Wie sich Man of Medan im Test einfach selbst ertränkt

Marina Hänsel 2

Ahoi, ihr Seemänner und -frauen der kurzweiligen Unterhaltung, ihr Kinder des gepflegten Horrors und Entscheidungs-Junkies: Herzlich willkommen auf der Jump-Scare-Party Man of Medan, die erste Geschichte der The Dark Pictures-Anthologie und das erste Horrorspiel, das sich unter meinen schwitzenden Händen einfach selbst ertränkt – MHMM!? (Dieser Test ist spielbar.)

Darf ich vorstellen – Man of Medan:

The Dark Pictures – Man of Medan: Schauriger Trailer zum Release-Datum.
Spiele meinen Test: Keine Lust zu Lesen? Dann beantworte einfach die Fragen ganz unten, zähle deine Punkte zusammen und voilà: Schon weißt du, ob Man of Medan etwas für dich ist. Unten gibt es dann eine Auswertung – du erkennst sie an den Bulletpoints, mit denen ich sie freundlicherweise aufgelistet habe.

Man of Medan wird dir gefallen, wenn du Entscheidungsspiele absolut vergötterst, du möchtest, dass alles, was du tust, Konsequenzen hat und du Jump-Scares sowie Teenager-Slasher magst.

Man of Medan wird dir nicht gefallen, wenn du eine originelle Story erwartest, dich Bugs und Grafik-Aussetzer wahnsinnig machen oder du dich generell darüber ärgerst, wenn ein Spiel alles andere als perfekt ist.

The Dark Pictures: Man of Medan auf einen Blick

Inhalt: Man of Medan ist das neue „Entscheide dich, oder du bist tot“-Adventure der Until Dawn-Macher. Dieses Mal geht es mit einer Gruppe an fünf jungen Erwachsenen auf einen alten Weltkriegs-Frachter, auf dem – Überraschung! – nicht alles mit rechten Dingen zugeht.
Release: 
30. August 2019
Plattform: 
PS4, Xbox One und PC

Oh, wie ich Entscheidungsspiele liebe. Und natürlich ist gerade der Until Dawn-Entwickler Supermassive Games einer der Urväter des „Entscheide dich, die Wurm!“-Genres, eine Ikone, möchte man (ich) sagen. Ohne Frage haben wir uns demnach nicht grundlos auf Man of Medan gefreut, ein kurzer und vor allen Dingen kurzweiliger Horror-Slasher, der geradezu vollgestopft mit Entscheidungen alles dir überlässt. Das tut er wirklich: Steuere im Spiel eine Gruppe von fünf jungen Erwachsenen durch ein grausiges Geisterschiff, ein alter Weltkriegsfrachter, dessen ursprüngliche Crew auf armselige Art verendet ist – und niemand weiß, warum. Gleichsam darfst du dich anderer Grauen zuwenden, etwa den Beziehungen zwischen den Charakteren, die Until Dawn-ähnlich über Leben und Tod entscheiden werden.

Habe ich erwähnt, dass Man of Medan dir alles überlassen wird? Ja? Gut, denn ich möchte noch etwas hinzufügen – es mag eines der verzweigtesten Spiele sein, die mit Ausnahme von Detroid: Become Human je das Licht der Welt erblickten, aber es wird kaum jemand bemerken. Du schon, denn ich sage es dir jetzt. Alle anderen jedoch? Alle anderen werden Man of Medan vielleicht einmal durchspielen und ups, was war das denn? Warum sind da überall Grafik-Bugs? Wie kann die Geschichte schon nach 4 Stunden vorbei sein? So ein blödes Spiel! Und sie werden Supermassive Games‘ Versuch eines tatsächlichen Entscheidungsspiels beiseite legen und nie erfahren, dass sich der Teufel im Detail verbirgt.

Herzlichen Glückwunsch also, dass du keiner von ihnen sein wirst. Hier hast du einen Shawn Ashmore als Belohnung:

Es ist ein gutes Spiel …

Was ich gleich zu Beginn in den virtuellen Raum werfen möchte: Man of Medan ist kein schlechtes Spiel, es sieht nur so aus. Und es hält genau das ein, was es verspricht, aber das sagt es dir nicht. Also ist es nun gut? Ja, nein, vielleicht? Faszinierend ist, dass diese Frage immer schwerer zu beantworten ist, je tiefer du dich mit deinem Team an noch lebendigen Charakteren in diese ganz eigene Geistergeschichte begibst. Gepflastert mit Entscheidungen jeglicher Art orientiert sich Man of Medan durchaus an Until Dawn: Du übernimmst im Wechsel all deine Protagonisten, baust ihre Beziehungen auf oder ab und bestimmt ganz nebenbei ihre wichtigsten Charaktereigenschaften.

