Nokia 8 Sirocco im Test: Früher war nicht alles besser

Kaan Gürayer 6

Zurück zu den Wurzeln: Mit dem Nokia 8 Sirocco hat Markeninhaber HMD Global eine gläserne Hommage an die Glanzzeiten Nokias geschaffen. Dass früher aber nicht alles besser war, zeigt der Test des Nokia 8 Sirocco. 

Nokia 8 Sirocco im Test: Unser erster Eindruck im Hands-On-Video

Nokia 8 Sirocco im Hands-On: Das schönste Android-Smartphone?

Ältere Semester erinnern sich vielleicht noch: Es gab einmal eine Zeit, in der Apple, Samsung oder Huawei in der Handy-Welt keine Rolle spielten. In den Nullerjahren dominierte allein Nokia die Mobilfunkbranche. Markenzeichen der Finnen war weniger die Technik unter der Haube, als vielmehr ein ausgefallenes Design. Modelle wie das Nokia 7280 oder 7610 sind Paradebeispiele dieser Epoche. Das Handy war in erster Linie Lifestyle-Objekt, erst im Anschluss folgte der praktische Nutzen.

In diesem Sinne knüpft das neue Nokia 8 Sirocco nahtlos an die alte Nokia-Tradition an – denn auch das atemberaubend schöne 5,5-Zoll-Smartphone stellt die Form ganz klar über die Funktion.

Nokia 8 Sirocco bei Amazon kaufen *

Nokia 8 Sirocco im Test: Scharfkantiger Metallrahmen

Das zeigt sich bereits beim Äußeren: So schön das Nokia 8 Sirocco auch ist, so umbequem liegt es in der Hand. Nein, das liegt nicht am fehlenden 18:9-Format, sondern an der scharfkantigen Metallumrandung des Smartphones. Hier hat HMD Global zuallererst an die Optik gedacht, erst danach wurden Gedanken an die Praktikabilität verschwendet.

Unterbrochen wird der Metallrahmen rechts von (leider) sehr schwammigen Power- und Lautstärketasten. Unten links hingegen ist der SIM-Kartenslot zu finden, dessen Funktionsweise einem klassischen Monthy-Python-Sketch ähnelt: Der SIM-Schlitten wird nämlich verkehrt herum ins Gerät eingeführt! Bis ich diesen Unsinn bei der Ersteinrichtung verstanden habe, vergingen mehrere verzweifelte Minuten, in denen die SIM-Karte wieder und wieder durch den Schlitten fiel und ich kurz davor war, das Nokia 8 Sirocco an die Wand zu pfeffern. Was sich die Ingenieure von HMD Global dabei gedacht haben, wird mir wohl immer ein Rätsel bleiben.

 

Auf der Rückseite des Nokia 8 Sirocco gibt es hingegen rein gar nichts zu meckern. Die Dual-Kamera ist quasi nahtlos in den Glasrücken eingelassen und ein echter Hingucker. Direkt darunter findet sich der Fingerabdrucksensor, der nicht nur exzellent arbeitet, sondern auch ideal positioniert wurde und sich perfekt mit dem Zeigefinger erreichen lässt. Da können sich andere Hersteller, etwa Sony, getrost ein Beispiel nehmen. Neben regulatorischen Informationen ziert die Rückseite ansonsten noch ein subtiler Nokia-Schriftzug sowie das Android-One-Logo.

Wie sich das Design des Nokia 8 Sirocco im Detail macht, seht ihr hier:

Bilderstrecke starten
16 Bilder
Nokia 8 Sirocco: Das schicke Android-Smartphone in Bildern.

Würde der Test an dieser Stelle aufhören, müsste sich HMD Global keine Sorgen machen, denn das Nokia 8 Sirocco hat eine der schönsten Rückseiten des Smartphone-Jahres. Leider geht’s aber weiter.

