Gibt es ein „schlimmstes Horrorspiel“ aller Zeiten? Ich habe danach gesucht und einen krabbeligen Klassiker gefunden, der trotz seines Alters noch immer Terror in mir auszulösen vermag. Trotz seines Releases vor ganzen 19 Jahren.

 

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Ich betrat in Silent Hill 2 den Raum, gespeichert hatte ich vorher. Im Apartment sah ich nicht mehr als einen alten, dreckigen Kleiderschrank und Müll auf dem Boden; ich konnte nicht um die Ecke lugen oder sehen, was hier passiert. Stille, als ich einen Schritt nach vorn trat. Noch ein Schritt, und ich war bereit, die Kamera zu drehen und endlich zu sehen, was hier drinnen wartet, als heftige Maschinen in meinen Ohren lospumpten, schrilles Geklirr und ein dumpfes Dröhnen. Ich rannte weg, und ich wusste nicht einmal, vor was.

Holt euch Silent Hill 2: Director's Cut für den PC.

Silent Hill 2: Das schlimmste Spiel, das je gemacht wurde?

Gibt es ein „schlimmstes Horrorspiel aller Zeiten“? Ich weiß es nicht, aber ich habe diverse Reddit-Foren nach eben jener Frage durchsucht und das wieder und wieder innerhalb der letzten Jahre. Als Horror-Fan ist es irgendwann nicht mehr so einfach, wirklich gruselige Spiele aus dem Wust an Neuheiten herauszuklauben. Und apropos Neuheiten: Gerade neuere Spiele haben mich selten tatsächlich gegruselt, als ob auch sie zu Teilen weichgespült wurden – genauso, wie viele AAA-Titel immer einfachere Spielmechaniken huckepack zum Spieler tragen.

Meine Recherche nach dem schlimmsten Horrorspiel aller Zeiten führte mich bereits vor Jahren zu Amnesia: The Dark Decent. Gute, alte Erinnerungen an einen zitternden Protagonisten, der sich im Schrank versteckt, während ich ihm – also meinem Screen – gut zurede. Amnesia ist wundervoll und auch der neue Teil Amnesia: Rebirth hat es in sich, wie ich mit Freude feststellen durfte.

Und doch. War das alles, was mir das Horrorgenre bieten konnte?

Vor zwei Jahren stieß ich auf ein Indie-Horrorgenre, dass sich vornehmlich Silent-Hill-esquen Spielen widmete: Bizarre Pixel-Welten, deren Soundkulisse oft an industrielle Großbetriebe erinnerte, seltsame Rätsel und Protagonisten, die tiefer und tiefer hinab in U-Bahn-Tunnel oder Abwassersysteme wanderten. Lost in Vivo oder Concluse, beide wenig bekannt und beide wundervoll, lehrten mich, dass es noch etwas anderes gab; etwas, das in mir ein eine Art Terror schürte. Etwas, das nicht von Jump-Scares genährt wurde.

Ich liebte Silen-Hill-esque Spiele mehr als die Triple-As der Horrorindustrie, und es wurde Zeit, dass ich endlich den Urvater all dessen kennenlernte: Silent Hill 2.

Der Terror, den heutige Spiele nicht mehr schüren können

Silent Hill 2 basiert weder auf Jump-Scares, auf ekligen Gedärmen noch auf Versteckspielen mit unbesiegbaren Monstern. Vieles, was für heutige Schocker zum guten Ton gehört, gibt es in SH2 nicht. Ihr spielt in der Third-Person-Perspektive, wobei die Kamera-Winkel oft vorgegeben sind. Ihr besitzt Waffen und tötet Monster. Verfallene Gebäude, Räume oder Menschen sind zahlreicher, als blutige Szenerien. Es gibt kein System, mit dem eure geistige Gesundheit gemessen wird; alles, was ihr besitzt, ist ein Inventar und eine Lebensanzeige.

