In Diskussionsforen sowie bei Facebook oder Twitter begegnet ihr immer wieder dem Schlagwort „Dunning-Kruger-Effekt“. Dieser Begriff aus einer sozialpsychologischen Untersuchung wird aber sehr häufig falsch eingesetzt. GIGA erklärt euch, was damit gemeint ist und warum sich der Begriff nicht als Streitargument eignet.

 
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Der Begriff „Dunning-Kruger-Effekt“ wird häufig als Totschlagargument in Diskussionen verwendet, um dem anderen zu unterstellen, dass er etwas nicht versteht und gleichzeitig zu dumm ist, das zu begreifen. Das ist allerdings gar nicht das Ergebnis der ursprünglichen Veröffentlichung.

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Was steckt hinter dem „Dunning-Kruger-Effekt“?

Den Namen hat der Effekt von David Dunning und Justin Kruger. Die beiden Sozialpsychologen veröffentlichten 1999 das Ergebnis ihrer Experimente unter dem Namen „Unskilled  and Unaware  of It“ und so wurde der Begriff „Dunning-Kruger-Effekt“ geboren.

Damit wird heutzutage die Fehleinschätzung von Personen hinsichtlich ihrer eigenen Fähigkeiten bezeichnet. Wird die Bezeichnung im Internet oder in Diskussionen (meist eher Streits) verwendet, soll damit unterstellt werden, dass jemand sich maßlos überschätzt und gleichzeitig so dumm ist, dass er das nicht erkennt.

Das ist aber nicht alles, was Dunning und Kruger in ihrem Paper festgestellt haben!

Getestet wurden Teilnehmer in den Bereichen Humor, Grammatik und Logik. Die Testteilnehmer sollten ihre Bewältigung dieser Aufgaben anschließend selbst einschätzen. Dabei stellte sich heraus, dass jene Personen, deren Ergebnisse sich in den unteren 25 % der Wertung befanden, sich in der Regel deutlich höher einschätzten. Gleichzeitig kam aber eben dabei auch heraus, dass sich die guten Teilnehmer eher niedriger einschätzten.

Allerdings hatten die beiden Wissenschaftler und einige ihrer Kollegen in früheren Jahren bereits etwas festgestellt, das für alle Menschen gilt und das sie den „above-average effect“ nannten: Das bezeichnet die Tendenz jedes Menschen, seine eigenen Leistungen im Vergleich zu anderen mindestens etwas oberhalb des Durchschnitts einzuschätzen.

Grundsätzlich kann man sagen, dass es zwar einen deutlichen Unterschied in der Fehleinschätzung der Getesteten gibt, aber sich prinzipiell jeder falsch einschätzt:

  • Dunning und Kruger stellten zum Beispiel fest, dass die schlechtesten Teilnehmer in den Tests nur 12 % erreichten, sich selbst aber im Bereich von 62 % einordneten. Hier beträgt die Differenz zwischen Realität und Selbsteinschätzung also rund 50 Prozentpunkte.
  • Im zweiten Viertel betrug der Unterschied zwischen den echten Ergebnissen und der Einschätzung nur noch rund 20 Prozentpunkte, während die Differenz im dritten Viertel nicht einmal mehr 10 Prozentpunkte umfasste.
  • Interessant waren die Spitzenreiter im vierten Viertel: Sie hatten fast 90 % der Fragen richtig beantwortet, schätzten sich selbst aber im Bereich knapp über 70 % ein.

Die Tests bestanden allerdings aus mehreren Teilen und untersuchten verschiedene Befähigungen der Teilnehmer, sodass sich die „Verlierer“ eines Tests anderen Fragen durchaus gewachsen zeigen kann.

Zusammenfassend kann man sagen, dass auch „dümmere“ Testteilnehmer durchaus wussten, dass sie im Vergleich zu anderen weniger kompetent waren. Allerdings war diese Fehleinschätzung ein Problem aller Teilnehmer und die Arbeit wird in Fachkreisen inzwischen stark kritisiert. Dass sich alle selbst falsch einschätzen, haben ja die beiden Verfasser der Arbeit selbst in ihrem Text schon geschrieben.

Besser nicht mit dem „Dunning-Kruger-Effekt“ argumentieren

Wirft man in einer Auseinandersetzung das Argument „Dunning-Kruger-Effekt“ ein, dann sagt man seinem Gegenüber nichts anderes als „Du bist zu dumm/schlecht, um in diesem Thema zu guten Ergebnissen zu kommen. Gleichzeitig sorgt deine Dummheit auf diesem Gebiet aber auch dafür, dass du diese Unfähigkeit nicht erkennst.

Nun könnte man sagen „Um zu erkennen, dass das keine Ebene der sachlichen Auseinandersetzung mehr ist, müsste man sich schon sachlich auseinandersetzen können!“ Mit dem Argument das „Dunning-Kruger-Effekts“ verlässt man bereits jede Fachdiskussion – selbst wenn man absolut recht hat.

Vor allem sollte euch klar sein, dass es doch nicht die geringste Chance gibt, jemanden von seinem Irrtum zu überzeugen, dem man selbst die Unfähigkeit der Selbstreflexion vorwirft. Entweder ist er zu dumm, um die Wahrheit zu begreifen, oder ihr habt mit dem Vorwurf des „Dunning-Kruger-Effekts“ unrecht.

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