Nokia 8 Sirocco bei Amazon kaufen *

Nokia 8 Sirocco im Test: Dual-Edge-Display mit Blaustich

Dass das Nokia 8 Sirocco zuallererst Lifestyle-Objekt ist, zeigt sich auch am Bildschirm. HDM Global verbaut ein hübsch anmutendes P-OLED-Display, das an den Seiten abgerundet ist und auf eine Diagonale von 5,5 Zoll kommt. Dual-Edge-Displays kennen wir auch aus Samsungs Smartphone-Oberklasse, im Vergleich zu Galaxy S9 und Co. ist das Modell im Nokia 8 Sirocco aber weniger ausgereift. Die gewölbten Ränder bieten nicht die gleiche Finesse, die Samsung mittlerweile erreicht hat. Der Übergang vom flachen Teil des Displays zur Rundung wirkt weniger fein, fast schon abrupt. Ein wenig erinnert das an die ersten Gehversuche in diese Richtung, die Samsung 2014 mit dem Galaxy Note Edge unternommen hat.

Das mag sich nach einer Petitesse anhören und ist es in gewisser Weise auch. Wie fein die Rundung bei einem Edge-Display ausfällt, ist am Ende kein ausschlaggebendes Testkriterium. Sehr wohl entscheidend ist aber die Displayqualität – und hier lässt das Nokia 8 Sirocco einige Punkte liegen. Zwar ist der Bildschirm mit 2.560 x 1.440 Pixeln ausreichend scharf, allerdings lässt die Helligkeit ein wenig zu wünschen übrig. Noch schlimmer ist aber der spürbare Blaustich des Displays, der vor allem auf hellen Hintergründen zum Vorschein kommt. Das ist für ein Smartphone mit einer UVP von 749 Euro schlicht und ergreifend inakzeptabel.

Immerhin sorgt das „klassische“ Bildformat dafür, dass das Display im Nokia 8 Sirocco voll ausgenutzt wird und ermöglicht somit einen verlustfreien Filmgenuss. Während man bei aktuellen Smartphones mit 18:9-Display hereinzoomen muss, um unschöne Balken rechts und links zu vermeiden, füllt der Inhalt den Bildschirm komplett aus. Und einen nervigen Notch findet man beim Nokia-Handy ohnehin nicht.

Nokia 8 Sirocco im Test: Kein Stereo-Sound, trotzdem überzeugend

Licht und Schatten gibt es beim Sound: Leider folgt HMD Global nicht dem aktuellen Stereo-Trend und spendiert dem Nokia 8 Sirocco lediglich einen einzelnen Lautsprecher, der neben dem USB-C-Anschluss an der Unterseite des Geräts zu finden ist. Dieses Manko macht der Single-Speaker aber durch seine überraschend gute Klangwiedergabe wett. Das Nokia 8 Sirocco kann nicht nur erstaunlich laut werden, sondern behält auch bei höchsten Lautstärken eine klare Stimme. Da können sich viele Konkurrenz-Smartphones, die bereits ab 75 Prozent Volume ein schreckliches Klirren erzeugen, gerne eine Scheibe abschneiden.

Nokia 8 Sirocco bei Amazon kaufen *

Nokia 8 Sirocco im Test: Veraltete Hardware

Widersprüchlich geht’s auch unter der Haube zu. Mit 6 GB RAM ist das Nokia 8 Sirocco auf der Höhe der Zeit und muss sich vor den Mitbewerbern nicht verstecken. Anders sieht es da beim verbauten Prozessor aus: Im Nokia-Flaggschiff verrichtet ein Snapdragon 835 seinen Dienst – Qualcomms Vorzeige-Prozessor aus dem Vorjahr. Weshalb sich HMD Global nicht für den aktuellen Snapdragon 845 entschieden hat, der vom LG G7 ThinQ über das Xperia XZ2 bis zum OnePlus 6 gefühlt die gesamte Smartphone-Oberklasse des Jahres 2018 befeuert, ist uns rätselhaft.

