Gears 5 im Test: „Ich bin traurig!“, brüllte sie und zersägte das Monster

Alex Duk

Aus Gears of War wird Gears. Der fünfte Hauptteil der Reihe verliert seinen Krieg und nennt sich Gears 5 - aber warum? Ein paar Gedanken dazu.

Gears 5 im Test: „Ich bin traurig!“, brüllte sie und zersägte das Monster

Der Krieg gegen die Locust wurde in Gears of War 3 gewonnen. Im vierten Teil wurde jedoch eingesehen, dass der Krieg niemals aufhört und es immer neue Antagonisten geben wird, die den Planeten Sera bedrohen. Jetzt soll es nicht mehr um den Krieg gehen, sondern um die Personen dahinter.

Vielleicht.

Vielleicht ist die Endung „of War“ einfach langsam abgedroschen und erinnert zu sehr an God of War, das sich bis heute mit Gears of War eine Abkürzung geteilt hat. Und obwohl diese Spiele damals bis auf eine kompromisslose Gewalt nicht viel gemeinsam hatten, gehen das 2018er God of War und Gears 5 heute den gleichen Weg - warum wird später klar. Und obwohl es nicht alles richtig macht, stellt sich für mich im Laufe des Spiels heraus: Gears 5 ist eines der besten Shooter des Jahres. Aber bevor wir dazu kommen, muss ich erst einmal eine Sache loswerden.

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„Ich bin traurig!“, brüllte sie und zersägte das Monster

Gears hatte schon immer den Anspruch, absurde Brutalität mit rohen Emotionen zu verbinden. Ich verweise hier gerne auf den Mad-World-Trailer vom ersten Gears of War, der mittlerweile so etwas wie einen Meme-Status erreicht hat. So testosterongeladen - und doch so echt und menschlich. Hat es damals geklappt? Einigermaßen. Klappt es bei Gears 5? Nicht wirklich. Zwar haben mich einige Szenen ganz leicht in Herznähe berührt, eine richtige Bindung zu den Charakteren habe ich bis zum Ende leider nicht aufbauen können.

Durch PR-Aktionen wie Marcus Fenix in a Mad World, oder heute Kaits Identitätskrise unter Billie Eilishs „bury a friend“, wirkt es so, als würden die Entwickler The Coalition es wirklich wollen, dass Gears 5 den Spagat aus emotional und brutal meistert. Und ich war bereit dafür! Doch dann hat Gears 5 enttäuschenderweise viel zu wenig geboten.

Gears 5 - E3 2019 - Kait, Broken.

Kaum dass ich ein interessantes Detail über die Protagonistin Kait Diaz erfahren habe, verbringe ich einen ganzen Akt à drei Spielstunden damit, eine militärische Mission auszuführen, in der ich eine Rakete zusammenbauen muss, um einen Satellit in die Stratosphäre zu schießen. Die soll nämlich eine Massenvernichtungswaffe ansteuern. Charakterentwicklung in diesen drei Stunden? Fehlanzeige. Dafür habe ich 2.000 weiteren Swarm-Monstern den Kopf weggeschossen. Und … die Rakete zusammengebaut. Bis mir da wieder ein charakterbezogenes Story-Element vor die Füße geworfen wird, hat mein Interesse schon längst wieder den Nullpunkt erreicht.

Ein Deckungsshooter, wie aus dem Bilderbuch

Es klingt jetzt vielleicht so, als hätte ich in diesen drei angeblich von Langeweile geprägten Stunden auf den nächsten dramatischen Plot-Twist gewartet. In Wahrheit hatte ich in dieser Phase den meisten Spaß. Seien wir mal ehrlich, wer spielt Gears wegen einer packenden Story? Gears 5 spielt sich wie ein gut geöltes Zahnradgetriebe (die englischsprachigen unter euch werden sich über den Wortwitz freuen). Es ist ein ASMR-Shooter, würde ich schon fast sagen, es fühlt sich wirklich fantastisch an. Das Deckungssystem ist knackig und simpel, die Waffen fühlen sich mächtig an, die KI ist intelligent, es ist blutig, brutal, schnell und fordernd.

An der Gears-Formel wurde zwar nicht geschraubt - das war aber auch gar nicht nötig. Veteranen der Serie fühlen sich sofort zuhause, Neueinsteiger werden gut in das Spiel eingeführt. Funktionen, wie das aktive Nachladen, das der Waffe bei perfektem Nachlade-Timing eine erhöhte Feuerrate oder andere Boni schenkt, wurden beibehalten. Das ist jetzt zwar alles schnell gesagt, aber es ist nun mal der größte Teil des Spiels und der ist wie immer gut gelungen. Geschraubt wurde jedoch an ganz anderen Stellen. Und wo, dürfte heutzutage keinen mehr wundern.

Rollenspiel-Elemente - jetzt auch bei Gears erhältlich!

Und sein Name ist Jack.
Jack, der kleine, piepende, Rollenspiel-Element-Generierungs-Roboter. Eine Multifunktionsmaschine zum Aufrüsten und Liebhaben. Als neuer Teil des Teams macht sich Jack nicht nur zum Türen aufschmelzen nützlich, sondern auch für praktische Teamfertigkeiten (Unsichtbarkeit, Wiederbelebung per Funk und so weiter) und fiese Gegnerfallen (beispielsweise Schockfallen und Blendlichter). Das funktioniert ausgezeichnet! Immer wenn ich eine Gegnergruppe geblendet oder einen der Gegner für mich kämpfen lassen habe, hat es mich zufriedengestellt.

Das Problem ist: Wenn ich im Eifer des Gefechts meine Fertigkeiten je nach Situation wechseln möchte und das nur mit einer lästigen Tastenkombination und ohne Beschriftung der Symbole kann, habe ich diese Fertigkeiten leider nicht so oft benutzt, wie ich eigentlich wollen würde. Gewünscht hätte ich mir ein Ringmenü oder (jedenfalls im Einzelspieler-Modus) eine Zeitlupe, sobald ich eine neue Kraft wähle. Vielleicht braucht es einfach etwas Zeit, bis man dieses Spielelement beherrscht. Aber beim ersten Durchspielen hatte ich noch kein gutes Gefühl dafür entwickeln können. Dennoch ein tolles Feature, das im nächsten Teil etwas eleganter eingesetzt werden könnte.

Auf der anderen Seite hatte ich einen großen Spaß dabei, die Umwelt in das Kampfgeschehen mit einzubeziehen, was in Gears 5 verstärkt und auf kreative Weise möglich war. Beispielsweise konnte ich Gegner auf einer Eisschicht mit einem gezielten Schuss ins kalte Wasser befördern - das war sehr befriedigend. So etwas gab es zwar nicht sehr häufig, ich habe mich trotzdem immer gefreut. Gerne mehr.

Trend Nr. 2: Eine offene Welt

Halboffen, jedenfalls. In zwei von vier Akten findest du dich in einer großen, weiträumigen Welt wieder, die du mit einer Art Segelschlitten problemlos durch Schnee und Sand befahren kannst. Kompass und Karte sind übrigens auch vom Trendzug gefallen. Innerhalb eines Aktes darfst du hier also Gegenstände und exotische Waffen sammeln oder Nebenmissionen absolvieren, die dir Spezial-Fertigkeiten oder Upgrade-Material einbringen. Was im ersten Moment für ein Spiel wie Gears 5 total erzwungen und nervig klingt, ist in der Praxis sehr angenehm gestaltet.

Wer möchte, kann Nebenmissionen einfach ignorieren - ansonsten lassen sich diese in unter 10 Minuten (!) vollständig abschließen.
Ich habe das Gefühl, dass The Coalition hier eine sichere Hand gespielt haben. Die Nebenmissionen sind wirklich absurd kurz und die offene Welt recht klein. Als würden sie mit Gears 5 testen wollen, wie dieses Element auf kleiner Skala bei den Fans ankommt, um es im sechsten Teil dann zu erweitern oder ganz zu lassen. Ich hätte mich über mehr Mut gefreut, wie es Santa Monica Studio bei God of War genau so versucht - und triumphiert haben. Die Steine wurden bei Gears 5 richtig gesetzt. Nur schade drum, dass es so wenige sind.

