Ob Kleidung, Essen oder Technik – immer wieder stolpert man über den Begriff „Nachhaltigkeit“. Aber was bedeutet das eigentlich?

Dieser Artikel ist Teil der GIGA-Themenwoche „Nachhaltigkeit“ vom 5.6. bis 11.6.2022. Im Übersichtsartikel lest ihr, was es damit auf sich hat und findet weitere Stücke zum Thema.

Uns allen begegnet immer wieder der Begriff „Nachhaltigkeit“, gerade auch bei Technik, seien es bei E-Autos oder Smartphones wie dem Fairphone. Doch was umfasst Nachhaltigkeit eigentlich alles? In wessen Verantwortung steht nachhaltiges Handeln? Und wann ist nachhaltig wirklich nachhaltig? Versuchen wir, diesen nebulösen Begriff etwas greifbarer zu machen.

Die vielen Bedeutungen von Nachhaltigkeit

Keine Erfindung von heute

Zugegeben: Auch ich gehöre zu den Menschen, die vegan leben, Minimalismus toll finden und lieber Second-Hand-Klamotten kaufen als neue Kleidung. Unterm Striche achte ich also darauf, ein nachhaltiges Leben zu führen. Und ja, ich würde zustimmen, dass einem nachhaltigen Umgang mit jeglicher Form von Konsum mehr und mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird. Aber tatsächlich steht Nachhaltigkeit nicht erst seit dem hippen Flat-White-Zeitalter im Vordergrund.

Bereits im 18. Jahrhundert stellte der Freiberger Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz in seinem Werk „Sylvicultura oeconomica“ einen Rückgang der Wälder aufgrund von verstärkter Abholzung und zu geringer Wiederbepflanzung fest und rief zu einem Umdenken in der Wirtschaft auf (Quelle: Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft). Daneben ist eine der wichtigsten Instanzen der 1968 von 6 Wissenschaftlern und Ingenieuren gegründete Club of Rome. Durch dessen Abhandlung „Die Grenzen des Wachstums“ traten laut der Deutschen Gesellschaft Club of Rome erstmals „das Verstehen ökologischer Zusammenhänge und die Wechselwirkungen zwischen Mensch und Umwelt in ein breiteres öffentliches Bewusstsein.“

Ökologie, Ökonomie, Gesellschaft

Bei dem Begriff „Nachhaltigkeit“ geht es jedoch nicht nur um Mensch und Umwelt. 1987 hielt die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen im Brundtland-Bericht fest, dass es insgesamt drei gleichwertige und miteinander verwobene Dimensionen gibt, die zu einer nachhaltigen Zukunft führen: Ökologie, Ökonomie und Gesellschaft. Das heißt, dass Wirtschaft und Gesellschaft bewusst mit der Umwelt, also jeglichen Ressourcen und Rohstoffen umgehen sollten, sodass deren Erhalt gesichert und zusätzlich ein wirtschaftlicher Gewinn erzielt werden kann. So können wir heute einen Beitrag für unsere Zukunft und die nachfolgender Generationen leisten.

Weiterhin kann auch eine vierte Dimension, die Kultur, hinzukommen. Laut der deutschen UNESCO-Kommission (PDF-Link) trägt der kulturelle Sektor, etwa in Form von Vereinen, (Religions-)Gemeinschaften, aber auch Theater, Museen, Hochschulen und ähnlichen Einrichtungen ebenso Verantwortung für eine nachhaltige Entwicklung.

Ihr seht, eine einheitliche und umfassende Definition zur nachhaltigen Entwicklung ist schwer zu entwerfen. Aber vielleicht ist das auch eine Möglichkeit, die Grenzen von Nachhaltigkeit stets neu zu ziehen und zu überdenken, ohne sie ad absurdum zu führen.

