Samsung Galaxy S9 im Test: Fortschritt im Schritttempo

Frank Ritter

Gutes Flaggschiff-Update, aber nicht perfekt: Im Langzeit-Test zum Samsung Galaxy S9 zeigen sich auch einige Schwächen des Smartphones. Lest jetzt in unserem Testbericht, welche das sind.

Samsung Galaxy S9 im Test: Fortschritt im Schritttempo

Inhalt

Anfang März präsentierte Samsung sein neues Flaggschiff, das Galaxy S9, vor Tausenden geladenen Gästen – in einem Boxring, aufgebaut in einer gigantischen Halle am historischen Plaça d’Espanya in Barcelona. Nicht gerade subtil, was Samsung da kommunizierte: Wir sind selbstbewusst, nehmen es mit allen auf, kommt nur her, dann gibts volles Pfund aufs Maul. Die PR sprach für die S9-Geräte von einer Revolution. Das muss sie auch, das ist ihr Job. In der Nutzungsrealität schaltete das S9 allerdings in eine langsamere Gangart: Keine Experimente! Das Rad nicht neu erfinden, nur an wichtigen Stellen nachbessern. In Zeiten, da Hauptkonkurrent Apple endlich den ersten richtigen Design-Refresh seit Jahren unters Volk wirft, fast alle Hersteller die Notches und Designmerkmale vom iPhone X willfährig übernehmen und die Nokias und OnePluses mit Stock Android experimentieren, da transportiert das Galaxy S9 Konservativität und Klassenbewusstsein – negativ formuliert: vielleicht auch ein wenig Arroganz.

Vorweg: Dieser Test ist insofern ungewöhnlich, als dass er die Eigenschaften des Galaxy S9 nicht von A bis Z durchexerziert. Im Test vom Galaxy S9 Plus, den mein Kollege Peter veröffentlicht hat, sind alle wichtigen Fakten genannt. Zu 90 % lassen sich diese Erkenntnisse auch auf das kleinere Schwestermodell übertragen. In diesem Langzeit-Testbericht werden wir uns auf einige persönliche Erkenntnisse und Auffälligkeiten beschränken, insbesondere denen, die nach mehreren Wochen auffallen. Soll heißen: Schaut euch unser Hands-On an, lest unseren Test zum Galaxy S9 Plus, und dann hier weiter.

Samsung Galaxy S9: Das erste Hands-On.

Weiterlesen: Hier geht es zum Samsung-Galaxy-S9-Plus-Test.

Samsung Galaxy S9 im Test: Was mir gefallen hat

Die wichtigste Nachricht vorweg: Wenn ihr mit dem Gedanken spielt, euch das Galaxy S9 zu kaufen: machts. Das Teil sieht scharf aus und ist in einigen Bereichen sogar spitze. Wenn ihr es euch gekauft habt und bis jetzt damit zufrieden wart: astrein, Glückwunsch. Wenn ich in diesem Artikel kritisiere, und das werde ich tun, ist das Kritik auf sehr hohem Niveau. Deswegen, und um das zu illustrieren, hier zunächst meine Highlights.

Hell und scharf: Das Display

Es gibt derzeit kein besseres Display am Markt als das im Galaxy S9, seinen nahen Verwandten S9 Plus sowie dem Galaxy Note 8 und dem iPhone X (das ebenfalls auf ein Samsung-Panel setzt). Samsung hat seine OLED-Technologie perfektioniert und dafür gesorgt, dass man stets mit Freude auf sein Smartphone schaut. Die Farben sind intensiv, aber ohne einen merklichen Farbstich oder die übertriebene Sättigung mancher Geräte anderer Hersteller. Das Display ist hell, kontrastreich und scharf, insbesondere wenn man es auf seine native WQHD+-Auflösung umstellt. Warum Samsung, wie schon beim Galaxy S7 und S8, eine niedrigere Auflösung voreinstellt, wissen wir freilich nicht – auf die Akkulaufzeit und die wahrgenommene Leistung hat das wenig Einfluss. In unseren Tipps zur Einrichtung des Galaxy S9 empfehlen wir folgerichtig, diese Einstellung so schnell wie möglich zu ändern.

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Tipps fürs Samsung Galaxy S9 (Plus): Diese 20 Einstellungen solltest du als erstes vornehmen.

Beim S8 hatten wir auf unseren Testgeräten noch rotstichige Farbränder am oberen Rand festgestellt. Das ist jetzt Geschichte. Schade ist, dass Samsung das Thema 120-Hz-Panel noch vernachlässigt. Ein derartiges Display wie beim Razer Phone, das Animationen noch einmal wesentlich flüssiger darzustellen imstande ist, würde im High-End-Bereich alles in den Schatten stellen. Fürs Galaxy S10 wäre das klasse – Samsung: Bitte notieren.

Üppig … und ein bisschen knausrig: Die Leistung

Der Exynos-9810-Chip in seiner neuesten Iteration ist schnell und auf absolutem High-End-Niveau. Verglichen mit dem Snapdragon 845, der in einigen Ländern ebenfalls im S9 verbaut wird, bietet er etwas mehr CPU- und etwas weniger Grafik-Leistung – auf die nächsten Jahre hinaus aber sicher genug selbst für aufwändigste 3D-Apps. Etwas enttäuschend: Mit 4 GB Arbeitsspeicher zeigt sich Samsung knickerig, das größere Plus-Modell hat 6 GB RAM, manches Konkurrenzmodel sogar 8 GB. Samsung begründet seine RAM-Sparsamkeit beim S9 mit der Tatsache, dass auf dem S9 Plus tendenziell mehr Multitasking benutzt werde, der Bildschirm sei ja auch größer. Klingt fadenscheinig, im Alltag wirkt sich das aber selten negativ aus. Allerdings ist viel Arbeitsspeicher auch immer als Investition in die Zukunftssicherheit zu sehen und die Frage, ob 4 GB in 2 Jahren noch für ein makelloses Smartphone-Erlebnis reichen, sei mal in den Raum gestellt. Trotzdem hat das S9 unterm Strich und aus heutiger Sicht mehr als genug Power.

Allerdings fiel uns nach einigen Wochen der Nutzung auch auf, dass Samsung wieder das altbekannte Lag-Problem hat. Insbesondere der Start der Kamera und das Aufwecken aus dem Standby per Fingerabdrucksensor wird nach einiger Zeit arg gemütlich. Das ist schade und zeugt davon, dass Samsung in diesem Bereich seine Hausaufgaben nicht gemacht hat.

Überzeugend und bekannt: Verarbeitung und Design

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Samsung Galaxy S9 in Bildern: Das perfektionierte S8?

Das Galaxy S9 sieht aus wie das Galaxy S8. Klar, es gibt Unterschiede im Detail (Rahmenfarbe, dünnere Ränder, Fingerabdrucksensor unter der Kamera), aber wer das Gerät aus einem Meter Entfernung betrachtet, wird Schwierigkeiten haben, einen Unterschied festzustellen. Gerade das kleinere Modell zeichnet sich durch eine Kompaktheit aus, die aktuell im Bereich der High-End-Smartphones ihresgleichen sucht. In unserem Vergleichsvideo vom MWC sieht man, dass das Galaxy S9 selbst mit dem Xperia XZ2 Compact mithalten kann.

Samsung Galaxy S9 vs Sony Xperia XZ2 Compact.

Trotzdem raten wir zum Case – weil Glasgehäuse naturgemäß fragil sind und weil die Rutschigkeit des Gerätes nebst Finger­fett­ver­ewi­gungs­funk­tion den guten optischen Eindruck vom Gerät schnell zunichtemachen.

Robust und verspielt: Die Kamera

Scharf, gut auch bei schlechten Lichtbedingungen, sehr gut stabilisiert, intensive Farben – wieder einmal überzeugt die Kamera des Galaxy S9 in der Basisdisziplin Bildqualität. In den meisten Situationen kann man einfach draufhalten und das Foto, das aufgenommen wurde, kommt brauchbar raus. Teilweise wirken die Bilder im HDR-Modus sogar irreal gut.

Auch die Videoaufnahme kann überzeugen. Besonders gut fand ich die Tatsache, dass man in 4K60 aufzeichnen kann, wenn auch nur bis zu 5 Minuten. Auch hier erhält man überzeugende Ergebnisse, die vor gut stabilisiert sind – der Mixtur aus optischer und elektronischer Bildstabilisierung sei Dank. Die neue Superzeitlupe konnte mich hingegen nicht überzeugen, die Software-Instrumente zur manuellen Auslösung sind zu fummelig und haben zu lange gebraucht, um zu reagieren. Außerdem erfordert die Super-Slomo-Funktion, dass man die Aufnahmen bei guten Tageslichtverhältnissen und draußen aufnimmt, weil Aufnahmen bei künstlichem Licht, LED-Beleuchtung ausgenommen, heftig flackern. Die Audioaufnahmen für Videos sind hingegen gut und erzeugen ein echtes „Mittendrin-Gefühl“, wenn man sich die Ergebnisse mit Kopfhörern anschaut. Man sollte beim Aufnehmen allerdings vermeiden, die Finger in der Nähe der Mikrofone abzulegen, da es sonst zu störenden Kratzgeräuschen kommen kann.

Eine zusätzliche Telefoto-Linse, wie sie das Plus-Modell vom Galaxy S9 besitzt, wäre auch beim S9 nett gewesen, um mehr Schärfe in gezoomten Motiven zu erhalten und den Bokeh-Effekt bei Porträts anzuwenden. Wer das gerne macht, dem wird diese Einschränkung wehtun. Ebenfalls schade fand ich, dass sich die variable Blendenöffnung in der Praxis kaum bemerkbar macht. Im Großen und Ganzen sind die Ergebnisse, die die Kamera hervorzaubert, zwar sehr gut, aber im Detail kaum unterscheidbar von denen des direkten Vorgängers, ja – teils sogar schlechter als die aktuelle Konkurrenz. Kann man das dem Galaxy S9 vorwerfen? Ein bisschen schon, denn insbesondere Google und Huawei haben mit den Postprocessing-Algorithmen, die in die Pixel- und P20-Pro-Kamera integriert wurde, einige verblüffende Tricks gezeigt, um Bildergebnisse noch weiter zu verbessern. Samsung darf insbesondere im Bereich Maschinenlernen den Anschluss nicht verpassen. Vermutlich wäre die Entwicklungszeit in diesem Bereich sinnvoller investiert als in Tand wie den AR Emoji. Fazit: Unnötige Gimmicks, die eine gute Kamera aber nicht in die Knie zwingen.

Auf der nächsten Seite: Was mir am Galaxy S9 NICHT gefallen hat.

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