Falls ihr, wie ich, ungeduldig auf Resident Evil Village wartet, in der Annahme, Capcoms erhofftes Meisterwerk sei das einzig halbwegs gute Horrorspiel dieses Jahr – nun, dann liegt ihr vielleicht falsch. Ich lag falsch. Denn die handgezeichnete Schweizer-Alpen-Horrormär Mundaun grinst aus der Ferne auf euch herab, mit bösen Augen und einem Ausdruck im Gesicht, der sich nicht so schnell vergessen lässt.

 

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Es ist ein langsames, tiefes Tönen, das mich bei der steten Fahrt nach oben auf den Berg begleitet: Ich denke an The Shining und 90er-Horrorfilme, werfe aber alles wieder über Bord, als ich mein Ziel erreiche und mich eine Ziege ohne Kopf erwartet. Später werde ich mit eben jenem fehlendem Kopf reden, nur, dass er in meiner Tasche liegt und leise schnarcht, wenn er schläft.

Handgezeichnet, in tiefes Beige, fast Schwarz-Weiß getaucht und dunkel, dunkel ist es, wenn meine Figur Curdin den abgelegenen Ort Mundaun in den Schweizer Alpen erreicht: Hier ist er aufgewachsen, ebenso wie sein Großvater, dessen Tod seine Rückkehr veranlasst hat: Feuer in der Scheune, tragische Umstände und ein Besuch, um ein letztes Mal Abschied zu nehmen. Anstatt sich zu verabschieden, entdeckt Curdin in der abgebrannten Scheune eine hölzern und verzerrt gezeichnete Figur in der Wand, die seinem Großvater ähnelt: Seine hellen Augen im rabenschwarzen Kohlegesicht bewegen sich noch.

Mundaun: Großvaters Augen leuchten aus seinem kohlrabenschwarzen Gesicht heraus.
Mundaun: Seine Augen leuchten aus seinem kohlrabenschwarzen Gesicht heraus.

Mundaun, so erwartet ihr es sicherlich schon, ist kein blutiges Splatter-Fest und enthält sich auch den beliebten Jump-Scares. Stattdessen ist alles an diesem abgelegen Ort in den Alpen falsch, gruselig, verzerrt, unheimlich: Die Gesichter der Bewohner sind scharfkantig und unbequem, und selbst wenn sie nett und normal reden, wirken sie irgendwie ungezogen und dämonisch. Falls euch gemächlicher Terror und der obligatorische Schauer mehr zusagen als Horror-Action, so lasst euch Mundaun nicht entgehen: Dafür ist es zu teuflisch-schön.

In Mundaun steht was hinter dem Kind im Fenster eures Hauses

Es gibt ein paar Dinge, die ihr stets in Mundaun dabei habt: Ein Fernglas zum In-die-Ferne-Schauen, eine Pfeife zum Rauchen, einen Kaffee vielleicht, Schlüssel, ein sprechender, abgehackter Ziegenkopf. Zudem dürft ihr essen und schlafen, wobei Nahrung eurer Gesundheit einen permanenten Boost gibt und Schlaf die einzelnen Kapitel und damit auch Tage teilt. Während ihr also nach und nach das obskure Geheimnis eures Großvaters erforscht und dabei immer höher in die einsamen, kahlen Berge wandert, werden diese lebendig: Gestalten aus Stroh wandern des nachts umher, befremdliche Bienenstock-Fratzen greifen euch an und als ihr mit dem Fernglas in der Weite jenen Wegpunkt erhascht, den ihr gerade ansteuert, starren euch ungnädig gezeichnete Gesichter aus den Fernstern entgegen.

Das ist Mundaun:

Mundaun: Launch Trailer

Was Mundaun von den Horror-Größen unserer Zeit unterscheidet, ist sein stetes Unheimlichsein: Bereits eure eigenen Hände, die ihr in der First-Person-Perspektive greifen seht, sind knochig und hässlich und monströs. Alle Bewohner in Mundaun – selbst ein kleines Kind, das euch zeitweise begleitet – sind mit harten Gesichtskanten gezeichnet, die sie stets ein kleines bisschen falsch erscheinen lassen, ein kleines bisschen unmenschlich.

Das ganze Dorf riecht nach Teufelei und die angespannt-träge Musik-Kulisse sowie das Grau-Beige der Umgebung untermalen diese Botschaft: Hier ist etwas faul, fremd, geisterhaft. Mundaun brilliert in seiner Atmosphäre, die euch verschlucken kann, wenn ihr euch darauf einlasst.

Alle haben ihr Kreuz in Mundaun zu tragen.
Alle haben ihr Kreuz in Mundaun zu tragen.

Alles ist jedoch nicht perfekt: Die Kampfmechanik ist so träge wie das Spiel und funktionierte für mich nicht auf Anhieb. Allerdings könnt ihr den Schwierigkeitsgrad jederzeit senken, was dem Spielerlebnis nicht schadet. Hier geht es weniger ums Besiegen von Gegnern, als um das Fühlen der Gefahr, die sie ausstrahlen. Sadistische Rätsel und obskure Träume-ich-gerade-oder-ist-das-real-Situationen erinnern ein wenig an Filmemacher David Lynch, aber nicht so sehr, dass ihr die gesamte Umgebung in Frage stellt. Es ist eine angenehm unangenehme Mischung, die endlich einmal wieder mehr bietet als Jump-Scares oder Rätsel-Adventures, deren paar Horror-Elemente nicht wirklich für schlaflose Nächte sorgen.

Worauf warten wir 2021? Darauf:

Mundaun wurde komplett von Erfinder und Entwickler Michel Ziegler ausgedacht, gezeichnet und realisiert: Das Ein-Mann-Projekt brauchte sieben Jahre in der Entwicklung und läuft beeindruckend bugfrei und flüssig. Kurz gesagt: Spielt es, Horror-Fans! Mundaun ist am 16. März 2021 für PC, Nintendo Switch, PS4, PS5, Xbox One und Xbox Series X erschienen.

Wertung

9/10
“Mundaun ist die angenehmste unangenehme Erfahrung, die Horror-Fans im Frühjahr 2021 aushalten dürfen.”