Es gibt verschiedene Nachhaltigkeitsmodelle. Doch alle beinhalten die Bereiche Ökonomie, Soziales und Ökologie (Bild: Getty Images / filmfoto).
Die Bereiche Ökonomie, Soziales und Ökologie sind grundlegend für Nachhaltigkeit (Bildquelle: Getty Images / filmfoto)

Ist nachhaltig immer nachhaltig?

Doch nicht nur bei der Definition herrscht Uneinheitlichkeit, sondern auch bei dem Wort selbst. In der Wirtschaft meint nachhaltiges Handeln oft Langlebigkeit, unabhängig von ökologischen Faktoren. Nicht immer muss ein als nachhaltig beworbenes Produkt mit Umweltfreundlichkeit gleichgesetzt werden, sondern hebt eine lange Lebensdauer hervor. Natürlich ist das ein Kriterium, das für Nachhaltigkeit relevant ist, aber das allein reicht nicht aus. So steht zu Hause vielleicht noch der 30-jährige Kühlschrank der Lieblingstante, der aber zu viel Strom frisst und FCKW-Treibhausgase (Fluorchlorkohlenwasserstoffe) ausstößt, die umweltschädlich sind (Quelle: Umweltbundesamt (PDF-Link)).

Es kommt ebenso darauf an, was wir als Einzelpersonen mit Nachhaltigkeit verbinden. In diesem Zusammenhang hat Statista eine Umfrage von 2021 veröffentlicht, welche Kriterien hinsichtlich nachhaltiger Dienstleistungen und Produkte für die Befragten wichtig sind. Eine umweltfreundliche Verpackung und Vermeidung von Tierleid sind mit über 50 Prozent fast gleichauf. Danach folgen faire Arbeitsweisen und die Regionalität der Produkte (keine langen Transportwege). Es gibt noch zahlreiche weitere Aspekte in dieser Umfrage, sie alle zeigen gut, dass für viele von uns tatsächlich die drei Punkte Ökonomie, Ökologie und Gesellschaft bei Nachhaltigkeit zusammenspielen.

Laut einer Umfrage von Statista von 2021 stehen für Einzelpersonen verschiedene Kriterien bei dem Thema Nachhaltigkeit im Vordergrund (Quelle: Statista / Statista Global Consumer Survey).
Für Einzelpersonen stehen verschiedene Kriterien beim Thema Nachhaltigkeit im Vordergrund (Bildquelle: Statista / Statista Global Consumer Survey)

Mehr Nachhaltigkeit in der Technik

Mal mehr, mal weniger nachhaltig

Obwohl Nachhaltigkeit nicht streng definiert ist, halten sich Technik-Hersteller nicht völlig aus diesem Bereich heraus. Ganz im Gegenteil: Verschiedene Unternehmen haben nachhaltige Produkte und Arbeitsweisen zu ihrer Philosophie gemacht. Ein gutes Beispiel ist Fairphone. Der niederländische Smartphone-Hersteller achtet nicht nur darauf, dass das Gerät selbst aus nachhaltigen Materialen besteht, sondern dass ebenfalls „faire Arbeitspraktiken in der Elektronikindustrie in den Mittelpunkt gerückt werden“ (Quelle: Fairphone). Nachhaltigkeit wird hier ganzheitlich gedacht und transparent gemacht – auch bezüglich seiner Unvollkommenheit.

Schauen wir uns dagegen den Bereich der E-Autos an, ist es zwar löblich, dass dank des effizienten Elektromotors keine Abgase ausgestoßen werden, jedoch ist auch der reine Batteriebetrieb kritisch zu sehen. Neben dem verstärkt anfallenden Elektroschrott hat die Produktion ihren Preis: So fordere die hohe Menge an Lithium zum Leid des (vorrangig australischen) Ökosystems einen hohen Wasserverbrauch und das für die Lithium-Ionen-Batterie nötige Kobalt wird unter gesundheits- und umweltschädigenden Bedingungen abgebaut (Quelle: Die Zeit).