Conrad etwa, dessen angstverzerrtes Gesicht wir oben schon bewundern dürfen, kommt als selbstsichere, freche und ziemlich vorlaute Persönlichkeit ins Spiel – kann sich aber über deine Entscheidungen hinweg durchaus zu einem unsicheren, mutigen und nachdenklichen Menschen verändern. Was teils unrealistisch und zum anderen auch ziemlich spaßig ist, da du nahezu totale Freiheit über die Entwicklung deines Teams im Spiel besitzt.

Außer, sie sterben. Dann sind sie tot. Und sie alle können sterben – ja, sogar recht früh im Spiel. Was ebenso gemein wie auch spannend ist, denn nicht nur magst du dich dann mies fühlen (oder du freust dich, kann ja auch sein), sondern es fallen gleichsam etliche Szene weg, die du sonst hättest sehen dürfen. Zudem gibt dir Man of Medan Hinweise auf besonders wichtige kommende Szenarien – einmal durch Bilder, die du findest und die dir auf übernatürliche Art und Weise Vorahnungen anbieten, und dann noch über Kursrichtungen: Kleinere Story-Arcs, die sich neben der Hauptgeschichte entwickeln und Einfluss auf das Spiel haben können.

Oh, und lass uns eines nicht vergessen: Der Erzähler. Auch hier wandelt Entwickler Supermassive Games auf den Spuren von Until Dawn und setzt erneut einen älteren Mann ein, der dich zwischen den Kapiteln von Man of Medan empfängt und – naja. Also. Was tut er eigentlich? In Until Dawn hat er dich und deine Entscheidungen analysiert, aber in Man of Medan begnügt er sich damit, seine wenigen kurzen Szenen mit nichtssagenden Worten zu würzen. Womit wir bei dem größten Problem des Spiels angekommen wären: Man of Medan ist ein durchaus gutes Spiel …

… von dem niemand merken wird, warum es gut ist.

Die wichtigste Entscheidung triffst du, wenn du mit Man of Medan fertig bist: Willst du dein Abenteuer erneut starten, um deine Figuren ein weiteres Mal durch die Hölle zu schicken? Willst du andere Entscheidungen treffen und herausfinden, wie verrückt der Entwickler Supermassive Games eigentlich ist? Womöglich nicht, denn neben all jenen großen und kleinen Makeln im Spiel, neben allen „Uh, warum tust du dir das an, Man of Medan? Wir könnten so viel Spaß haben, wäre da nicht…“-Ausrufen, erwähnt Man of Medan mit keinem einzigen Wort seine größte Stärke: Dass fast jede Entscheidung im Spiel tatsächlich – tatsächlich(!) – zählt. Anders gesagt: Dass es sich verdammt nochmal lohnt, es ein zweites Mal zu spielen.

Es ist Man of Medans größe Stärke und gleichsam größte Schwäche: Du merkst einfach nicht, was deine Entscheidungen bedeuten. Niemand sagt dir, ob sie gut waren oder schlecht, oder warum Man of Medan selbst kaum in der Lage ist, die eigene verzweigte Geschichte zu verarbeiten. Als würdest du Until Dawn ohne den sadistischen Erzähler und das Butterfly-System spielen. Als stolpertest du durch einen dunklen, etwas gruseligen Raum, ohne je dein Ziel erkennen zu können, bis du plötzlich dort bist und dich fragst, ob es das schon gewesen sein soll.

Deine Entscheidungen ändern nicht nur ob die Geschichte gut ausgeht oder schlecht; sie ändern nicht nur, wer überlebt. Sie ändern die Geschichte – sie ändern, welche Szenen du siehst und welche nicht. Das jedoch in einem Ausmaß, den ich keineswegs von Man of Medan erwartet hätte, nicht eine Sekunde, die ich mit diesem sehr holprigen Spiel verbracht habe. Spielst du Man of Medan einmal durch, hast du vielleicht 40 Prozent des Spiels gesehen. Wenn überhaupt.

Im Umkehrschluss bedeutet das nicht weniger als die Erfüllung jenes Fiebertraums, den Entscheidungsspiele stets verkaufen, aber äußerst selten einlösen: Es sieht nicht nur so aus, als würdest du etwas am Spiel verändern, es ist wirklich so. Der einzige größere Titel, der das bisher meines Erachtens umgesetzt hat, war Detroit: Become Human und dieses Spiel reibt es dir mit Baumdiagrammen am Ende eines jeden Kapitels aus gutem Grund immer wieder unter die Nase. Denn was nützt es, derart komplex zu sein, wenn es niemand merkt? Man of Medan fängt schon hier an, sich selbst im eigenen Geisterwasser zu ertränken. Und ich wünschte, das würde es nicht.

