Assassin’s Creed Syndicate im Test: Das Übliche - mit einem Haken

Sebastian Tyzak 7

Jedes Jahr aufs Neue gibt’s Neues vom Alten. Neben Call of Duty und dem Jahresupdate zahlreicher Sportspiele, ist Assassin’s Creed der größte Freund der Regelmäßigkeit. Da muss die Frage erlaubt sein, ob Assassin’s Creed Syndicate – der neunte Teil der Hauptserie – der gewohnten Formel noch etwas hinzufügen kann oder sich der Gleichförmigkeit hingibt. Unser Test verrät euch mehr.

Assassin’s Creed: Syndicate – Story-Trailer.

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Ich möchte mich nicht lange mit Dingen beschäftigen, die mittlerweile fest zum Inventar von Assassin’s Creed gehören. Für diejenigen unter euch, die die vergangen acht Jahre unter einem Stein verbracht haben, unter dem es bedauerlicherweise weder Fernseher, noch Konsole oder gar einen Rechner gab:

  • Ja, auch in Assassin’s Creed Syndicate gibt es Aussichtstürme, die zum Freischalten neuer Aktivitäten erklommen werden möchten.
  • Ja, die Stadtkarte versteckt sich noch immer irgendwo unter diesen vielen bunten und blinkenden Questsymbolen, vertraut mir.
  • Ja, auch in Syndicate wird der Kampf zwischen der Bruderschaft der Assassinen und den Templern aufgegriffen, wirklich verstehen tun’s aber nur Eingeweihte.
  • Ja, auch hier wird geschlichen, gemordet, gekämpft und ganz, ganz viel Zeit in unsinnig vielen Nebenaufgaben verplempert.

So, nachdem wir den ganzen Klumpatsch aus dem Weg geräumt haben, können wir TATSÄCHLICH über Assassin’s Creed Syndicate reden …

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Weniger Glitches, mehr Grafik

Um technische Infos schere ich mich eigentlich nicht sonderlich. Ich möchte weder Bild-in-Bild Pixelpunkte zählen noch Frameraten raten. Wenn ein Spiel läuft, dann läuft’s. Wenn es besonders schön läuft, liegt das meist nur sekundär an potenter Technik und vielmehr am schmucken und geschickten Design. Trotzdem MUSS bei Assassin’s Creed Syndicate der Punkt bezüglich Technik ganz weit oben stehen. Schließlich ist Vorgänger Unity vom Internet zur Zielscheibe von Hohn und Spott erklärt worden – die Bilder von nur aus Augen, Zähnen, Haaren und Klamotten bestehenden Spielfiguren sind als Sinnbild für den jährlichen Veröffentlichungswahns mittlerweile eng mit der Serie verknüpft.

Die besten Glitches - AC: Unity ist auch dabei! ;)

Die guten Neuigkeiten: Ein ähnliches Bild wird sich dieses Jahr nicht zeigen … oder zumindest nicht ganz so ausgeprägt. Assassin’s Creed Syndicate läuft rund. Außer, es beginnt wie ein sturzbetrunkener Bar-Stammgast an zu torkeln.

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Ja, an einigen Stellen muckt die KI und verfängt sich in unsichtbaren Hindernissen. Ja, kleinere Bugs und Grafikfehler schleichen sich hier und da ein. Doch es wäre unfair, Syndicate anhand dieser kleineren Makel als ein Desaster darzustellen.

Oh, obwohl, einen hab‘ ich noch, der ist ganz witzig:

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Aber zurück zu meiner flammenden „vereinzelte Bugs sind nicht so schlimm!“-Rede: Die seltenen Fehlerchen wiegen in Assassin’s Creed Syndicate nicht so schwer. Zwar kam es während meines Testlaufs zu einem Absturz und ein, zwei Male verfing ich mich selbst auf seltsame Weise beim Klettern und Laufen in kurzen Schwebe-Glitches, doch alles in allem läuft Syndicate rund und sieht dabei großartig aus. Das sich zum Ende der industriellen Revolution neigende London ist wie von der Serie nicht anders gewohnt, in verschwenderischen Details gekleidet. Tiefschwarz qualmt es aus den Schornsteinen der zahlreichen Fabrikanlagen, monumentale Kathedralen stemmen sich gegen das diesige Firmament und nach der üblichen Kelle Regen glänzen die Straßen Londons im Schein der Morgensonne. Einige Beispiele als klickbares Fotobuch:

Dass die grafische Qualität allerdings mit sehr langen Ladezeiten erkauft wird, ist irgendwie nicht so okay. Gerade bei der „Schnellreise“ scheinen die Entwickler die erste Silbe des Wortes ignoriert zu haben und lassen mich gut und gern mal eine halbe Minute „schnellreisen“. Weit weniger laut mosere ich über Nachlade-Schluckauf bei einigen Texturen, der im Vergleich zu Unity aber weit weniger auffällig ist, und wirklich ganz seltene Bildrateneinbrüche. Trotzdem: Wer Syndicate in diesem Punkt verreißen will, sollte sich mal die Äuglein waschen: Es ist ein wunderschönes Spiel, das im Vergleich zu seinem Vorgänger wesentlich sauberer läuft.

