Sakrileg oder skurriles Glaubensbekenntnis? In einer katholischen Kirche in der Schweiz treffen Gläubige seit Neuestem einen KI-Jesus im Beichtstuhl an. Wer würde mit ChatGPT nicht gerne eine spirituelle Erfahrung machen?
Hightech-Heiland in Luzern
Dass KI jede Menge Arbeitsplätze kosten könnte, ist hinlänglich bekannt. Dass die Technologie allerdings Priester im Beichtstuhl ersetzen würde, hatten vermutlich nicht viele Experten auf der Rechnung.
Eine Kunstinstallation in der Schweiz setzt allerdings genau dies in die Tat um – und um das Ganze thematisch noch ein bisschen passender zu gestalten, verpasst sie dem KI-Hologramm gleich noch das Antlitz von Jesus Christus.
Das Projekt Deus in Machina findet sich in der Peterskapelle in Luzern und verspricht Kirchgängern einen „Raum der Intimität“, in dem Besucher mit KI-Jesus darüber sprechen können, was sie bewegt, ohne, dass der Inhalt nach draußen gelangt – allerdings werden Nutzer vor dem Gespräch gewarnt, aus Datenschutzgründen keine persönlichen Informationen preiszugeben.
Eine Beichte ist es auch nach strengen katholischen Regeln nicht – für dieses Feature fehlen KI-Jesus offensichtlich noch die himmlischen Zugangsrechte. Wer sich so richtig von seinen Sünden befreien möchte, muss also wiederkommen und sich wegen seiner kleinen und großen Verfehlungen von einem echten Priester die Leviten lesen lassen. (Quelle: KatholischeKircheStadtLuzern)
Einen Eindruck von KI-Jesus könnt ihr euch in diesem Video-Beitrag der Deutschen Welle machen:
(Quelle: DW Deutsch, YouTube)
KI-Avatar-Jesus: Gläubige mit gemischten Reaktionen
Bei den Kirchgängern sorgt der Maschinen-Messias jedenfalls erwartbarerweise für geteilte Gefühle. Während einige ominös-drohende Botschaften in das Besucherbuch kritzeln, schwärmen andere von ihren spirituellen Erfahrungen im Beichtstuhl.
Auf Kirche folgt KI: Jedem das seine
Die Tatsache, dass Künstliche Intelligenz insbesondere in der Tech-Branche in den letzten Jahren mit einem religiösen Eifer verfolgt wird und von Unternehmen als Allheilmittel gepriesen wird, verleiht der ungewöhnlichen Kunstinstallation eine interessante Meta-Note, die je nach Gusto Raum für Interpretationen lässt.
Leere Phrasen wie „Jede Rolle und Aufgabe hat ihren Platz im größeren Plan Gottes“ werden objektiv betrachtet natürlich weder mehr noch weniger hilfreich dadurch, dass sie ein künstlicher Jesus-Avatar durch das Beichtstuhl-Gitter posaunt, aber an irgendetwas wollen die meisten Menschen vermutlich einfach glauben.
Ob das jetzt alte oder neue Religionen mit Propheten aus Fleisch und Blut oder aus Algorithmen sind, macht schlussendlich von außen gesehen nur wenig Unterschied.