TV-Serien: Weitergucken oder aufhören? Wann man eine Serie abbrechen sollte – und wann nicht

Tobias Heidemann 2

Der erste Eindruck zählt, weil er stimmt. So will es die Küchenpsychologie. Viele Menschen wenden diese Binsenweisheit auch auf das aktuelle Überangebot an neuen Serien an. Frei nach dem Motto: Es muss halt Liebe auf den ersten Blick sein. Wenn die neue Serie nicht mit der ersten Folge zündet, dann fliegt sie direkt wieder raus. Keine schlechte Philosophie. Zeit ist Geld. Dumm nur, dass einige der derzeit besten Serien erstaunlich miese Pilotfolgen hatten. Noch dümmer, dass auch die Produzenten längst verstanden haben, wie wichtig uns der erste Eindruck ist und uns ihr Filetstück oft als erstes servieren. So hatten einige der derzeit schlechtesten Serien eine erstaunlich gute Pilotfolge. Na toll! Und jetzt?

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Serienstarts 2016 - Teil 1.

Weiterschauen oder aufhören? Dass sich diese Frage nicht länger ausschließlich Langzeitstudenten und Motivationstrainern stellt, ist Ausdruck der seriellen Dekadenz, die im goldenen Zeitalter der TV-Unterhaltung zunehmend um sich greift.

Es gibt einfach zu viel potentiell erstklassiges Zeug, das zumindest einmal probiert werden will. Vorkoster aus dem Feld der TV-Kritiker oder dem Freundeskreis sind schön und gut, und sicherlich auch notwendig, um den besonders giftigen Kram auszusortieren – am Ende will man als wahrer Serien-Connaisseur aber doch immer selbst ran.

GIGA Serien-Supercut 2015.

Zumindest dann wenn man von Anfang an dabei sein will. Natürlich kann man auch 2016 noch mit „Breaking Bad“ oder „Game of Thrones“ anfangen, aber das dürfte angesichts der Masse an Spoilern eine eher fragwürdige Veranstaltung werden. Von den mitleidvollen Blicken im Freundeskreis einmal ganz abgesehen. Der Selbsttest bleibt bei neuen Serien also das A und O.

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25 Bilder, die zeigen, wie es hinter den Kulissen von Game of Thrones wirklich aussah.

Die Pilotfolge hat als Entscheidungshilfe abgedankt

Doch nach welchen Kriterien entschieden wir da? Und viel wichtiger: Wann entscheiden wir? Der Pilot hat als ultimatives Terrain des persönlichen Sehtests längst abgedankt. Immer häufiger wird er zu einem von Marktforschung und PR-Konzepten durchwirktem Schaufenster in welchem es Dinge zu bestaunen gibt, die mit dem eigentlichen Wert der Ware nur noch sehr wenig zu tun haben.

Man muss sich nur den unglücklichen Start des „Akte X“-Relaunchs ansehen oder die erste Folge von „The Man in the High Castle“ mit dem Rest der Staffel vergleichen, um zu verstehen, wie überformt und verzerrt das Bild der ersten Folge heutzutage sein kann.

The Man in the High Castle Trailer.

Die fragwürdigen Aussagekräfte eines Piloten können natürlich auch künstlerischen Entscheidungen geschuldet sein. So wird die erste Folge von „Better Call Saul“ ihrem eigensinnigen Schöpfer Vince Gilligan sicherlich ein breites Lächeln aufs Gesicht gezaubert haben. Ob der Pilot der Sales-Abteilung des produzierenden Senders AMC oder den „Breaking Bad“-Fans gefallen hat, das darf indes durchaus bezweifelt werden.

Oder nehmen wir „Fargo“. Eine Serie, die ich im Lichte der geradezu hinreißenden zweiten Staffel unlängst einem guten Freund als todsicheren Qualitätsbrocken empfahl. Besagter Freund kam wenig später achselzuckend auf mich zurück. Er habe ehrlich gesagt wenig Lust, „Fargo“ nach der ersten Folge noch weiterzuschauen. Das Ganze sei doch nur der Kult-Klassiker in grün und letztlich eben „Malen nach Zahlen“.

Das Problem an seiner Diagnose zur ersten Folge: Der Mann hat Recht. Ein ähnliches Urteil habe ich damals auch gefällt. Und trotzdem weitergeschaut. Heute weiß ich sehr genau, was ich an „Fargo“ habe und möchte es auf keinen Fall missen.

Wie viele Folgen hat eine Serie verdient?