Syndican‘t

Entschuldigt die untypische Ordnung im Artikel, aber der technische Aspekt muss nach Unity einfach als erstes ausgerollt werden. Wer noch nicht weiß, worum es in Syndicate geht: Die beiden Assassinen-Geschwister Jacob und Evie Frye spielen die Hauptrolle. Im Jahre 1868 ziehen sie nach London aus, um die dort vorherrschenden Templer unter der Führung eines gewissen Crawford Starrick zu Fall zu bringen. Dafür wird kurzerhand eine Gang gegründet, deren Wirkungskreis im Spielverlauf ausgebaut werden muss.

Schade, dass die Handlung recht stark in den Hintergrund rückt und wenig mitreißt. Zwar ist das gewitzt aufgelegte Heldengespann ziemlich sympathisch, doch da die Storymissionen stellenweise wenig miteinander verknüpft sind, bleiben gewisse Charakterentwicklungen wenig nachvollziehbar. Die üblichen „Starauftritte“ historischer Persönlichkeiten sind wie immer amüsant, wirken oft aber etwas formell in den Spielverlauf eingepasst. Kritische Themen wie die stark verbreitete Kinderarbeit hegen eigentlich spannendes Erzähl-Potential, finden aber in der Geschichte nur als Füllmaterial ihren Platz. Ein Witz ist der Part in der Gegenwart, der ähnlich wie in Unity nur noch eine kleine Notiz am Rande bleibt, der (sehr selten) das Spielgeschehen unterbricht.

…die Sache mit dem Haken

Das erste Assassin’s Creed war ein Trendsetter: Seine fließend animierten, flinken Kraxeleien ließen Fans trotz repetitiven Spielablaufs schwärmen. Das „Free-Running“-Prinzip wurde darauffolgend von unterschiedlichen Entwicklern aufgegriffen und durchgenudelt. Heute ist Assassin’s Creed nicht mehr das stärkste Pferd im Videospiel-Rennstall, wenn es um den Spaß an der Bewegung in Open-World-Weiten geht. Titel wie Batman: Arkham Knight, Sunset Overdrive oder inFamous machen da einen weit besseren Job – Assassin’s Creed, seiner Linie treu geblieben, fühlt sich heute sperrig und langsam im Vergleich an.

Alle Fähigkeiten und Talentbäume von Jacob und Evie

Das ist vor allen Dingen im Vergleich mit den drei genannten Spielen dem realistischen Ansatz geschuldet. Zwar sind auch die Manöver der kletternden Meuchelmörder deutlich überspitzt, doch mit einem gewissen Grad an bodenständigem Realismus wollte die Serie nie brechen. Mit Assassin’s Creed Syndicate ändert sich das ein klein wenig. Die beiden Protagonisten erhalten recht schnell nach Spielbeginn eine Art Enterhaken, mit dem sie sich an Gebäuden hochziehen und von Haus zu Haus schwingen können. Idealerweise läuft sich der Weg zum Ziel damit weit schneller ab und das erklimmen wichtiger Höhen ist nicht nur eine Geduldsprobe, sondern macht tatsächlich Spaß.

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ABER leider funktioniert die Nummer mit dem Enterhaken nicht immer reibungslos. Wo genau ihr euch hoch- oder hinzieht ist nicht immer auf die Schnelle auszumachen: Selbst gezielt wird der sogenannte Seilwerfer nicht, nur eine Einblendung zeigt euch, wo die Reise hingeht. Allerdings springt das Ziel oft sehr unruhig hin und her. Wenn beispielsweise ein großes Gebäude in eurem Rücken steht, ihr euch aber eigentlich auf die Fabrikanlage vor euch ziehen wollt, surrt das Seil in der Regel aller Fälle nach hinten. Aber auch wenn das Durchlaufen des historischen Londons nicht den vollen Spielspaß einiger Genrekollegen entfaltet (siehe Beispiele), ist dieser Ansatz ein willkommener und richtiger Schritt, Assassin’s Creed zu modernisieren.

Ach, und Pferdekutschen dürft ihr auch kapern und mit PS zum Ziel peitschen. Damit seid ihr für Serienverhältnisse erstaunlich schnell unterwegs und lasst im Nu zahlreiche Kilometer hinter euch. Die Kutschen steuern sich extrem leicht und machen gerade wegen des unrealistischen Ansatzes Laune – Verfolgungsjagden und Rennen sind sehr kurzweilig.

Schleich dich, sonst schlag ich!

