, Historic-Events dem gegenüber sogar nur einmal im Monat!

Optimistisch stimmt hingegen die Erfahrung, dass sich Wizards of the Coast in den letzten Jahren das Feedback der Spieler stets zeitnah zu Herzen genommen und unter anderem hinsichtlich der Monetarisierung mehrfach auf die Bedenken der Spieler reagiert hat. Dementsprechend besteht also durchaus die Chance, dass auch die Umsetzung von Brawl und Historic noch einmal überdacht wird und die beiden Spielmodi in Zukunft auch rund um die Uhr angeboten werden.

Mein Test-Fazit zu MTG Arena

Im Oktober 2019 hat MTG Arena die Beta-Phase nach knapp zwei Jahren verlassen. Ein fertiges Spiel ist es dennoch nicht. Noch immer fehlen lang versprochene Features wie eine Freundesliste, Drafts mit echten Menschen oder Mac-Support. Schlimmer noch, aktuell macht das Spiel tatsächlich weniger Spaß als noch in den Monaten zuvor. Allerdings liegt das nicht ausschließlich an der Qualität des Programms, auch wenn MTG Arena derzeit unter anderem mit Performance-Problemen zu kämpfen hat. Vielmehr liegt es an der Natur des Standard-Formats. Ich sage es noch einmal: MTG Arena ist nur so gut wie das aktuelle Standard-Format.

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Dementsprechend unerklärlich ist es, warum Wizards of the Coast sich so sehr dagegen zu wehren scheint, alternative Formate vollständig zu unterstützen. So wäre ein Goßteil meiner Kritik etwa nichtig, wenn Brawl rund um die Uhr spielbar wäre. Auf diese Weise hätten einerseits Gelegenheitsspieler einen Grund, täglich zurückzukehren, andererseits könnten auch Profis eine Pause vom aktuell arg unmotivierenden Standard-Format einlegen.

Trotz aller dieser Kritik ist MTG Arena aber immer noch Magic: Das beste Spiel der Welt. Es gibt kein anderes Spiel, mit dem ich in den letzten Jahren noch mehr Zeit verbracht habe als Magic the Gathering, egal ob digital oder in Papierform. Und Magic-Spieler wissen: Ob und wie viel Spaß das Spiel macht, ändert sich ständig. Das nächste Set, der nächste Karten-Bann oder das nächste Format zeichnet sich jederzeit bereits am Horizont ab, Monotonie und Frust sind hier die Ausnahme statt die Regel. Aus diesem Grund ist auch keine definitive Wertung von 0 bis 10 Punkten möglich. Das Programm selbst kann überzeugen und hat das Kartenspiel erfolgreich ins digitale Zeitalter übersetzt.

Für Neueinsteiger, die kostenlos die Welt von Magic the Gathering entdecken wollen, sowie kompetitive Spieler, die sich für eine Teilnahme an der Mythic Championship qualifizieren wollen, führt derzeit jedenfalls kein Weg an MTG Arena vorbei.

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