Missbrauchte Ikone: Wie aus der tragischen Figur Harley Quinn das Sexsymbol der Generation Cosplay wurde

Tobias Heidemann 7

Wer dieser Tage über irgendeine Messe mit Bezug zur Unterhaltungsindustrie läuft, der wird ihr garantiert begegnen. Und zwar mehrmals. Harley Quinn. Beliebtes Motiv unter Cosplayern, sexy Star des kommenden „Suicide Squad, Baseballschläger schwingende Comic-Ikone und festes Inventar der Gaming-Szene. Kaum eine Figur der Popkultur hat in den letzten Jahren eine derartig steile Stil-Karriere gemacht wie Harley Quinn.  Gesehen wird sie dabei als die durchgeknallte Partnerin des Jokers, seine gefährliche, aufreizende Kumpanin. Etwas dümmlich zwar, aber dennoch irgendwie ein starker, weiblicher Charakter, der vielen jungen Frauen als Vorbild gilt. Eine erstaunliche Wahrnehmung. Mit Harley Quinn hat dieses Bild nämlich so gut wie gar nichts zu tun. 

Missbrauchte Ikone: Wie aus der tragischen Figur Harley Quinn das Sexsymbol der Generation Cosplay wurde

Zumindest dann nicht wenn man sich ihren Ursprüngen zuwendet. Unterhält man sich aktuell mit Menschen, die Harley Quinn irgendwie cool oder attraktiv finden, die ihre Insignien am eigenen Leib tragen oder sie gar als liebste Heldin ganz tief im Herzen tragen, dann überrascht es doch sehr, wie wenig über ihre historischen Hintergründe tatsächlich bekannt ist.

Das beginnt schon beim Medium selbst. So ist Harley Quinn zum Beispiel kein besonders traditionsreicher DC-Charakter. Sie ist nicht einmal eine Comic-Figur! Quinn ist eine vergleichsweise neue Erfindung aus dem Fernsehen. Paul Dini und Bruce Timm erschufen sie 1992 im Rahmen der grandiosen TV-Serie „Batman: The Animated Series“. Die Idee für die Figur kam Dini als er die Schauspielerin Arleen Sorkin in einer Soap aus den 80er Jahren sah. Sorkin übernahm später dann auch tatsächlich die Sprecherrolle von Quinn.

Schaut man sich Harleys Quinns ersten Auftritt in der Animationsserie heute nochmal an, gerät man umgehend ins Staunen. Harleen Frances Quinzel ist hier eine intelligente Psychiaterin, die den in Arkham einsitzenden Joker therapieren muss.

Der spielt mit der armen Quinn, ganz gemäß seiner niederträchtigen Natur, ein falsches Psychospiel, indem er sich seiner engagierten Psychiaterin gegenüber „öffnet“. Er stellt sich als bedauernswertes Opfer der Gesellschaft dar, missbraucht vom Vater, verkannt vom selbstgerechten Batman, verloren in den Mühlen der Justiz. Harley hat Mitleid. Sie verliebt sich sogar in den Joker, der sie sodann für seine bösartigen Zwecke eiskalt missbraucht. Mit anderen Worten: Die Geschichte von Harley Quinn ist eine tragische.

Die Geschichte von Harley Quinn ist eine tragische

Nicht nur wurde ihre Liebe zum Joker nie erwidert, was aus ihrer tragischen Liebe folgt, ist eine endlose Schleife der Gewalt, aus welcher sie nicht entkommen kann. Wieder und wieder wird Harley Quinn vom Joker verbal und physisch missbraucht, wieder und wieder fällt sie auf seine falschen Versprechen, sich dieses Mal aber wirklich zu ändern, herein.

Alles was es dafür braucht, ist ein „Sorry“ und schon hat Harley ihrem prügelnden „Liebhaber“ wieder verziehen. Die besondere Qualität der Figur Harley Quinn, ihr essentielles Thema, ist das eines psychisch entgleisten Missbrauchsopfers, das sich wider besseres Wissen in die Hölle häuslicher Gewalt stürzt.