Wie gewohnt wird auch in Assassin’s Creed Syndicate hauptsächlich geschlichen und gekämpft – oft folgt Zweites auf das misslungene Erstere. Ähnlich wie in vorangegangenen Teilen spielen sich beide Parts zweckmäßig gut, aber auch nie völlig rund. In beiden Punkten stehen euch dieses Mal weniger Fähigkeiten und Spielzeuge zur Verfügung, was letztlich für die Spielbarkeit ein Segen ist.

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Assassin's Creed: Die Geschichte aller Assassinen und Spiele.

In Sachen Schleichen hat sich im Vergleich zum Vorgänger recht wenig getan. Über den Adlerblick könnt ihr Gegner in eurer Umgebung ausmachen, lockt sie per Pfiff an, und überrascht sie hinter einem Mauervorsprung kauernd, sobald sie in Klingenreichweite sind. Neben Wurfmessern, mit denen ihr Feinde geräuschlos schlafen schickt, besitzt ihr auch noch halluzinogene Bolzen, die Gegner verwirrt einander angreifen lässt. Leider ist die KI an vielen Stellen etwas blöde und lässt sich zu leicht mit einfachen Tricks in den Tod schicken. Außerdem kommt es immer mal wieder zu seltsamen kleinen Fehlern, die meine Deckung auf unerklärliche Weise auffliegen lässt.

Im Kontrast dazu wurden die Kämpfe in Syndicate noch einmal stark verbessert. Zwar müssen die Buttons ordentlich gekloppt werden, zumindest aber habe ich dabei das Gefühl steter Kontrolle. Konter spielen keine essentielle Rolle mehr, dafür ist es wichtiger, das Umfeld im Auge zu behalten. Schüssen von Gegnern darf ich gekonnt mit der Dreieck/Y-Taste ausweichen, die freundlicherweise auch immer rechtzeitig eingeblendet wird. Außerdem erlaubt Syndicate weit öfter aggressive Vorgehensweisen: Sollte euer Schleichunterfangen scheitern, habt ihr oft noch Plan B griffbereit, ohne den nervigen Neustart abwarten zu müssen.

Mörderisches Duett

Richtig spannend ist, dass ihr im Spielverlauf die meiste Zeit nahtlos zwischen den beiden Charakteren Evie und Jacob wechseln könnt – nur ab und an verhindern auf eine Figur zugeschnittene Aufgaben den Tausch. Beide besitzen identische Fähigkeitenbäume, können aber voneinander getrennt geskillt werden. So könnt ihr Evie zur rüpelhaften Schlägertype und Jacob zum sneaky Schleicher machen und beide in den Momenten einsetzen, in denen es sinnig scheint. Eingeschränkt ist diese Option nur von einigen hochklassigen Fähigkeiten, die nur einem der beiden Charaktere zustehen: Einige der späteren „Kampf“-Fähigkeiten stehen nur Jacob, einige der „Schleichen“-Fähigkeiten nur Evie offen.

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Insgesamt ist der Charakterwechsel eine interessante Option. Allerdings hätte ich mir etwas mehr Möglichkeiten bei der Spezialisierung (zum Schluss gleichen sich die beiden dann doch) und mehr Freiraum beim Wechsel erhofft. Außerdem ist das Mikromanagement der beiden Inventare und des Skillbaums unnötig in die Länge gezogen: Zwischen den beiden Charakteren kann nicht direkt im Menü gewechselt werden – das Spiel schickt euch immer erst einmal auf Londons Straßen zurück.

Richtig motivierend ist der Bandenkrieg um den Vorbesitz von London. Einige der Nebenaufgaben befreien bei erfolgreichem Abschluss Teile Londons. Zettele ich innerhalb eines Stadtteils erfolgreich einen Bandenkrieg an, kann ich ihn einnehmen. Stück für Stück werden dadurch die rivalisierenden Gangs vertrieben und ich spüre meine Macht größer werden. Eigentlich ist es ein lapidares System, trotzdem reizt mich dabei die Gangthematik. Letztlich bleiben aber die meisten Nebenaufgaben ermüdend gleich, was bei der Anzahl an zusätzlichen Quests abseits der Handlung kaum verwunderlich ist. Einige kleinere Überraschungen und schöne Gegenbeispiele lassen sich in London aber auch finden.

Unser Test-Fazit zu Assassin’s Creed Syndicate:

Nein, auch Assassin’s Creed Syndicate kann nicht vertuschen, dass sich die Serie in seiner Regelmäßigkeit abgenutzt hat. Trotzdem zeigt sich das Spiel an den richtigen Stellen sinnvoll verbessert, um auch zum neunten Mal unsere Zeit zu verschlingen. Vor allen Dingen das Ausweiten des Gang-Turfs hat mir unheimlichen Spaß gemacht. Allerdings muss sich in dem zu allergrößter Wahrscheinlichkeit im kommenden Jahr erscheinenden zehnten Serienteil noch einiges an Kampfsystem und Schleicheinlagen tun, damit Assassin’s Creed für mich auch weiterhin funktioniert.

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Assassin's Creed: Welcher Assassine bist du?

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