Planet Coaster im Test: Eine Achterbahn der Gefühle

Sebastian Moitzheim 2

Mit Planet Coaster legen die Macher von RollerCoaster Tycoon 3 die vielleicht komplexeste und umfangreichste Themenpark-Simulation aller Zeiten vor. Das ist fast genauso oft frustrierend wie es begeistert – warum, erfährst Du in meinem Test.

Planet Coaster in der Vorschau.

Eine Frage, die Videospiel-Fans dieses Jahr ziemlich oft (und oft ziemlich hitzig) diskutiert haben, lautet: Muss man gut in einem Spiel sein, um eine Meinung darüber haben zu dürfen? Normalerweise ist meine Antwort darauf ein klares „Nein“ – Spiele sollten auch denen Spaß machen, die nicht gut darin sind, und ein Spiel „lesen“ und beurteilen zu können, ist eine ganz andere Kunst, als ein Spiel zu beherrschen. Aber beim Spielen von Planet Coaster für diesen Test hatte ich zum ersten Mal das seltsame Gefühl, einem Spiel irgendwie unrecht zu tun, weil ich nicht besonders gut darin bin.

Der Grad der Kontrolle, den Planet Coaster Dir über deinen Themenpark gibt und die vielen Details, über die Du entscheiden darfst, werden dich sehr glücklich machen, wenn Du seit RollerCoasterTycoon 3 nicht aufgehört hast in deinem Kopf neue Parks zu entwerfen und nur auf ein Spiel gewartet hast, das komplex und umfangreich genug ist, deine große Vision umzusetzen. Wenn Du aber kein Veteran bist und RollerCoaster Tycoon zwar gemocht hast, aber nicht besessen davon warst oder wenn Du dich gar zum ersten Mal an eine Themenpark-Simulation wagst – nun, dann hoffe ich, dass Du frustrationsresistent bist.

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Intuitiv – bis zu einem gewissen Punkt

Versteh mich nicht falsch: Es gibt auch für Gelegenheits-Architekten einiges an diesem Spiel zu mögen: Die Grafik ist bunt und detailreich, die Animationen der cartoonigen Park-Gäste ausdrucksstark und witzig; es ist stets leicht abzulesen, was im Park fehlt oder falsch läuft, ganz einfach indem man hereinzoomt und aufmerksam beobachtet: Liegen Müll und Erbrochenes auf dem Boden? Dann müssen wohl mehr Reinigungskräfte angestellt und mehr Mülleimer bereitgestellt werden. Bewegt sich ein Fahrgeschäft nicht mehr? Dann muss wohl ein Mechaniker gerufen werden. Verschiedene „Genres“ für die Parks, von Piraten über Western bis hin zu Sci-Fi, sorgen zumindest für visuelle Abwechslung. Und dann sind da noch die diversen Szenarien in vorgefertigten Parks, deren Prämisse mich verlässlich zum Lachen brachte: In einem Wüstenszenario sorgt ein gewaltiger Monolith dafür, dass die Attraktionen ständig kaputtgehen; in einem Piraten-Park bedroht ein Monster das Park-Personal; die versnobbten Besitzer eines Märchen-Parks bestehen auf „traditionelle“ Attraktionen. Keines dieser Szenarien änderte effektiv viel am Spielverlauf, aber all ihre spektakulär designten Parks zu sehen ist Grund genug, jedes auszuprobieren.

Für eine Weile ist Planet Coaster also intuitiv und unterhaltsam, egal, wie talentiert oder erfahren du in dieser Art Spiel bist. Aber spätestens wenn es an die Individualisierung des Parks geht, wächst das Potential für Verwirrung und Frustration.

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Nur für Achterbahn-Experten?

Ein gutes Beispiel ist das Bauen von Achterbahnen: Du kannst hier teils auf vorgefertigte Modelle zurückgreifen, aber je nach Szenario wirst du selbst Hand anlegen müssen (oder das einfach wollen).