Ein drittes Beispiel ist Apple: Unter dem Punkt „Umweltschutz“ verspricht das Unternehmen, dass es all seine Produkte bis 2030 klimaneutral gestalten und nur noch recycelte Rohstoffe nutzen will. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg, da beispielsweise auch das Recycling von Aluminium einem schwierigen Prozess unterliegt (Quelle: Utopia.de). Zudem bewertete Stiftung Warentest die Unternehmensverantwortung bei Apple hinsichtlich Transparenz, Unternehmenspolitik, Soziales und Umwelt lediglich mit „ausreichend“. Unterstrichen wird das von einem im Oktober 2021 veröffentlichten Artikel des britischen Guardian, in dem beschrieben wird, wie die Riesen Amazon, Samsung, Disney und eben auch Apple Lobby-Gruppen finanziell unterstützt haben, die gegen das US-Klimaschutzgesetz der Demokraten agieren.

Greenwashing statt Nachhaltigkeit

Bei all dieser Kritik und Lobby-Arbeit wird schnell ein Greenwashing-Vorwurf laut. Hinzukommt das bereits oben benannte Problem, dass die Grenzen des Nachhaltigkeitsbegriffs fließend sind. Dass dadurch eine einheitliche Definition des Begriffs „Nachhaltigkeit“ schwierig ist und einige Unternehmen verschiedene Schlupflöcher suchen, überrascht kaum. Was es mit Greenwashing konkret auf sich hat, zeigen wir euch in unserem GIGA-Video:

Was ist Greenwashing? – TECHfacts Abonniere uns
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Wer steht in der Verantwortung?

Gerade bei dem Thema Greenwashing kann man sich als Privatperson schnell überfordert fühlen. Doch als Verbraucherin oder Verbraucher kann man am Ende nur nach besten Wissen und Gewissen handeln. Es sollte nicht verlangt werden, dass man sich bis ins kleinste Detail mit den tatsächlichen Werten und Handlungen eines Unternehmens auskennt. Viel wichtiger ist, dass an dieser Stelle die Politik greift.

2015 wurde auf politischer Ebene durch die UN die Agenda 30 verabschiedet, die, laut der Bundesregierung, „weltweit menschenwürdiges Leben […] schaffen [will].“ Dahingehend wurden 17 Nachhaltigkeitsziele definiert, die verschiedene ökonomische, ökologische und soziale Kriterien erfüllen, also ganz im Sinne der Nachhaltigkeit. Darunter zählen Ziele wie die Bekämpfung von Armut, Hunger und Diskriminierung, der Schutz allen Lebens, aber ebenso saubere Energie und menschenwürdige Arbeitsweisen.

Außerdem sollen laut Bundesministerium für Wirtschaft und Energie Nachhaltigkeitsberichte relevanter werden. Diese legen offen, inwiefern ein Unternehmen ökonomisch, ökologisch und sozial nachhaltig handelt. Bisher ist die Nachhaltigkeitsberichterstattung noch nicht für alle Unternehmen verpflichtend (laut Bundesministerium für Arbeit und Soziales „für große börsennotierte Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigen“), können aber auch freiwillig veröffentlicht werden. Zudem sei auch mit Sanktionen zu rechnen, sofern Unternehmen der Berichterstattung nicht nachkommen (Quelle: CSR-News).

Mit den 17 Nachhaltigkeitszielen sollen alle sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Bereiche abgedeckt werden (Bildquelle: Bundesregierung)

Was kann man selbst tun?

Obwohl man als Einzelperson nicht in der Verantwortung stehen sollte, allein die Welt zu retten, gibt es dennoch einige Dinge, die man tun kann, möchte man sich für mehr Nachhaltigkeit einsetzen. Am Ende haben Verbraucherinnen und Verbraucher schließlich Einfluss auf die Nachfrage und das entsprechende Angebot. Jedoch möchte ich an dieser Stelle nicht mit dem Finger auf jede und jeden Einzelnen zeigen, sondern nur einige Anregungen geben, wie man selbst bewusster mit Nachhaltigkeit umgehen kann.

