Als großer Online-Publisher haben wir bei GIGA eine Verantwortung gegenüber euch. Dazu gehört, dass wir auch Nachhaltigkeit in den Produkten diskutieren, die wir testen. Unsere Diskussion wollen wir mit euch teilen und schildern, wie wir Nachhaltigkeit in Zukunft bewerten.

Dieser Artikel ist Teil der GIGA-Themenwoche „Nachhaltigkeit“ vom 5.6. bis 11.6.2022. Im Übersichtsartikel lest ihr, was es damit auf sich hat und findet weitere Stücke zum Thema.

Einer unser Grundsätze bei GIGA ist, dass wir praxisnah testen. Ein etwas nackensteif klingendes Wort, das aber einen uns immens wichtigen Aspekt beschreibt. Das bedeutet, dass das uns wichtigste Kriterium ist, wie sich ein Gerät im Alltag macht – wichtiger als Messungen aus Laboren. Hilft es euch? Ist es nachvollziehbar in der Benutzung für Einsteiger und Profis? Macht es Spaß? Oder, im Kontrast: Nerven bestimmte Aspekte? Setzt euch das Gerät sinnlose Grenzen oder bietet es zu wenig Mehrwert?

In Zeiten des Klimawandels lautet die Preisfrage: Sollte Nachhaltigkeit auch in die GIGA-Testwertungen einfließen? Und wenn ja, wie? Zwar ist dieser Aspekt in einigen Fällen schon Teil der Note von getesteten Geräten, aber wir möchten auch transparent mit euch sein, unsere Überlegungen teilen und eure Ideen hören.

Auf den ersten Blick mag Nachhaltigkeit nicht nach Praxisnähe klingen. Frisch aus der Packung genommen funktioniert das neue Gerät zunächst unabhängig davon, wie viel Energie in Fertigung und Transport geflossen sind, unter welchen Umständen die Rohstoffe für die Komponenten gewonnen worden und so weiter. Auf den zweiten ist Nachhaltigkeit dann aber doch relevant.

Was heißt Nachhaltigkeit für uns?

Die Definitionen variieren in der öffentlichen Diskussion. Wir verstehen unter Nachhaltigkeit die folgenden 10 Punkte:

  • Recycling: Die Rohstoffe zur Herstellung sollen so weit wie möglich aus recycelten Quellen stammen, das Produkt nach dem Gebrauch mit wenig Aufwand wieder dem Wertstoff-Kreislauf zugeführt werden können.
  • Ressourcenschonung: In der Produktion und im Transport sollen möglichst wenig Energie und Ressourcen verbraucht, möglichst wenig CO₂ erzeugt werden.
  • Faire Arbeitsbedingungen: Förderung von Ressourcen, Herstellung der Komponenten und der Zusammenbau des Produkts sollen unter menschenwürdigen Bedingungen geschehen, unter Einhaltung von Arbeitsschutz-Standards, ohne Kinderarbeit und gegen einen fairen Lohn.
  • Transparenz: Bemühungen um die Nachhaltigkeit eines Produktes sollten so gut wie möglich dokumentiert sein, die Informationen frei zugänglich und nachvollziehbar aufbereitet.
  • Energieeffizienz: Schon in der Konzeption sollte auf einen möglichst sparsamen Umgang mit Energie geachtet werden, das Produkt entsprechend gestaltet. Beispiele: Cw-Wert bei Autos, Standby-Verbrauch bei Unterhaltungselektronik.
  • Langlebigkeit: Das Produkt sollte zum einen widerstandsfähig gegenüber Unfällen (z.B. herabfallendes Handy) und Natureinflüsse (Regen, Sand) gestaltet sein, Verschleißteile möglichst lange halten. Zum anderen sollte sichergestellt sein, dass es softwareseitig nicht veraltet und performant bleibt.
  • Reparierbarkeit: Bei Defekten sollte es Laien möglich sein, diese am Gerät selbst zu beheben oder zumindest die Reparaturstelle frei zu wählen. Der Hersteller sollte Reparatur-Dokumentation und Ersatzteile bereitstellen, keine unnötigen Hürden zur Reparatur (Verklebungen, proprietäre Schrauben) integrieren.
  • Nutzbarkeit ohne externe Abhängigkeiten: Ein Produkt soll in seinem Kernzweck möglichst ohne externe Abhängigkeiten (Internetzugang, Benutzerkonten, Cloud-Dienste etc.) nutzbar sein.
  • Erweiterbarkeit und Interoperabilität: Das Produkt sollte nach etablierten Standards bestmöglich anzuschließen, zu erweitern und aufzurüsten sein. Es sollte so konstruiert sein, dass es mit einer möglichst großen Bandbreite existierender Produkte zusammenarbeitet.
  • Verpackung: Die Verpackung sollte so wenig Volumen wie möglich haben, keine unnötigen Bestandteile aufweisen, so weit wie möglich auf Plastik und Verbundstoffe verzichten.

Mehr zur Begriffgeschichte von Nachhaltigkeit erfahrt ihr hier:

Nachhaltigkeit und Praxisnähe – geht das?