Womöglich war zum Zeitpunkt der Massenproduktion des Nokia 8 Sirocco der neue Qualcomm-Chip noch nicht in ausreichender Stückzahl verfügbar. Dann wäre es aber vermutlich cleverer gewesen, den Produktionsstart ein oder zwei Monate nach hinten zu verschieben, um zum Launch das bestmögliche SoC in der Hand zu haben. Auch wenn die Leistung des Nokia 8 Sirocco im Test zu keiner Zeit Anlass zur Kritik gab und in jeder Situation flüssig vonstatten ging – am Ende werden Käufer eines 749 Euro teuren Smartphones mit einem Vorjahres-Prozessor abgespeist. Das mag jetzt kein großes Problem darstellen, mit steigenden Hardwareanforderungen könnte das in ein oder zwei Jahren aber anders aussehen. Ein aktueller Prozessor ist auch immer eine gute Zukunftsinvestition.

Für Nutzerdaten stehen 128 GB Speicher zur Verfügung. Auf einen microSD-Slot verzichtet das Nokia 8 Sirocco hingegen.

Nokia 8 Sirocco im Test: Android One ohne Schnickschnack

Zur exzellenten Performance des Nokia 8 Sirocco dürfte auch die Software ihr Scherflein beigetragen haben. Android 8 Oreo in der Android-One-Edition läuft auf dem Nokia-Handy. Heißt im Klartext: Eine Herstelleroberfläche oder Bloatware, die das Smartphone ausbremsen oder die Bedienung unnötig verkomplizieren, muss der Käufer nicht fürchten. Hinzu kommen die zügigen und garantierten Android-Updates. Damit ist das Nokia 8 Sirocco vor allem für Android-Puristen eine interessante Wahl, so manch langjähriger Samsung- oder Huawei-Nutzer könnte beim Wechsel aber ein paar liebgewonnene Features vermissen.

Nokia 8 Sirocco im Test: Enttäuschende Dual-Kamera

Fotos knipst das Nokia 8 Sirocco mit einer Dual-Kamera, die in Kooperation mit dem deutschen Optik-Spezialisten Zeiss entwickelt wurde. Das Hauptmodul löst mit 12 MP auf, bietet eine f/1.7-Blende, wird von einer zweiten 13-MP-Linse unterstützt, die für den zweifachen optischen Zoom verantwortlich ist, und einen Blendenwert von f/2.6 aufweist. Was auf dem Papier vielversprechend klingt, konnte in der Praxis nur bedingt überzeugen. Insbesondere bei schlechten Lichtverhältnissen kommt die Kamera im Nokia 8 Sirocco schnell an ihre Grenzen und zeigte deutliches Bildrauschen sowie vergleichsweise wenig Detailschärfe. Alle ausführlichen Ergebnisse gibt es im Kamera-Test des Nokia 8 Sirocco:

Bilderstrecke starten
15 Bilder
Nokia 8 Sirocco: Was leistet die Dual-Kamera von Zeiss im Test?

Positiv überrascht waren wir von der Akkulaufzeit. Zwar mögen 3.260 mAh im ersten Moment nicht viel klingen – das Nokia 8 Sirocco hat uns aber auch bei stärkerer Nutzung sicher durch den Tag gebracht. Zum Abend hatten wir meistens zwischen 15 und 20 Prozent Restakku. Neigt sich der Saft doch einmal dem Ende entgegen, ist der Akku dank mitgeliefertem Schnelllade-Netzteil auch flink aufgeladen. Und wer Ladekabel für ein Technik-Relikt hält: Wireless Charging beherrscht das Nokia 8 Sirocco auch.

