Ohne Spaß am Spiel: Wenn sich Games mit Depressionen und Krankheiten beschäftigen

Matthias Kreienbrink 4

Actual Sunlight

Actual Sunlight - Trailer.

„Why kill yourself today when you can masturbate tomorrow?“. Mit diesen unglaublich düsteren Worten beginnt Actual Sunlight. Wir spielen Evan Winters, einen Mann um die 30 Jahre. Er führt ein trostloses Leben. Hat keine Freude an seiner Arbeit. Findet keine Erholung in seiner Wohnung. Hat keine Freundin, die ihn am Schopf packen und wachrütteln könnte. Selbsthass, Selbstzerstörungsgedanken, keinen Ausweg mehr sehen. Das in 16 Bit Japano-RPG Optik gehaltene Spiel gewährt uns Einblick in den Alltag dieses hoffnungslosen Mannes. Jeden Morgen duschen, essen und mit der Straßenbahn zur Arbeit – aber sich bloß nicht neben jemanden setzen.

Zwischendrin blenden sich Auszüge aus den Akten seines Psychologen ein. Dieser fragt ihn, ob er denn gar nicht wisse, wie gut er es eigentlich hat, dass es so viele Menschen gibt, denen es noch viel schlechter geht. Evan weiß das, doch kann er es nicht fühlen. Dafür erinnert er sich genau an den Moment, als er zum ersten Mal Abscheu gegenüber sich selbst empfunden hat: Bei der ersten Rasur.

„Actual Sunlight“ lässt uns einen Protagonisten steuern, der keine Entwicklung durchmacht. Vielmehr ist er gefangen in einer Depression, aus der er nicht entkommen kann. Es gibt kein Aufrütteln, keine Veränderung, kein Aufbruch zu einem besseren Leben. Hier ist man mittendrin in einem dunklen Dasein, das alle Emotionen erstickt. Und man erkennt sich wieder.

Actual Sunlight
Entwickler: WZOGI
Preis: 4,99 €
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11 Bilder
Die 10 besten PC-Spiele 2016 im Jahresrückblick.

Decisions that matter

Decisions that matter - Trailer.

In diesem kostenlosen Browsergame spielst du dich selbst. Du gibst zu Beginn deinen Namen ein und bist dann Teil einer Gruppe von jungen Erwachsenen an einer Uni. Du wirst in diesem interaktiven Comic mit Entscheidungen konfrontiert: Wie reagieren wir auf einen Mann, der zwei unserer Freundinnen auf offener Straße anzüglich anspricht? Ist es ein harmloser Flirt, wenn ein Kerl einer Frau in der Cafeteria die Hand auf den Oberschenkel legt? Und was machen wir, wenn eine unserer besten Freundinnen auf einer Party eindeutig zu viel getrunken hat und vielleicht falsche Entscheidungen treffen könnte?

Die gezeichneten Charaktere verwandeln sich dann zwischendurch in durch Schauspieler dargestellte Personen und sprechend direkt zu uns. Sie versuchen, ihre Entscheidungen zu rechtfertigen, oder sich das zu erklären, was die Nacht zuvor passiert ist.

Auch wenn Decisions that matter teilweise etwas moralinsauer daherkommt und auch die Performance ziemlich stockend ist – besonders in den Sequenzen mit den Schauspielern – ist es doch einen Versuch wert. Man setzt sich diesen unangenehmen Situationen aus und spielt durch, wie man im realen Leben reagieren würde. Aus einem „ist doch halb so wild“ kann dabei ganz schnell der Beginn eines Missbrauchs werden.

Decisions that matter hier spielen *

Darkest Dungeon – Posttraumatischer Stress?

Darkest Dungeon - Terror and Madness Trailer.

Tatsächlich kommen die Auswirkungen von Gewalt und traumatischen Erlebnissen in Videospielen oft zu kurz. Sicherlich ist es auch nicht in jedem Spiel nötig, realistische Psychosen einzubauen – basieren doch viele Spielkonzepte gerade auf Übertreibung und Kategorien des Phantastischen, die abseits aller psychischen Mechanismen funktionieren – und wer will auch schon einen traumatisierten Super Mario erleben? (Anmerkung Kristin: Also, ich fänd das ja total interessant.)

Doch gibt es auch Beispiele dafür, dass Spiele versuchen, die Erlebnisse der Spielfigur und ihre Auswirkungen auf die Psyche zu zeigen. Das geht aber nicht immer gut.

Tomb Raider etwa hatte die Ambition, Lara Croft als zugleich starken und verletzbaren Charakter darzustellen. So ist diese zu Beginn des Abenteuers keineswegs auf routiniertes Töten eingestellt. Vielmehr hadert sie mit sich, möchte keine Menschen – oder Tiere – verletzen. Und sie wird zunächst glaubhaft als zerrüttet durch ihre Erlebnisse dargestellt. Doch eben nur zunächst. Im Laufe des Spiels gehen alle diese Ansätze über Bord und übrig bleibt die Kampfmaschine Lara Croft, die keinerlei Skrupel mehr hat. Eigentlich schade, eine gewisse Ebene der Reflexion, die sich durch das Spiel zieht, hätte doch sehr interessant werden können.

Darkest Dungeon ist ein Rollenspiel, damit eigentlich schon kaum vergleichbar mit Tomb Raider. Dennoch greift es auch den Gedanken auf, dass Schrecken, Blut und Tod eine Auswirkung auf die Spielfiguren haben kann. Denn nicht alle Mitglieder deines Trupps werden damit umgehen können. Wird der Dungeon zu dunkel, die Belastung zu groß, kann es sein, dass einer deiner Helden paranoid, hoffnungslos oder komplett angstbesessen wird (erinnert sich noch jemand an die Sanity Effekte aus Eternal Darkness?). Zwar sind alle diese Zustände heilbar, doch spielt Darkest Dungeon gekonnt mit der Idee, dass es den stählernen Helden, an dem alles abprallt, nicht geben kann.

Vielleicht ein Ansatz, den noch mehr Spiele umsetzen sollten? Es wäre nun an der Zeit.

Darkest Dungeon®
Entwickler: Red Hook Studios
Preis: 22,99 €

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