Die technischen Produkte, mit denen wir uns umgeben, sind Verbrauchsartikel mit einer Halbwertzeit, die nicht nur von Abnutzung, sondern auch von Technologiezyklen bestimmt werden. Und um eine bittere Wahrheit auf den Punkt zu bringen: Die Produkte unserer modernen Konsumwelt sind in aller Regel nicht „grün“. Sie werden unter hohem Energie- und Ressourcenaufwand gefertigt, sind relativ schnell nicht mehr benutzbar (Stichwort „geplante Obsoleszenz“) und werden dann zu Müll, den wiederzuverwerten aufwändig ist. Selbst Produkte wie faire Smartphones oder Elektroautos sind nicht inhärent nachhaltig, sondern lediglich „weniger schlimm“ als herkömmliche Modelle – und auch hier gibt es Abstufungen.

Ganz auf Elektronikprodukte zu verzichten ist auch keine Alternative für uns – dennoch: Die Ressourcen unseres Planeten sind begrenzt. Der von uns hinterlassene ökologische Fußabdruck ist wichtiger denn je. Wir müssen Ressourcen sparen und das muss sich auch in unseren Konsumentscheidungen widerspiegeln. Der Effekt mag bei einem einzelnen Gerät gering sein, aber als (Welt-)Gesellschaft profitieren wir davon, wenn jeder auch im kleinen Stil Energie spart, Müll vermeidet, und so weiter. Wir sollten, bei allem Komfort und aller Zerstreuung, die Technologieprodukte uns bringen, trotzdem bedacht werden. Klingt idealistisch? Mag sein, aber was ist die Alternative – so zu leben, als ob nichts wäre?

Das ist, ganz konkret, der Grund, warum wir Nachhaltigkeit in unserer Testwertungen einfließen lassen: Wenn ihr ein Gerät kauft, sollte es so umweltschonend wie möglich sein und so lange wie möglich genutzt werden können. Das ist ganz nebenbei auch gut für euren Geldbeutel.

Ein weiterer Grund für Nachhaltigkeit als Testkriterium ist der Einfluss, den GIGA als reichweitenstarkes Online-Medium besitzt: Wenn wir Nachhaltigkeit in der Bewertung von Produkten sicht- und messbar machen, hat das im gewissermaßen auch Auswirkungen auf die Elektronik-Branche. Vielleicht schließen sich ja auch andere Medien an und das Thema wird zu einem, das in Zukunft nicht mehr ignoriert werden kann. Hersteller sollten sich auch im Bereich der Nachhaltigkeit im Wettbewerb untereinander messen, so wie sie es auch bei Kameras, Software und Akkuladetechniken tun.

Nachhaltigkeit messbar machen – die Herausforderungen

Nachhaltigkeit ist wichtig und praxisnah. Deswegen wird sie Teil unserer Testwertungen, das haben wir festgelegt. Aber wie sollen wir das anstellen? Das sind die zentralen Herausforderungen, die sich in unserer internen Diskussion herausgestellt haben:

  • Fehlende Transparenz: In der Regel sind die Hersteller eher sparsam mit Informationen zu den Produktionsbedingungen. Die Produktionskette und Lieferwege kennen wir oftmals nicht. Selbst für die Hersteller ist das häufig eine „Black Box“, weil Einzelschritte der Produktion meist durch Subunternehmen abgewickelt werden.
  • Fehlende Überprüfbarkeit: Auch wenn ein Hersteller im besten Fall umfassende Dokumentation über die eigenen nachhaltigen Bemühungen anbietet, sind diese Maßnahmen für uns nicht direkt nachvollziehbar für uns, können von uns nicht unabhängig geprüft werden – als als bei Performance, Displayhelligkeit oder Kameraqualität.
  • Komplexität und Impact bestimmter Maßnahmen: Wie wiegt man recycelte Materialien gegen die Tatsache ab, dass die Komponenten vielleicht zweimal die Welt umrundet haben? Ist ein fair gefertigtes Smartphone mit einer durchschnittlichen Nutzungszeit von 1½ Jahre besser als ein „herkömmliches“, das aber 4 Jahre brauchbar ist? Eine nachhaltige bzw. nachhaltig klingende Maßnahme gegen eine andere abzuwägen ist enorm schwierig. Und damit sind wir schon beim nächsten Punkt.
  • Greenwashing: Nachhaltigkeit ist ein Trend und das wissen die Hersteller. So werden Maßnahmen in der Bewerbung der Produkte nach vorne gestellt, die in diese Richtung zielen, etwa Plastikteile aus recycelten Fischernetzen oder Soja-Tinte auf der Papp-Verpackung. Klingt alles gut und beruhigt die Verbraucher, aber ehrlicherweise darf man davon ausgehen, dass diese Maßnahmen in der Gesamtbilanz der Geräte eher einen verschwindend kleinen Teil ausmachen. Obwohl diese Schritte guten Willen attestieren – wie gewichtet man sie?
  • Siegel: Testsiegel suggerieren häufig beispielsweise Fairness und Umweltschutz in der Produktion. Diese stammen jedoch häufig nicht von unabhängigen Instituten. Auch das kann Greenwashing sein.
  • Es fehlt die „Baseline“: Bei Nachhaltigkeit gibt es praktisch keinen Standard. Abgesehen von Nischengeräten wie dem Fairphone oder einzelnen Initiativen hat noch kein Hersteller ein Zeichen gesetzt, an dem sich die gesamte Elektronik-Branche orientiert. Klar: Entwicklungen zu mehr Nachhaltigkeit sind nicht von heute auf morgen umsetzbar. Aber heißt das, wir müssen alle Hersteller grundsätzlich mit dem Äquivalent der Schulnote 6 bewerten, mit der Tendenz nach oben für einzelne Maßnahmen?
  • Vorteile, die Nachteile sind: Ist ein fehlendes Netzteil in der Handy-Verpackung ein Vorteil? Ja, weil dadurch die Packungsgröße verringert und der Transport ressourcenschonender wird. Nein, weil es Käufer unter Umständen dazu zwingt, zusätzliche Elektronik zu kaufen. Ähnliches gilt für vorab angebrachte Display-Schutzfolien (zusätzlicher Müll vs. gewonnener Komfort) und mitgelieferte Cases (vermiedene zusätzliche Anschaffung vs. unnötiges Wegwerf-Plastik, wenn man ein anderes Case nutzt). Wie gewichtet man solche Aspekte?