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Bitterer Ironie: Die nackte Selbstmord-Harley wird zum Babe

Heute ist Quinn ein Vorbild. Aus der tragischen Figur ist eine (über)sexualisierte Crazy-Bitch geworden. Eine erstaunliche Transformation, die ihres gleichen sucht. Will man sie anhand der Comics, Animationsserien und Games nachvollziehen, identifiziert man einen langwierigen und vielschichtigen Prozess.

Wesentlicher Katalysator für die ungeheure Verwandlung der Harley Quinn war dabei Rocksteadys Actionspiel „Batman: Arkham Asylum“. Hier tauchte Quinn nicht nur deutlich sexualisierter im knappen Minirock mit kindlichen Zöpfchen und ohne ihren tragischen Ballast auf, hier wurde sie dank des Erfolgs des Spiels auch einem sehr viel breiteren Publikum vorgestellt. Rocksteadys deutlich plakativere Version des Charakters setzte sich durch und wurde mittels Cosplay und „Babe“-Bilderstrecken zu einem festen Bestandteil der Gaming-Kultur.

Dieses neue, mit sehr viel Sarkasmus und bitterer Ironie gezeichnete Bild, spiegelt sich sodann in die Comic-Serien und DC-Animationsfilme, in welchen Quinn nun deutlich häufiger auftaucht, zurück. Historischer Tiefpunkt dieser Entwicklung war ein skandalöser Nachwuchswettbewerb („Break into comics with Harley Quinn!“), den der Comic-Verlag im Jahr 2013 ausrief.

So wurde von den Künstlern, die an dem DC-Wettbewerb teilnehmen wollten, unter anderem verlangt, dass sie ein Panel zeichneten, in welchem Harley nackt in der Badewanne sitzt und gerade im Begriff ist, sich umzubringen.

Die Tatsache, dass DC diesen mindestens grenzwertigen Aufruf in der „Nationalen Selbstmord-Präventionswoche“ ausschrieb, half dabei nicht unbedingt. Die Illustrationen der nach allen Regeln der Comic-Kunst entblößten „Selbstmord-Harley“ machten natürlich dennoch die Runde und trugen erneut zur „Modernisierung“ der Figur bei.

Harleys Hotpants: Oder Margot Robbie spielt eine feministische Ikone 

Doch auch die suizidale Sexbombe, die uns heute bestens bekannt ist, verändert sich immer noch rasant. Wer zum Beispiel Margot Robbie dabei zuhört, wie sie in zahlreichen Interviews über ihre Harley-Rolle in „Suicide Squad“ spricht, der bekommt ganz schnell das widersprüchliche Gefühl, die Schauspielerin stelle im Film eine feministische Ikone dar.

Selbstbestimmt, stark und unberechenbar sei die Figur, die sie da spiele. Aha. Von ihrem tragischen Hintergrund also keine Spur mehr? Dafür wurden aus dem vormals so beliebten Mini-Rock nun folgerichtige Hotpants, was wiederum das bis dato wichtigste Gesprächsthema des Films darstellt.

Währenddessen durchläuft Harley in DCs fleißig hinter dem Hype her produzierender Animationsschmiede schon wieder die nächste Verpuppung. In „Justice League: God and Monsters“ taucht die Figur nun mehr oder weniger nackt auf. Unterhose, Strapse und Korsett sind Harley hier noch geblieben. Doch was sie an Kleidung verloren hat, bekommt sie an Craziness gleich doppelt zurück. Kettensägen-Selfies mit einer drapierten Familie aus Leichen inklusive. Puh.

Einem kulturpessimistischen Niedergang der desillusionierten Jugendkultur muss man aufgrund der hier nachgezeichneten Entwicklung deshalb noch lange nicht den Mund reden. Immerhin steckt in der bizarren Verwandlung der Harley Quinn auch irgendwo irgendwie ihr Aufstieg zu einer ernstzunehmenden Bösewichtin drin. Oder so.

Doch wenn es tatsächlich so kommen sollte, wie es viele Experten derzeit vermuten, wenn ausgerechnet DIESE Version von Harley Quinn zur ersten, erfolgreichen „Superheldin“ im männlich dominierten Genre wird – während „Wonder Woman“ an den Kinokassen scheitert – dann bin ich doch wohl hoffentlich nicht der Einzige, der deswegen ein bisschen Bauchschmerzen hat, oder?

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