Call of Cthulhu im Test: Alter Gott im neuen Gewand

Alexander Gehlsdorf 2

Wenn ein Spiel mit Cthulhu im Namen erscheint, spitzen Horror-Fans die Ohren. Schließlich gilt dessen Schöpfer Lovecraft als einer der größten Horror-Autoren aller Zeiten. In der Vergangenheit taten sich Spiele allerdings schwer bei der Adaption des Stoffes.

Fans von Call of Cthulhu haben es nicht leicht. Eines der wenigen Spiele, das überhaupt den Namen des Tentakelwesens trägt, ist das 2005 erschienene Call of Cthulhu: Dark Corners of the Earth. Das fing die Faszination des Werkes von Autor H.P. Lovecraft treffend ein, litt jedoch unter Bugs und technischen Schwierigkeiten.

Dem gegenüber gibt es diverse Spiele wie Darkest Dungeon, Dark Souls oder Sunless Sea, die sich Aspekte des kosmischen Horrors borgen, ohne daraus jedoch ein speziell benanntes Cthulhu-Spiel zu machen.

Die wohl beste Cthulhu-Adaption hingegen existiert lediglich analog. Die Rede ist vom Pen & Paper-Rollenspiel Call of Cthulhu. Wie kaum ein anderes Spiel schaffte es die Würfel-Adaption, Story in Gameplay zu übersetzen.

Wer war H.P. Lovecraft und warum ist sein Werk heute noch so wichtig?

Was soll das bedeuten? In Call of Cthulhu besitzt jeder Charaker einen Sanity-Wert, also der Zustand seiner geistigen Gesundheit. Im Laufe des Spiels wird diese immer wieder auf die Probe gestellt. Jede Begegnung mit dem Übernatürlichen kratzt an der eigenen psychischen Verfassung.

Der Clou daran: Die Änderung sind unumkehrbar, je länger also gespielt wird, desto mehr nähert sich jeder Spieler unwideruflich dem eigenen Ende — denn ein niedriger Sanity-Wert wirkt sich auch negativ auf alle anderen Handlungen im Spiel aus. Eine Rollenspiel-Kampagne mit eingebautem Verfallsdatum, denn über kurz oder lang erliegen alle Charaktere irgendwann dem Wahnsinn, ganz wie in den Buchvorlagen also.

Warum ich das erkläre: Call of Cthulhu, das jetzt von Entwickler Cyanide Studio entwickelt wurde, versteht sich als digitale Adaption des beliebten Pen & Paper Rollenspiels. Aber wie gut funktioniert das?

Mit Hirn und wenig Fäusten

Das Wichtigste vorweg: Anders als die Papier-Vorlage ist Call of Cthulhu keine Blaupause für immer neue und offene Kampagnen, stattdessen wird eine abgeschlossene, lineare Geschichte erzählt.

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Trotzdem biete diese einige Varianz, insbesondere da die Entwickler das Skill-System der Vorlage übernommen haben, wenn auch gehörig entschlackt. Protagonist Edward Pierce verfügt dementsprechend über Kenntnisse in Psychologie, Ermittlung, Medizin, Okkultismus, Diplomatie, dem Aufspüren versteckter Orte und Stärke. Letzteres Talent wird dabei in erster Linie für Rätsel und Talentproben verwendet und nicht für Kämpfe. Die gehören in Call of Cthulhu zur absoluten Ausnahme.

Stattdessen will ermittelt werden, denn Edward Pierce ist Privatdetektiv, der in den 1920er Jahren auf die Fischerinsel Darkwater beordert wird, um den Tod der Hawkins-Familie zu begutachten. Diese starb in einem Brand, dessen genaue Ursache bislang ungeklärt ist. Doch noch viel mysteriöser sind die zahlreichen Gemälde, die Sarah Hawkins hinterlassen hat.

Was auf diesen nämlich zu erkennen ist, sorgt nicht nur bei Edward Pierce für Beunruhigung. Sind es die Illusionen einer Wahnsinnigen? Oder Visionen aus einer anderen Welt?

Horror von früher

Pierces Ermittlungen spielen sich recht linear, erlauben dank der unterschiedlichen Skills aber ab und an unterschiedliche Lösungswege. Gleich zu Beginn muss Pierce etwa in das Lagerhaus der Hawkins Familie eindringen. Allerdings wird der Haupteingang von einem Polizisten bewacht, der Nebeneingang hingegen von ein paar Rauhbeinen.

Wie genau Pierce also letztlich Zugang erhalten wird, kann von Spieler zu Spieler variieren, das Ergebnis ist jedoch in der Regel dasselbe. Alternative Story-Zweige, die den Verlauf der Handlung grundlegend beeinflussen, brauchst du nicht zu erwarten. Ebenso ist es nicht möglich, Darkwater auf eigene Faust zu erkunden.

Dass ein Spiel 2018 nicht auf Open World sondern auf eine klassische Abfolge von Leveln setzt, ist schon beinahe angenehm nostalgisch. Problematisch ist daran nur, dass die Qualität des Gameplays in den einzelenen Leveln durchaus variiert. Auf Highlights wie der Ankunft in Darkwater, der Erkundung der Hawkins-Villa oder dem Rätsel im Buchladen folgen Trial-und-Error-Passagen wie der Kampf gegen den Shambler oder die Glyphen-Suche im Krankenhaus. In diesen Momenten bricht der Flow der Story und aus den eigentlich atmosphärischen Passagen wird plötzlich Fleißarbeit.

Apropos Krankenhaus: Ein nettes Konzept, das Call of Cthulhu an mehreren Stellen einsetzt, ist der erneute Besuch einiger Schauplätze. So musst du etwa das Krankenhaus in einem Kapitel am hellichten Tag erkunden, nur um später dort in der Nacht zurückzukehren. Andersherum wird aus dem vermeintlichen Hawkins-Spukhaus später im Spiel ein sicherer Unterschlupf. Ein günstiger aber gelungener Weg, Level-Architektur für neue Herausforderungen zu recyceln.

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Mein Test-Fazit zu Call of Cthulhu

Wer Call of Cthulhu für seine Story spielt, wird nicht enttäuscht. Die Geschichte borgt sich geschickt Elemente aus Lovecrafts Originalen, erzählt aber dennoch eine eigene Handlung. Diese passt gut in den Kosmos des Horror-Altermeisters und ist dennoch zeitlos, da sie etwa auf die rassistischen Ressentiments verzichtet, die in klassischen Lovecraft-Geschichten immer wieder deutlich werden.

Spielerisch ist das Spiel jedoch nicht der buchstäbliche Wahnsinn. Die Kapitel-Struktur ist zwar angenehm altmodisch, umso offensichtlicher werden aber die Design-Schwächen der weniger überzeugenden Abschnitte. Eine würdige Adaption der Pen & Paper-Vorlage ist Call of Cthulhu nicht geworden, dafür aber ein solides Horror-Abenteuer, dass die Atmosphäre der Literaturvorlage gekonnt einfangen konnte.

Wird dir gefallen, wenn du mit Lovecrafts Werken vertraut bist und Lust auf eine gelungene Neuinterpretation hast.

Wird dir nicht gefallen, wenn du kein Freund von Trial-und-Error-Passagen bist.

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