Mehr zum Thema Greenwashing im Video:

Was ist Greenwashing? – TECHfacts Abonniere uns
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Was wir tun werden

Nach intensiven Diskussionen haben wir eine Idee erarbeitet, wie wir Nachhaltigkeit in Zukunft bewerten.

  • In unsere Nachhaltigkeitswertung fließen folgende Aspekte ein:
    • Verpackung: Gibt es unnötige, kompostierbare oder keine Plastikumhüllen? Gibt es unnötiges Zubehör?
    • Langlebigkeit: Ist das Produkt robust konstruiert, ist es beispielsweise gegen Wasser und Staub geschützt? Gibt es eine Garantie für Software-Updates? Hat das Produkt sichtbare, nicht reparierbare Verschleißteile oder konstruktive Schwachpunkte („Sollbruchstellen“)? Bestehen für die Funktionalität theoretisch unnötige Abhängigkeiten, z.B. Accounts oder Clouddienste?
    • Reparierbarkeit: Gibt es einen austauschbaren Akku oder gar modularen Aufbau? Bietet der Hersteller Unterstützung und Ersatzteile fürs einfache Reparieren? Gibt es unnötige Hürden bei der Selbst-Reparatur (Verklebungen, proprietäre Schrauben)?
    • Recyclingfähigkeit: Nimmt der Hersteller Altgeräte an? Wenn ja, nur eigene Produkte oder auch die anderer Hersteller? Falls ja, werden diese fachgerecht recycelt? Werden Anreize geschaffen, etwa über Rabatte beim Neukauf?
    • Transparenz: Bietet der Hersteller Infos zu Rohstoffen, Lieferketten und Arbeitsbedingungen sowie Nachhaltigkeitsberichte online an?
  • Wir spekulieren nicht; wir bewerten das, was wir bewerten können. Hierfür greifen wir auf eigene Einschätzungen und Erfahrungen mit dem Gerät zurück, aber auch auf externe unabhängige Quellen, zum Beispiel Geräte-Teardowns von iFixit oder die Tests von darauf spezialisierten unabhängigen Instituten.
  • Wir sind uns über Ambivalenzen bei der Bewertung im Klaren, etwa was den Lieferumfang angeht. Solche inneren Widersprüche gibt es auch in anderen Bereichen und gehören dazu; wichtig ist, dass sie thematisiert werden.
  • Unabhängig von der Anzahl anderer Kriterien und deren Gewichtung wirkt sich Nachhaltigkeit mit einem Einfluss von 10 % auf die Gesamtnote aus. Dieser Einfluss kann in Zukunft steigen. Die Nachhaltigkeitswertung wird im Test-Artikel inhaltlich genauer beleuchtet.
  • Standardmäßig startet ein Produkt nicht bei 0 auf unserer 10-Punkte-Skala in der Einzelwertung für Nachhaltigkeit, zumindest solange keine Baseline etabliert ist. Stattdessen gehen wir vorerst von einem „Durchschnittswert“ von 5 aus, der durch oben genannte Kriterien verbessert oder verschlechtert werden kann.
  • Unsere Lösung wurde bereits auf einige der Testberichte der letzten Wochen angewandt, ist für zukünftige auf GIGA erscheinende Testberichte zu Technikprodukten aber obligatorisch.

Uns ist klar, dass unsere Lösung erst einmal nicht perfekt ist. Wir möchten betonen, dass diese Richtlinie ein „Zwischenschritt“ ist, ein Startpunkt, der sich an der Machbarkeit im redaktionellen Alltag orientiert. Diese Lösung soll und wird mit der Zeit verfeinert werden – wir freuen uns dabei auch auf eure Ideen und Feedback.