R.O.B. – Wie ein kleiner Roboter das NES rettete

Johannes Repp

Er ist klein, knuffig und kommt in vielen Nintendo-Spielen vor. Doch nur die wenigsten kennen die Geschichte unseres Robo-Freundes. Das will ich jetzt ändern, schließlich hat er die Videospiele vor dem Aussterben bewahrt!

R.O.B. – Wie ein kleiner Roboter das NES rettete

Ich würde für die Geschichte des kleinen Plastik-Kumpels gerne etwas weiter ausholen. Bis ins antike Griechenland. Warum? Nun, hier entstand die Sage um das trojanische Pferd. Nach einem Jahrzehnt des Kampfes um die Stadt Troja beschlossen die Griechen, ihre Gegner nicht mit roher Gewalt, sondern mit einer List zu besiegen. Sie brachen ihre Belagerung ab und ließen ihre komplette Armee von dannen ziehen. Als Geschenk hinterließen sie den Trojanern ein riesiges hölzernes Pferd. Die vermeintlichen Sieger der Schlacht brachten ihre Trophäe in das Stadtinnere und feierten bis spät in die Nacht. Als alle Bewohner schliefen, setzten die Griechen ihren Plan um: Im Inneren des Holz-Gaules hatten sich einige griechische Soldaten versteckt, die nun die Stadttore für ihre Kameraden öffneten und Troja somit endlich erobern konnten.

Das trojanische Pferd wurde zum Sinnbild für

„ein harmlos aussehendes Objekt, das ein Angreifer zur Tarnung verwendet, um in einen sicheren, geschützten Bereich eingelassen zu werden.“

(Danke Wikipedia!)

Was hat das alles mit R.O.B. zu tun?

Der Kunststoff-Kumpel R.O.B. (Kurzform von „Robotic Operating Buddy“) ist Nintendos ganz eigenes, trojanisches Pferd. Zumindest aus marketingtechnischer Sicht. (Dazu später mehr.) Er kurbelte den Absatz des NES in den USA stark an. Und das war auch bitter nötig.

1983 dominierte Nintendo mit seinem Famicom den japanischen Konsolenmarkt. Jetzt wollte die Firma expandieren – nach Nordamerika. Doch dort beherrschte Atari den Markt. Diese Herrschaft sollte bald einbrechen: Noch im selben Jahr kam es zum großen Videogame Crash. Da Atari anders als Nintendo keine Kontrolle darüber hatte, welche Spiele für ihre Konsole erschienen, wurde der Spielemarkt mit einer Flut an Trash-Titeln überschwemmt. Das Angebot an schlechten Titeln war so groß, dass gute Spiele einfach untergingen. Die Folge: Atari verlor allein im Jahr 1983 über 500 Millionen US-Dollar und musste Insolvenz anmelden. Große Unternehmen wie Hasbro und Mattel hatten ebenfalls hohe finanzielle Verluste – deshalb wollten sie und andere Spielefirmen mit Videospielen (vorerst) nichts mehr zu tun haben. Einige Spiele waren sogar so schlecht, dass sie gar nicht erst auf den Markt kamen. Das bekannteste Beispiel hierfür ist das Spiel zum Kultfilm E.T. – Der Außerirdische. Es war derart grottig, dass mehrere Tausend Kopien in der Wüste von New Mexico verscharrt wurden.

Bühne frei für Nintendo

Nintendo sah seine Chance. Die Jugend zog es weiterhin in die Arcade-Spielehallen. Es ging also darum, das Arcade-Feeling in die eigenen vier Wände zu bringen. Konkurrenten wie der Atari 2600 oder der von den eigenen Herstellern als überlegen angesehene Atari 7800 waren vom Markt. Mit dem Famicom hatte Nintendo eine leistungsstarke Konsole im Angebot, welche in japanische Läden so schnell verkauft wurde, wie sie produzierbar war. Die einzige Hürde: Dank der großen Misserfolge wollte in Nordamerika niemand mehr die Videospielindustrie finanziell unterstützen. Auch die Spielzeugladenbesitzer weigerten sich, Videospiele und Konsolen in ihr Sortiment aufzunehmen.

