ZDF verurteilt Alexa – ist Amazons Sprachassistent gefährlich?

Johann Philipp 3

Die ZDF-Doku „Amazon – gnadenlos erfolgreich“ zeigt ein düsteres und bedrohliches Bild vom Versandhändler. Besonders der smarte Lautsprecher Alexa wird kritisiert. Sollten sich Amazon-Fans Sorgen machen?

ZDF verurteilt Alexa – ist Amazons Sprachassistent gefährlich?
Bildquelle: ZDF/ Jürgen Heck.

Die ZDF-Doku hat sich viel vorgenommen für nur 40 Minuten Sendezeit: Sie will den steilen Aufstieg des Online-Händlers erklären, Missstände bei den Arbeitsbedingungen in den Logistikzentren aufdecken und den smarten Sprachassistenten Alexa als fiese Wanze anprangern. Kurz vorweg: Aus diesem Drehbuch könnte man eine eigene Amazon-Trilogie machen. Alles kann der Film nicht untersuchen, aber dennoch bekommt wohl der ein oder andere Amazon-Fan ein mulmiges Gefühl. Wer sich selbst ein Bild machen möchte, kann sich die Dokumentation in der ZDF-Mediathek anschauen.

Amazon-Doku: Zwei Familien auf Entzug

Protagonisten des Films sind zwei Familien, die vier Wochen auf alle Amazon-Dienste verzichten. Sandra und Alessandro Pülz wohnen in Berlin und werden von den Filmemachern als „Amazon Heavy User“ beschrieben. Sie haben einen Echo Dot in ihrer Küche und bestellen so ziemlich alles über den Online-Händler. Natürlich sind sie Amazon-Prime-Kunden, genau wie Familie Grieger aus dem Dorf Windeck-Au. Für die Reportage müssen sich beide Familien aus ihrem Amazon-Konto ausloggen, Alexa ausschalten und einen Monat auch auf den Streamingdienst Amazon Video verzichten.

Im Videotagebuch berichten sie über ihre Erlebnisse. Vor allem der smarte Lautsprecher Echo wird schnell vermisst. