GRIS im Test: Sag mir noch mal, dass Spiele keine Kunst sind

Victoria Scholz 1

Wusstest du, dass die Spielmusik ganz kurz leiser wird, wenn du auf der Nintendo Switch einen Screenshot machst? Und dass du so ganze Lieder ausblenden kannst? Bei GRIS musst du dich entscheiden: entweder diese unglaubliche Musik hören oder aber den Finger auf der Screenshot-Taste haben und 3.548 mal abdrücken. Du hast die Wahl. Sie ist wahrlich nicht leicht.

GRIS im Test: Sag mir noch mal, dass Spiele keine Kunst sind

Wie ich mich entschieden habe? Gut eigentlich. Denn ich habe mir GRIS eines Sonntagabends gekauft und bin nicht enttäuscht worden. GRIS hat meine Top 5 für das Jahr 2018 auf den letzten Metern noch einmal gehörig umgewürfelt.

GRIS ist am 13. Dezember 2018 für PC (Windows & Mac) sowie Nintendo Switch erschienen. Entwickelt wurde der Wasserfarben-Platformer vom spanischen Indie-Studio Nomada StudioDevolver Digital ist der Publisher.

GRIS ist Spanisch und bedeutet übersetzt „Grau“. Mit Farben spielt der Platformer auch. Du spielst nämlich ein junges Mädchen mit wehendem Mantel und musst die Farben wieder in ihr Leben zurückbringen. Stück für Stück, Rätsel für Rätsel, Träne für Träne, gelingt es dir auch – doch dabei gibt es einige Schwierigkeiten und vor allem Feinde, die deinen Weg kreuzen.

Ein lebendiges Kunstwerk aus Wasserfarben

Du spielst also ein junges Mädchen und lenkst es zuerst durch eine graue, triste Welt. In GRIS wird nicht gesprochen, dafür verstehst du aber ganz gut, worum es hier gehen soll. Spätestens, wenn du alternative Wege gehst und Statuen von einer Frau siehst, die ihr Gesicht voller Verzweiflung in den Händen vergräbt, weißt du: Hier muss etwas Schlimmes passiert sein.

Aber es braucht noch nicht einmal diesen einen Grund, der für dich und das junge Mädchen als Antrieb fungiert. Bereits nach dem ersten Lied und dem ersten Blick auf diesen Wasserfarben-Stil hast du dich verliebt. Und ab da geht es nur noch weiter in den Abgrund.

Und so erkundest du eine Farbe nach der anderen, springst durch die Welt und löst verschiedene Rätsel, die dir nicht erklärt werden, du sie aber dennoch verstehst. Wirklich schwierige Passagen gibt es kaum. In GRIS geht es auch eher um die erzählerische Geschichte, anstatt die Schwierigkeit, Plattformen nicht zu erreichen.

In der ersten Welt wirst du beispielsweise mit Sandstürmen konfrontiert und musst dir schnell einen Weg suchen, um zu schützenden grauen Ruinen zu gelangen. Immer, wenn sich der Sturm nähert, erkennst du es an hektischen Orgelklängen, die deinen Weg drohend beobachten und begleiten. Im Grunde besteht das übergeordnete Rätsel von GRIS darin, Plattformen und Wege zu finden, auf die du springen kannst, um weiterzukommen. Oft musst du das in einer bestimmten Zeit schaffen – die ist aber sehr großzügig bemessen.

GRIS ist anders als alles, was ich bisher gesehen habe – diese 17 Spiele sind es auch:

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17 Spiele, die anders sind als alles, was du je gesehen hast.

So einfach, wie GRIS aber zu Beginn wirkt, ist es gar nicht. Sobald du nämlich das erste Mal Wege abseits des Hauptpfades erkundet hast, findest du Statuen, die dir mehr über das Spiel zeigen. Wenn es also nicht die Musik oder die Emotionen beim Spielen sind, die dich GRIS noch einmal von vorn beginnen lassen, ist es vielleicht der Antrieb, diese geheimen Statuen zu finden.

Damit du eine Vorstellung hast, wie gut der Soundtrack von GRIS klingt – hier wird er von einem Orchester live gespielt:

GRIS: Der schöne Score von einem Orchester eingespielt - Kopfhörer aufsetzen!

Eine Erfahrung für dunkle Abende

So oder so ist GRIS eine Erfahrung, die du an einem sehr dunklen Sonntagabend erleben solltest. Ich selbst habe GRIS mit Kopfhörern gespielt und mich auf meine Couch gekuschelt. Als ich den Platformer gestartet habe, blendete ich alles um mich herum aus. Das Zusammenspiel aus Ton und Bild erzeugten einen Tunnelblick bei mir, der parallel zur einfarbigen Welt im Spiel, alles um mich herum in ein nebliges Weiß hüllten. Es dauerte genau eineinhalb Minuten, bis ich Gänsehaut bekam. Das war zur gleichen Zeit, als das Saxophon im Main Theme einsetzte, um mich zu verzaubern und immer weiter in den Abgrund zu ziehen.

Doch so lange lässt dich das Spiel nicht genießen. Ziemlich schnell kommst du nämlich an einen Punkt, an dem dich etwas Schwarzes übermannen möchte. Dieser Feind taucht immer wieder auf und sorgt für spannende Momente, die dich den Stick (oder die W-Taste) so heftig nach vorn (oder nach unten) drücken lässt, dass dein Controller (oder deine Tastatur) zu zerbrechen droht.

Die größte Stärke an GRIS ist aber seine größte Schwäche. Es ist so wunderschön, dass es eigentlich nie vorbei sein sollte. Nach etwa vier Stunden Spielzeit ist aber Schluss. Willst du alle Wege erkunden, könntest du die Spielerfahrung noch auf etwa sechs Stunden strecken. Dann ist aber die Wasserfarben-Reise endgültig vorbei.

Wer sich diese Reise aber verlängern will, kann sich den Soundtrack auf Spotify anhören. Wenn ich ihn höre, werde ich mich immer daran erinnern, wie ich in der letzten Szene von GRIS nicht einmal genau wusste, worum es überhaupt ging, mich das ganze Spiel aber dennoch zu Tränen rührte. GRIS ist das Paradebeispiel dafür, weshalb Videospiele als Kunst betrachtet werden sollten.

 

Wird Dir gefallen, wenn du Monument Valley geliebt hast, du gern ohne Erklärung durch Rätsel geschickt wirst und keine Stimmen und Texttafeln brauchst, um dir eine Geschichte im Kopf zu bilden.

Wird Dir nicht gefallen, wenn du keine Platformer magst und nicht so der emotionale Typ bist. Wenn du zudem eher ein langes Abenteuer genießen willst, das dich durch seine schwierigen Rätsel fordert.

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