1984 präsentierte Nintendo seine Konsole auf der Winter Consumer Electrics Show in Las Vegas. Schon damals mit einer hochmodernen Entwicklung: Einer Licht-Pistole. Wir kennen sie heute als den NES-Zapper (siehe Bild), die Plastikknarre für Spiele wie Duck Hunt. Am Stand herrschte viel Trubel. Viele Leute standen an, um auf virtuelles Pixel-Federvieh zu ballern. Doch niemand bestellte den Famicom für seine Läden. Die Konsole war einfach zu teuer. Außerdem bot sie neben den Spielen keine weitere Funktionen. Schon damals machte der aufstrebende Heimcomputer den Konsolen den Markt streitig. Neben den Daddeleien konnte dieser auch für „sinvollere“ Zwecke eingesetzt werden.

Eine neue Entwicklung mit neuem Image musste her.

 

 

Das Jahr des Kunststoff-Kumpels

Im Juli 1985 kam dann der Family Computer Robot für den Famicom auf den Markt. Seine Popularität erlangte er aber mit einem anderen Namen.

Im Oktober dieses Jahres bekam das Nintendo-Hauptquartier in Nordamerika ein Paket aus Japan. In diesem lag der Robotic Operating Buddy. Howard Phillips, der damalige Pressesprecher von Nintendo äußerte sich zu dem kleinen Robokumpel mit:

„Diese Technologie war so cool! … wie Voodoo-Zauber … Aber dann wurde klar, wie übertrieben langsam die Bewegungen waren.“

Das war das Hauptproblem von R.O.B.: Er war für seine Zeit zwar ein High-Tech-Produkt, jedoch unglaublich langsam und klobig zu bedienen. Das machte es schwer, ihn gescheit vor Publikum zu präsentieren. Trotzdem wurde er 1985 auf der Summer Consumer Electronics Show in Chicago vorgestellt. Wieder war der Stand von Nintendo gut besucht, wieder blieben allerdings die Bestellungen aus.

Trotzdem kam unser Robo-Freund in den Handel. Warum? – Er passte perfekt in die damalige Pop-Kultur. Roboter wie der Terminator, Nummer 5 oder die Transformers waren angesagt. Nintendo wollte mit R.O.B. und dem NES-Zapper ihrer neuen Konsole ein ganz eigenes Image erschaffen. Das Nintendo Entertainment System war keine Spielekonsole, sondern ein Spielzeug. Deshalb wurde der kleine Roboter auch als zentrales Element aller Marketing-Kampagnen etabliert. Das Wort „Videospiel“ wurde mit nicht einem Wort erwähnt. Ebenfalls wurden auf den Spieleverpackungen keine Artworks, sondern tatsächliche Spielegrafiken aus NES-Spielen abgebildet. Die Aufgabe des Roboters sollte es sein, die Leute auf die Konsole aufmerksam zu machen und sie zum Kauf zu bewegen. Das NES selbst sollte dann mit seinen guten Spielen überzeugen.

Dafür ging Nintendo ein großes Wagnis ein

Wie bereits gesagt, wollte aufgrund der anhaltenden Krise kein Laden Videospiele in das eigene Sortiment aufnehmen. Die Marketingabteilung von Nintendo entschied sich, alles auf eine Karte zu setzen. Die damals größte amerikanische Stadt, New York City, wurde zum Test-Markt auserkoren. Anfang Oktober 1985 wurde den Ladenbetreibern folgender Deal angeboten: Mitarbeiter von Nintendo würden kostenlos eine Teststation aufbauen, welche das NES Deluxe Set präsentiert. Für 90 Tage werden die Ladenbetreiber kostenlos mit dem Deluxe-Set beliefert. Bezahlen müssen sie Nintendo nur für die Sets, die verkauft werden. Restbestände können sie kostenfrei zurückgeben.