Anleitung zum sich selbst Kaputtmachen

Fakt ist leider, dass Supermassive Games‘ komplexestes Entscheidungsspiel nicht nur daran scheitert, sich selbst als das zu verkaufen, was es ist. Mit jeder Stunde, die du weiter in das Spiel krabbelst, verreibt sich der Charme der Schauspieler im Rost des alten Weltkriegsfrachters; mit jedem neuen vorhersehbaren Jump-Scare werden jene besseren, teils sogar Shining-ähnlichen Sequenzen überdeckt. Man of Medan ist in einem ausgezeichnet gut, und zwar darin, sich selbst kaputt zu machen.

Und wie macht es das? Man of Medan gibt dir gerne eine Anleitung:

  1. Lass ein paar grafische Bugs drin, die immer daran erinnern, dass es nur ein Spiel ist
  2. Ein paar Ruckler sind besonders dann gut, wenn der Spieler ein Quick-Time-Event abschließt
  3. Motion-Capure-Charaktere sollten sich stets in einem Zustand des Uncanny Valleys befinden – sie sollten also wie gruselig-echte Puppen mit toten Augen aussehen
  4. Die Story ist nicht so wichtig, sie kann vorhersehbar sein
  5. Wie wäre es mit noch einem Jump-Scare?
  6. Wie wäre es mit endlosen dunklen Gängen, in denen sich der Spieler verirrt – aber hier der Clue: Der Charakter ist dabei extra langsam!
  7. Lass dem Spieler einen Spoiler anbieten, mal sehen sehen wer dumm genug ist, ihn anzunehmen!
  8. Versprich dem Spieler, seine Entscheidungen zu bewerten und tue es dann doch nicht (reingelegt!)
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Ich liebe es, wie viele Enden das Spiel hat. Ich liebe es, wie minutiös es dir beinahe jedwede Freiheit im Spiel ermöglicht. Ich liebe es, wie viel Spaß Man of Medan eigentlich macht – aber ich kann nicht ignorieren, wie eklatant es in allem anderen versagt. Mit zunehmender Spieldauer auf der PS4 schießen geisterhafte Standbilder in die Cut-Scenes, Sequenzen brechen plötzlich ab und Grafik-Fehler wabern wie ein Fluch über den dunklen Gängen des Frachters. Sind es die Gespenster jener toten Charaktere, die du – ja du! – mit deinen Entscheidungen umgebracht hast? Oder ist es vielleicht doch nur dieses viel zu komplexe Spiel, das selbst durcheinander kommt, je mehr Entscheidungen du triffst? Ob Man of Medan auch auf Xbox One und PC derart fehlerhaft daherkommt, kann ich nicht mit Sicherheit sagen – allerdings bezweifle ich das Gegenteil.

Wären es nur diese kleinen Fehlerchen, ich könnte über sie hinwegsehen. Aber zusätzlich zu allem anderen; zu einer flachen, nicht sehr überraschenden Story, zu Jump-Scares, die erschrecken, aber niemals gruselig sind und zu Schlangen-Leveln, die zum langweilen einladen ist Man of Medan eben doch nur in einem erfolgreich: Darin, sich selbst in seinem eigenen Saft zu ertränken. Es ist nicht das neue Until Dawn, dabei hätte es tatsächlich besser sein können. Schade.

Man of Medan, bist du es wert?

Man of Medan schlängelt sich zwischen großartiger Entscheidungsfreiheit und etlichen Makeln an Story, Gameplay und Umsetzung in die Mittelmäßigkeit. Ich persönlich hatte fünf Stunden lang Spaß mit dem Spiel, aber ich würde es trotz der vielen Möglichkeiten nicht noch einmal anfassen wollen. Auch nicht mit Freunden in den zwei Multiplayer-Koop-Modi, die das Spiel integriert hat: Im Shared-Story-Modus kannst du mit einer Person deiner Wahl durch die gesamte Geschichte von Man of Medan krabbeln, ein innovativer Griff in die Koop-Kiste, der durchaus funktioniert. Im Movie-Night-Modus dagegen spielst du mit bis zu vier Freunden auf der Couch, wobei jeder sich einen Charakter aus der Gruselmär schnappen kann. Mehr zu den Multiplayer-Modi erfährst du in meinem zweiten Man of Medan-Artikel, in dem du auch Bob kennenlernen darfst.