Also, weiterschauen oder aufhören, das sollte man 2016 auf keinen Fall anhand der ersten Folge entscheiden. Bei Serien, die ihre Substanz auf mehr als zwölf Folgen strecken, kommt man mit dem ersten Eindruck ohnehin nicht mehr besonders weit. Serien wie „The Flash“, „Agent of S.H.I.E.L.D.“ oder „The Walking Dead“ tut man absolut keinen Gefallen, wenn man sie anhand von nur einer Folge bewertet. Hier schwankt die Qualität bisweilen so stark, dass eine wirkliche Einschätzung erst nach mehreren Folgen möglich wird.

The Flash Trajectory Trailer The CW.

Aber wie viele Folgen sind das? Wann weiß man, was man hat? Wann aufhören? Reichen zwei Folgen? Auf keinen Fall! Die zweite Folge ist oft die beste der ganzen Staffel und damit keine besonders gute Entscheidungsgrundlage. Hier werden Wurzel geschlagen, Figuren charakterisiert und Nebenschauplätze besucht. Alles Aspekte, die man verpassen würde, wenn man nur den Piloten gesehen hat. Aber eben auch kein passendes Maß für die ganze Staffel.

Und die dritte? Sind alle guten Dinge auch in puncto Serien drei? Eher nicht. In der dritten Episode finden viele Serien nämlich erstmals so richtig zu sich. Ton, Atmosphäre und Haltung der Serie werden deutlicher herausgearbeitet, Ausblicke in die unbestimmte Zukunft der Serie erstmals gewährt. Viele Serien versprechen deshalb auch in der dritten Folge deutlich mehr als sie am Ende halten können. Und einem falschen Versprechen will man nicht aufsitzen.

Die Theorie: Nach vier Folgen weiß man Bescheid

Es ist die vierte! 4 ist die neue 1. Meiner Meinung nach verdient jede Serie mindestens vier Folgen. Keine mehr, keine weniger. Nach der vierten Episode wissen wir in der Regel alles, was wir wissen müssen.

Auch das Wichtigste: Wie gut ist die Serie, wenn sie nicht so gut ist. Denn: Fast jede Serie hat in der vierten Folge ihren ersten Hänger. Probleme, die hier bestehen oder auftauchen, lösen sich auch im weiteren Verlauf nicht mehr. Ein ungeschriebenes Gesetzt, dass ich empirisch 100%ig nicht belegen kann, aber das sich in meiner Erfahrung überraschend oft bewahrheitet.

Ein paar Argumente. Zunächst wäre da das Produktionsbudget. Dass die Sender einen Großteil ihres Etats in die erste Folge stecken, ist ein offenes Geheimnis. Auch die Produktionswerte der zweiten können sich meist noch sehen lassen. Allerspätestens in der vierten wird aber der Rotstift erstmals deutlich sichtbar. Und dann ist die Serie auf sich allein gestellt. Hier muss sie beweisen, was sie ohne all den teuren Schall und Rauch auf die Beine bringt. Ist das genug, lohnt meist das Dranbleiben.

Fargo Staffel 2 - Trailer 1 Englisch.

Als nächstes wären da die Autoren. Deren Strukturplan ist in der zeitgenössischen Serienlandschaft ziemlich berechenbar geworden. Viele Serien ähneln sich deshalb in ihrem zugrundeliegenden Muster eingangs sehr. Die vierte Folge bricht dabei erstmals mit diesen etablierten Mustern. Hier dürfen sich die Autoren zum ersten Mal frei machen und auf eigenen Füßen stehen. Vielleicht sogar ein Experiment wagen oder eine Folge schreiben, die ganz für sich allein steht. Der ideale Zeitpunkt also, um das Können der Schreiberlinge zu bewerten. Fallen den Autoren nämlich in der vierten Folge nur Alltag und Standards ein, ist auch das ein ziemlich guter Indikator für den Rest der Staffel.

Schließlich wäre da noch die Psychologie der Vier. Drei Stunden seines Lebens vergeudet man schon mal. Eine nervige Zugverspätung, ein unangenehmes Arbeitstreffen, ein langweiliges Fußballspiel inklusive Nachbesprechung mit Oliver Kahn. Drei ist irgendwie ok. Bei vier wird´s allerdings brenzlig. Wer mehr als vier Stunden in etwas investiert, das er am Ende doch ziemlich doof findet, der ist irgendwie auch selbst schuld. Auch deshalb: Vier Folgen!

Das wäre er, mein Ratschlag für die beste Stunde der Entscheidung. Ausnahmen der Regel sind nicht vorgesehen. Ich halte mich dran. „Flaked“, „Lucifer“, „Love“ und „Legends of Tomorrow“ haben zuletzt nach genau vier Folgen ihre Chancen bei mir vertan. Und wenn mir jetzt einer von euch erzählt, dass „Love“ in der fünfen Folge aber „voll super“ wird, dann weiß ich auch nicht weiter.

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