Ein Spaß für die ganze Familie ab 18 Jahren

In Gears 5 kannst du nicht nur die gesamte Kampagne online mit bis zu vier Freunden spielen, sondern dich auch in drei komplett unterschiedlichen Multiplayer-Modi beweisen. Der Versus-Modus bietet klassische Spielweisen wie den Team Deathmatch oder „King of the Hill“, in dem man gezielt Punkte auf der Karte einnehmen und verteidigen muss, die alle auf zwölf Karten gespielt werden können. Bislang alles bekannt.

Der in Gears of War 2 etablierte Horde-Modus schafft es auch in das Spiel. Hinter dem versteckt sich der bekannte Gegnerwellen-Modus. Der Kniff ist hier, dass du dir in einem Team nach jeder Welle nach und nach eine Festung baust, die den immer mehr werdenden Gegnermassen standhalten muss. Diese Modi sind etabliert und funktionieren gut. Nichts Überraschendes, aber ich möchte es gerne positiv hervorheben. Ich persönlich kann mich an eine Zeit erinnern, in der ich den Multiplayer-Modus von Gears of War 3 aberdutzende Stunden gespielt und nie den Spaß verloren habe. Ein gutes Zeichen also, wenn ich in meinem ersten Versus-Match in Gears 5 sofort in Nostalgie verfalle.

Viel interessanter ist jedoch der neue Escape-Modus. In alter Survival-Manier musst du dich hier mit bis zu drei Spielern und wenig Munition durch ein Gebäudekomplex kämpfen, um eine Bombe zu platzieren und danach schnell zu entkommen. Was zunächst für einige Runden spaßig wirkt, stimmt mich trotzdem etwas skeptisch. Ich  weiß nicht, ob so ein Modus auf Dauer genügend Abwechslung bieten kann. Als Alternative zu den anderen zahlreichen Multiplayer-Optionen finde ich es jedoch gelungen.

Last but not least: Diese Grafik

Wahnsinn. Ich brauche einen neuen PC. Dunkle Szenen wirken durch gezielten Einsatz von Licht und Schatten bedrohlich und einschüchternd. Die hellen, offenen Schneegebiete dagegen detailliert und bildgewaltig. Ein paar Spielstunden später finde ich mich in einer furchteinflößenden Sandsturm-Gewitter-Kombination wieder, von der ich eigentlich fliehen soll, aber nicht will, weil es so schön ist.

Wer die nötige Kohle hat, darf sich das Spiel in einer hohen Auflösung und - viel wichtiger - HDR aufgrund der schönen Schattenspiele nicht entgehen lassen. Nichtsdestotrotz, ich habe es in Full HD ohne HDR auf einer Konsole gespielt und war trotzdem schwer beeindruckt. Außerdem nicht mehr selbstverständlich: Das Spiel lief konstant flüssig und ohne technische Probleme, Hut ab.

Fazit

Auch wenn ich am Anfang etwas über das Spiel gemeckert habe, weil ich mit jedem neuen Gears-Teil wünsche, dass ich den Plot endlich ernst nehmen darf, hatte ich in meinem 10-Stunden-Spieldurchlauf großen Spaß. Und durch die drei grundverschiedenen Multiplayer-Modi und der Option, die gesamte Kampagne mit vier Spielern durchzuspielen, werde ich das Spiel in Zukunft noch öfter starten. Ja, Gears 5 überzeugt als Shooter in voller Länge, als Drama eher nicht. Aber zwischen all dem Blut und den fliegenden Patronen war es nie einfacher darüber hinwegzusehen.

Gears 5 wird dir gefallen, wenn du einen technisch einwandfreien und anspruchsvollen Koop-Shooter spielen möchtest.
Gears 5 wird dir nicht gefallen, wenn Gewalt dich abschreckt und du eine prägende Geschichte geliefert bekommen möchtest.

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Gears 5 erscheint am 10. September für Xbox One und PC. Abonnenten des Xbox Game Pass dürfen sich schon am 6. September mit dem Spiel beglücken.

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