Selbst eine Strecke für eine Achterbahn zu entwerfen ist allerdings schwierig. So schwierig, dass ich in meiner Zeit mit dem Spiel keine einzige eigene Achterbahn zu Ende gebaut habe. Es lief immer genau gleich: Der Anfang ging leicht von der Hand – eine Station mit Eingang und Ausgang platziert, ein paar erste Streckenteile gebaut, fertig. Aber dann wollten Kurven, Loopings und ähnliches gebaut werden, und die nicht immer nachvollziehbare Steuerung, die sture Kamera und mein mangelndes räumliches Denken legten mir Steine in den Weg. Nie gab mir das Spiel dabei einen Hinweis warum etwas, was ich tun wollte, so nicht möglich war,  zum Beispiel warum ich manche Streckenteile neigen konnte und andere nicht oder warum die Funktion, die Achterbahn automatisch zu vervollständigen nur gelegentlich zur Verfügung stand. Irgendwann hatte ich die Strecke fast fertig und das letzte Bauteil war in genau dem richtigen Winkel ausgerichtet, damit der Button erscheint, der es mit der Anfangs- und Endstation verbinden kann – und beim Betätigten dieses Buttons erhielt ich die Meldung, ich hätte das Streckenlimit erreicht, ohne Erklärung, was ein Streckenlimit ist, wann es erreicht ist und ob die Länge der Strecke oder die Anzahl der Bauteile entscheidend ist. Und all das zusätzlich zu der Tatsache, dass das Spiel ohne jede Erklärung von mir verlangt, zu wissen, wie Achterbahnen funktionieren und welche verschiedenen Arten es gibt.

Viele andere Systeme im Spiel sind auf ähnliche Weise undurchsichtig, und ein Tutorial gibt es nicht. Lediglich einen Link zu ein paar Tutorial-Videos auf YouTube enthält das Spiel, aber soll ich wirklich immer, wenn ich festhänge, das eigentliche Spiel verlassen und mich durch YouTube-Videos klicken? Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass, während ich diesen Artikel schreibe, gerademal drei solcher Videos existieren.

Das beste RollerCoaster-Spiel aller Zeiten - wenn du gut genug bist

Ich will hier keinesfalls vom Kaufen und Spielen von Planet Coaster abraten. Ich wünschte nur, ich wäre irgendwann an den Punkt gelangt, an dem die Komplexität nicht mehr einschüchternd wäre, sondern sich wie eine Chance auf mehr Kreativität angefühlt hätte.

An diesen Punkt bin ich nie gekommen, wohl gleichermaßen dank meines Unvermögens und den Problemen des Spiels. Dennoch liebe ich die freundliche Atmosphäre, den Humor und Detailreichtum und einige Aspekte des Spiels scheinen Versprechen einzulösen, die die klassischen RollerCoaster-Tycoon-Spiele nie halten konnten: Wie flexibel das modulare Bauen ist, das ich große Gebäude aus vielen kleinen errichten, Wege und sogar Achterbahnstrecken sich durch Gebäude ziehen lassen und ähnliches; die Kombination aus Grafik, spektakulären Kameraperspektiven, Individualisierungsoptionen und modernen Sharing-Funktionen, die euch besser mit euren Kreationen angeben lassen als je zuvor; der potentiell endlose Nachschub an Elementen dank Steam Workshop; all diese Aspekte wirken wie Features, die irgendwie schon immer in eine Themenpark-Simulation gehört haben, aber die erst die heutige Technik bis zu diesem Grade ermöglicht. Wer das Wissen hat, das dieses Spiel voraussetzt, wird mit Planet Coaster die spektakulärsten Parks seiner Tycoon-Karriere bauen.

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Aber wenn Du es nicht hast, sei dir bewusst, dass du viel Zeit damit verbringen wirst, das offizielle Forum nach Tipps zu durchstöbern und die Kreationen anderer, besserer Architekten zu beneiden.

Mein Test-Fazit zu Planet Coaster:

Die wahnsinnige Komplexität von Planet Coaster ist so beeindruckend wie einschüchternd. Sie ermöglicht Dir individuelle Ausdrucksmöglichkeiten und detailliertes Park-Management wie kein anderes Themenpark-Spiel zuvor. Allerdings kann sie Dich auch frustrieren, denn an Erklärungen und Hilfestellungen für die vielen komplexen Systeme des Spiels mangelt es Planet Coaster.

Planet Coaster
Preis: 37,99 €

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