Da das Risiko größtenteils auf der Seite von Nintendo lag, willigten über 500 Filialen ein. Die Ladenbesitzer erhielten ein vorgefertigtes Skript, wie sie das NES Deluxe Set zu präsentieren hatten. Das Set enthielt ein NES, zwei Controller, einen NES-Zapper, R.O.B. und die Spiele Duck-Hunt und Gyromite.

Eine Woche später wurde das NES offiziell veröffentlicht. Zur Launch-Party kam, trotz vieler Einladungen, nicht ein Pressevertreter. Aufmerksamkeit erregte die neue Konsole trotzdem. Am 18. Oktober 1985 kam das NES Deluxe Set für 139,99 US-Dollar in den Handel. Neben der Konsole waren insgesamt 17 Spiele erhältlich – zwei davon für R.O.B..

R.O.B. und der NES-Zapper sind nur der Anfang! Hier seht ihr noch mehr skurrile Entwicklungen für Nintendo-Konsolen:

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Aber was konnte R.O.B.?

Mit R.O.B., der eigentlich OTTO heißen sollte, konnte und kann man nur zwei Spiele spielen: Gyromite und Stack-Up. Ersteres war in der Deluxe-Version enthalten. Beim Platformer Gyromite (Originaltitel: Robot Gyro) geht es um Professor Hector, der in einem Labyrinth gefangen ist. Der Spieler soll ihm helfen, zu entfliehen. Die Aufgabe des zweiten Spielers (also R.O.B.) ist es, die Säulen, die Professor Hector den Weg versperren, im richtigen Moment zu bewegen. Um Gyromite zu spielen, muss man den Roboter erst umrüsten. Er hat zwei Halterungen für zwei zugehörige Kreisel, sogenannte Gyros (Nein, nicht das Fleisch! Die Mehrzahl von „Gyro“!) und einen Motor, um diese zum Rotieren zu bringen.

Für jeden Gyro gibt es einen Hebel, auf dem er platziert werden konnte – einer mit rotem und einer mit blauem Knopf. Diese sind mit einer Halterung für einen NES-Controller verbunden. Wird ein Kreisel am Ende eines Hebels platziert, wird entweder der A- oder der B-Knopf der Controllers gedrückt. Damit besagter Kreisel auf dem Hebel verbleibt, wird er vorher in Rotation versetzt (siehe Bild links). Das klingt jetzt alles viel komplizierter als es eigentlich ist, daher schaut euch einfach dieses Video an:

Wenn ihr mir vorhin nicht geglaubt habt, wisst ihr es spätestens jetzt: R.O.B. ist ein sehr tiefenentspannter Bursche. Nintendos damalige Marketing-Chefin Gail Tilden bezeichnete den Spielvorgang als etwa so interessant,

wie als würde man Gras beim Wachsen zuschauen.“

Trotzdem galt R.O.B. als High-Tech. Schließlich funktionierte er komplett kabellos, er brauchte für den Betrieb lediglich vier AA-Batterien und eine D-Batterie für den Gyro-Motor. Wie kommuniziert er dann mit der Konsole?

Wie euch vielleicht im Video aufgefallen ist, flackert der TV-Bildschirm im regelmäßigen Abständen. Das, was bei R.O.B. wie ein paar Augen aussieht, ist in Wirklichkeit der selbe Licht-Sensor, der im NES-Zapper verbaut ist. Über dieses wird das Bildschirmflackern in einen Befehl umgewandelt. Bei modernen HD-Bildschirmen funktioniert das übrigens nicht mehr.

Aber R.O.B. hatte noch ein zweites Spiel im Angebot: Stack-Up. Hier fungiert er allerdings nicht als Eingabegerät. Das Spiel läuft viel mehr auf einer Art „Vertrauensbasis“.  Vor Spielbeginn müssen an R.O.B. fünf ringförmige Halterungen angebracht werden, auf denen wie auf dem Bildschirm angezeigt fünf farbige Chips verteilt werden (siehe Bild rechts). Ziel von Stack-Up ist es,  Professor Hector dabei zu helfen, die Farbchips so zu sortieren, wie er es auf dem Bildschirm vorgibt – und das in möglichst wenigen Zügen. Hierbei ist vorausschauendes Denken gefragt. Diese Spieleideen waren zwar neu und einzigartig, verloren aber sehr schnell ihren Reiz. Die vier weiteren Spiele, die für R.O.B. in Planung waren, wurden nie veröffentlicht.