Nokia 8 Sirocco im Test: Fazit

Im Test konnte das Nokia 8 Sirocco nicht zur Smartphone-Spitze aufschließen. Das unbequeme Handling, der veraltete Prozessor und die enttäuschende Dual-Kamera kosten dem Nokia-Handy wertvolle Punkte. Hinzu kommt das blaustichige OLED-Display, das in dieser Preisklasse ein absolutes No-Go ist. Diese Mängel können auch die schlanke Android-One-Software und der üppige Speicher nicht herausreißen. Insgesamt wirkt das Nokia 8 Sirocco wie eine Rückblende in längst vergessene Handy-Zeiten, in denen niemand Gedanken an Technik oder Handling verschwendete, solange die Mobiltelefone nur hübsch genug aussahen. Das mag in den Nullerjahren geklappt haben – in der Smartphone-Welt 2018 ist das aber nicht genug.

Nokia 8 Sirocco bei Amazon kaufen *

Nokia 8 Sirocco im Test: Bewertung

  • Verarbeitung, Haptik und Design: 3/5
  • Display: 3/5
  • Kameras: 3/5
  • Software: 5/5
  • Performance: 4/5
  • Telefonie und Audio: 4/5
  • Konnektivität und Speicher: 3/5
  • Akku und Alltag: 3/5

Gesamt: 70 %

Das hat uns am Nokia 8 Sirocco gefallen:

  • Außergewöhnliches Design
  • Exzellente Verarbeitung (bis auf die Buttons)
  • Schlankes Android-One-Betriebssystem
  • IP-Zertifziert
  • Wireless Charging integriert
  • Schneller und akkurater Fingerabdrucksensor
  • 128 GB Speicher
  • Überraschend gute Akkulaufzeit
  • Sprachqualität auf hohem Niveau

Das fanden wir am Nokia 8 Sirocco nicht so toll:

  • Unbequemes Handling durch scharfkantigen Rahmen
  • Display mit Blaustich
  • Kein Kopfhöreranschluss (Adapter ist im Lieferumfang)
  • Keine Speicherweiterung
  • Lautstärke- und Powertasten mit schlechtem Druckpunkt
  • Verkehrt positionierter SIM-Slot
  • Enttäuschende Kamera
  • Veralteter Prozessor
  • Keine Stereo-Lautsprecher
  • Wird unter Last sehr warm

Nokia 8 Sirocco: Die technischen Daten im Überblick

Display 5,5 Zoll P-OLED, WQHD (Dual-Edge), 2.560 x 1.440 Pixel
Prozessor 2,36 GHz Octa-Core, Snapdragon 835
Arbeitsspeicher 6 GB RAM LPDDR4X
Interner Speicher 128 GB UFS 2.1 (nicht erweiterbar)
Hauptkamera Dual-Kamera 12 MP (1,4 μm, f/1.7) + 13 MP Telesensor (1.0 μm, f/2.6)
Frontkamera 5 MP
Akku und Ausdauer 3.260 mAh, Wireless Charging (Qi-Standard)
Betriebssystem Android 8.0 Oreo
Netze LTE Cat 12, WLAN 802.11 a/b/g/n/ac (MIMO), GPS/AGPS+GLONASS+BDS, NFC, ANT+
Maße 140,93 x 72,97 x 7,5 mm
Gewicht 177 Gramm
Sonstiges Fingerabdrucksensor, Corning Gorilla Glass 5, USB C, Bluetooth 5

Auf der nächsten Seite: Die Alternativen zum Nokia 8 Sirocco. 

Zu den Kommentaren

Kommentare zu diesem Artikel

Neue Artikel von GIGA ANDROID

  • Ist das Xiaomi Pocophone F1 wasserdicht? Alle Infos und Hilfe

    Ist das Xiaomi Pocophone F1 wasserdicht? Alle Infos und Hilfe

    Mit der neuen Marke „Poco“ hat der chinesische Smartphone-Hersteller Xiaomi ein enorm günstiges Handy auf den Markt gebracht, das mit leistungsstarker Hardware im High-End-Bereich für Furore sorgt. Wer sich für das günstige Smartphone interessiert, will natürlich auch wissen, ob das Xiaomi Pocophone F1 wasserdicht ist. Wir klären, wie gut das Handy vor Wasser und Staub geschützt ist.
    Robert Kägler
* gesponsorter Link