Den Siegel-Dschungel besser verstehen

So lohnt es sich immer, verschiedene Siegel zu hinterfragen. Was steckt hinter Siegeln wie beispielsweise Fairtrade? Und kann man ihnen immer vertrauen? Die Bundesregierung hat dafür die Initiative „Siegelklarheit“ ins Leben gerufen, die wortwörtlich mehr Klarheit in den Siegel-Dschungel bringen will. In dem Siegelverzeichnis findet ihr eine Auflistung verschiedener Zertifikate mit einer entsprechenden Wertung.

Neu oder doch lieber gebraucht – was ist euch beim Technik-Kauf wichtig? Beantwortet das gern in unserer GIGA-Umfrage:

Umfrage: Refurbished oder Neuware?

Recherche lohnt sich

Dahingehend kann ich persönlich auch die Seite Utopia.de empfehlen. Es gibt bereits zu vielen Siegeln ausführliche Artikel über deren Glaubwürdigkeit und Kritik, wie beispielsweise zum Blauen Engel. Aber generell ist Utopia eine Plattform, die über unterschiedliche Themen rund um Nachhaltigkeit kritisch informiert und aufklärt. Hat man eine Frage zu einem bestimmten nachhaltigen Produkt oder Thema, bietet Utopia gute Anhaltspunkte und Denkansätze.

Falls ihr aber nach Inspiration sucht, wie ihr nachhaltiger leben könnt, bietet sich abermals die Website 17Ziele an. Angelehnt an die 17 Nachhaltigkeitsziele gibt es da auch die sogenannten „Tu Du’s“: Also Anregungen, um einen eigenen Beitrag für die 17 Nachhaltigkeitsziele zu leisten. Beispielsweise die Reparatur kaputter Geräte statt diese in den Müll zu werfen, sich ehrenamtlich zu engagieren, verpackungsfrei einzukaufen und so weiter.

Aber: Sei nicht zu hart zu dir

Will man sich für mehr Nachhaltigkeit stark machen, sollte man sich nicht davor scheuen, das eigene Kaufverhalten zu hinterfragen. Das heißt: Bevor man ein Produkt kauft, kann man sich selbst fragen, ob man dieses wirklich braucht. Wenn ja: Gibt es das Produkt vielleicht auch als ein nachhaltiges Modell (wie zum Beispiel das Fairphone)? Oder: muss es unbedingt neu sein oder könnte man es vielleicht auch gebraucht oder refurbished kaufen (über eBay, Backmarket und Co.) oder vom Nachbarn ausleihen?

Warum Online-Shopping nicht immer verteufelt werden sollte, erfahrt ihr in unserem GIGA-Artikel:

Ein Tipp meinerseits ist, sich Zeit zu nehmen. Unsere Warenwelt weckt Begehrlichkeiten und verleitet dazu, immer neue „beste“ Produkte anzuschaffen. Aber es macht tatsächlich viel aus, sich vor einer Investition in ein neues Produkt wirklich damit auseinanderzusetzen. So geht man nicht nur bewusster mit dem eigenen Geld um, sondern schätzt das Gekaufte viel mehr.

Zum Schluss sei noch mal hervorgehoben, dass man nicht zu hart zu sich sein sollte. Es kann trotzdem vorkommen, dass man ein Produkt über einen großen Online-Handelsgiganten kauft, obwohl man das eigentlich nicht mehr wollte. Man gelangt schnell in einen Nachhaltigkeits-Teufelskreis, laut dem es gefühlt nie nachhaltig genug sein kann und es immer ein Haar in der Suppe gibt. Dadurch kann man sich verständlicherweise schnell verunsichert und demotiviert fühlen. Macht euch nicht verrückt: Auch Lustkäufe und „unvernünftige“ Produkte dürfen erlaubt sein. Was zählt, sind kleine (und später größere) Schritte in eine nachhaltige Richtung. Nach und nach das eigene Denken zu prüfen und Konsumentscheidungen zu reflektieren ist ein Marathon, kein Sprint.