Beide Modi sind spaßig, nehmen dem eigentlichen Horror-Slasher aber durchaus etwas vom eigenen Grusel. Was nicht schlimm ist, da Man of Medan dir erstens nie wirklich Angst machen wollte und das zweitens auch nicht kann. Vielmehr darfst du dich beim ersten Teil von Supermassiv Games Horror-Reihe auf ein unterhaltsames Entscheidungsspektakel freuen, das zwar viel Geduld und Nachsicht von dir verlangt, aber zumindest das mit Bravur meistert, was es eigentlich verspricht: Du entscheidest alles. Und so viele Makel ich im Spiel auch entdeckte habe, so hoch schätze ich diese eine, gar nicht so kleine, Meisterleistung von Man of Medan. Ob du das allerdings ebenso siehst? Das liegt ganz bei dir, lieber Leser. The Dark Pictures: Man of Medan erzählt dir seine Geistergeschichte auf der PS4, Xbox One und auf dem PC, wobei es stets 29,99 Euro kostet. Lang ist es mit seinen 4-6 Stunden Spieldauer zwar nicht, dafür zeigt es dir in einem Spieldurchlauf aber auch nur die knappe Hälfte dem, was es zu bieten hat. Bist du dir noch immer unsicher? Dann spiel‘ meinen Test einfach.

Spiel meinen Test – Beantworte die Fragen

1 Entscheide dich: „Ich will Man of Medan einmal durchspielen!“ oder „Ich will Man of Medan mindestens dreimal spielen, um alle Enden zu sehen!“

  • Einmal! (- 100 Punkte) 
  • Einmal, aber ich schätze es, dass es so viele Möglichkeiten gibt. (+100 Punkte) 
  • Mehrmals! (+ 200 Punkte) 

2 Was würde dich mehr beeindrucken, im negativen wie im positiven Sinne: „Wenige Shining- und P.T.-ähnliche Horror-Sequenzen“ oder „Viele vorhersehbare Jump-Scares“?

  • Shining und P.T. machen alles andere wett! (+100 Punkte) 
  • Vorhersehbare Jump-Scares versauen mir das Spiel. (0 Punkte)

3 Wusstest du, dass Man of Medan nur 4-5 Stunden in einem Spieledurchlauf andauert?

  • Ja. (+ 100 Punkte) 
  • Ich wusste es nicht, aber es ist mir auch egal. (0 Punkte) 
  • WAS? (-100 Punkte)

4 Entscheide: „Grafikfehler machen mir nichts aus“ oder „Ein Spiel sollte komplett fertig sein, wenn es auf den Markt schleicht“

  • Grafikfehler sind mir egal. (+ 100 Punkte) 
  • Das Produkt muss fertig sein. (0 Punkte)

Auswertung – Zähle die Punkte zusammen:

  • -200 Punkte: FASS DAS SPIEL NICHT AN, ES IST BÖSE UND WIRD DICH BIS INS JENSEITS VERFOLGEN.
  • -100 Punkte: Man of Medan wird dich mit in die Tiefe ziehen, wenn du es spielst.
  • 100 Punkte: Tu es nicht.
  • 200 Punkte: Die goldene Mitte ist nicht immer das Beste, mein Freund. Lies den Test, denn du musst selbst entscheiden, ob es dir gefällt.
  • 300 Punkte: Du hast es vorbestellt? Glückwunsch, du wirst wahrscheinlich nicht allzu sehr enttäuscht werden.
  • 400 Punkte: Solide! Man of Medan ist wie für dich gemacht.
  • 500 Punkte: Du bist aber anspruchslos! Nein, nein – Scherz. Dir wird Man of Medan sehr gefallen, sogar mehr, als es mir gefallen hat.
  • Mehr als 500 Punkte: Oh nein, ein Bug! Zähle noch einmal, bitte.
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In Man of Medan steckt derart viel Potential, dass es mir beinahe körperlich wehtut, wie es sich selbst ertränkt. Denn es hätte so gut werden können! Hätte! Aber nun, immerhin handelt es sich hier nur um den ersten Teil einer Horror-Anthologie von Supermassive Games, und ich bin weiterhin sehr gespannt darauf, wohin sich die Reihe an Grusel-Slashern entwickeln wird. Bis dahin: Ahoi werter Leser, und pass auf, dass dich kein Man of Medan-Bug beim Spielen erwischt. Diese Viecher sind ganz schön widerspenstig.

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