R.O.B. hat seinen Job dennoch erfüllt

Das Ziel von R.O.B. war es, das NES in die Hände der Käufer zu bekommen. Und das hat er geschafft: Ende 1985 wurde das Geschäftsziel von 50.000 verkauften Einheiten erreicht, was zur landesweiten Veröffentlichung der Konsole führte. Im selben Jahr wurden 200 NES-Besitzer befragt, ob sie die Konsole ihren Freunden weiterempfehlen würden. Je nach Altersgruppe beantworteten knapp 80 bis 90 Prozent der Befragten dies mit einem klaren „Ja“. Auf die Frage hin, was der Hauptgrund für den Kauf des NES gewesen sei, antworteten die meisten Erwachsenen mit: „Mein Kind hat danach gefragt“. Warum haben die Kinder danach gefragt? Der am häufigsten genannte Grund war der Robotic Operating Buddy.

Der Siegeszug des NES setzte sich fort, bis 1986 wurden 4 Millionen Konsolen verkauft. Die Haupt-Verkaufsargumente waren jetzt allerdings Spiele wie Mario Bros. oder Duck Hunt, die einen Verkaufsrekord nach dem anderen brachen. R.O.B. hatte ausgedient und ging 1988 mit der Einstellung von Produktion und Verkauf „in den Ruhestand“. Heute ist R.O.B. nicht mehr als ein teures Sammlerstück – teilweise wird er für dreistellige Beträge gehandelt. Wem das zu teuer ist, der kann auf die Amiibo-Variante zurück greifen. Die können aber nicht zu 8-Bit Weihnachtsmusik tanzen, wie der originale Robo-Kumpan:

Er lebt trotzdem weiter

R.O.B. bleibt trotzdem unvergessen. Er hatte über die Jahre hinweg zahlreiche Auftritte in Spielen aus dem Hause Nintendo. In Mario Kart DS kurvt er in seinem R.O.B.-BLS umher, das stark an Stack-Up-Setup erinnert, in Wario Ware: Smooth Moves für die Wii ist er anscheinend komplett verrückt geworden und beschießt die Spieler mit einem NES-Zapper. Die meisten werden ihn allerdings aus Super Smash Bros. Ultimate oder den Vorgängerteilen kennen. Der YouTube-Kanal Shiromi hat in diesem Video alle Spiele mit Robo-Präsenz zusammen gefasst:

Die unterschiedlichen Farbgebungen von R.O.B. sind schnell erklärt. Er erschien für den NES und den Famicom, jeweils in passender Farbe. Setzte man beim Famicom noch auf eine weiß-rote Färbung, erschien der NES im futuristischen Space-Grey.

… um wieder auf das Pferd zu kommen

Was wollte er uns jetzt am Anfang mit diesem Holz-Gaul sagen!?

Nun, R.O.B. ist auch ein trojanisches Pferd. Zumindest im Bereich des Marketings. Nintendo wollte in einen neuen, schwierigen Markt eindringen und brachte den klapprigen Kunststoff-Kameraden als Haupt-Verkaufsargument für ihre neue Konsole heraus. Er sah cool aus, traf den Nerv der Zeit, war aber letztendlich dann doch ein eher langweiliger, behäbiger Spielgefährte. Hatte man ihn sich erst einmal gekauft, tauchte man aber in die tolle neue Welt der NES-Spiele ein und Titel wie Duck Hunt oder Mario Bros. rechtfertigten dann letztendlich doch den Kauf. Diese und andere Erfolgstitel sollten nach R.O.B.s Ruhestand fortan die Konsole und ihren Erfolg tragen.

Welche Spiele verbindet ihr mit dem NES? Schreibt es gerne in die Kommentare! Dieser weiße Kasten fast direkt unter dem Text!

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