Ihr beginnt in einer ekelhaften öffentlichen Toilette, die Ränder der Klos sind gelb, überall liegt Müll und die Wände sind mit Dreck und Tags zugekleistert. Euer Protagonist James Sunderland schaut in den Spiegel und murmelt einen Namen: Mary. Die darauffolgende Einleitung ist verträumt, bizarr, schön – James Frau ist vor drei Jahren gestorben und doch hat sie ihm einen Brief geschrieben, in dem steht, sie warte in der Stadt Silent Hill. Das ergibt keinen Sinn, oder?

Wie auch immer, ich gehe weiter. James ist nur einen Fußmarsch von Silent Hill entfernt, doch kaum betrete ich den Weg durch eine Art Wald, wird der Nebel so dicht, dass ich kaum noch etwas sehen kann. Die Kamera schwenkt und ich sehe James von vorn; wenn ich vorwärts laufe, erkenne ich nicht, wohin. Dann ein Geräusch. Wie der verzerrte Laut eines Tieres, das Fleisch zerfetzt? Ich bleibe stehen. Nichts.

Gehe weiter, und wieder – dasselbe Geräusch, abgehackt irgendwie. Ich fühle mich nicht wohl, und dann ist da ein Brunnen, an dem ich halte. Drinnen liegt ein roter Zettel, zu dem James mir mitteilt: „Wenn ich das ansehe, ist es, als würde jemand in meinem Schädel herumtasten.“ Er hat Recht, denn es ist ein Speicherpunkt.

Das war der Moment, als Silent Hill 2 mich hatte. Mit nichts mehr als Kamera, Dreck, ein einziges, sich wiederholendes Geräusch und einer Geschichte, die keinen Sinn ergab und doch seltsam schön war. Terror ist es, den dieses Spiel – wenigstens in mir, aber auch in vielen anderen – weckt, und Terror wird nicht alt. Silent Hill 2 mag das beste Horrorspiel sein, das ich je gespielt habe.

Kotzen, Löcher und Maschinen

„Hier war ein LOCH. Jetzt ist es weg.“ In Silent Hill angekommen, beginnt das Spiel, einen nach und nach zu verschlucken. Der Nebel bleibt, doch widerliche Kreaturen mit Beinen oder Fleischbällen als Köpfe stapfen über die Straßen. Protagonist James wirkt apathisch und prügelt langsam und präzise alles tot, was ihm in den Weg kommt. Gibt es hier noch Menschen? Oh ja, ich begegne einem, der in einer zugemüllten Apartmentwohnung über einem dreckigen Klo hängt und sich die Seele aus dem Leib kotzt. Warum er das tut? Hat vielleicht etwas falsches gegessen. Ich rede mit meiner apathischen Stimme mit ihm und frage mich gleichsam, ob James oder er oder irgendjemand überhaupt versteht was in diesem Spiel passiert.

Draußen im Gang wieder Maschinen, die über Kopfhörer dröhnen. Ich suche noch immer nach Mary, alles andere ist egal. Auch, wenn ich dafür in tropfende Löcher in Wänden greifen muss, ohne zu wissen, was darin auf mich wartet. Einmal erschreckt mich die Musik derart, dass ich kopfüber aus dem Haus renne. Lustig, denn in jenem Raum, den ich später wieder betrete, ist überhaupt nichts.

Terror. Ich bin nicht die erste Person, die über Silent Hill 2 schreibt, und doch muss ich mich fragen, wie ein 19 Jahre altes Spiel mich mehr begeistern, faszinieren und schocken kann, als jedes andere Horrorspiel der letzten Jahre. Ist Horror tot? Ist Horror zu Mainstream? Geht es Horror überhaupt noch darum, Angst zu schüren? Oder ist Silent Hill 2 eine derartige Ausnahme, dass einfach niemand daran herankommen kann?

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Nun, ich bin jedenfalls froh, mein Spiel für Halloween 2020 gefunden zu haben. Auch wenn ich danach vor dem selben Problem stehen werde: Was jetzt? Ich sehe mich schon die Silent-Hill-Reihe durchspielen, wenngleich der zweite Teil ja der Beste sein soll. Und bleiben wird, solange auch Triple-A-Horror das bleibt, was es momentan ist.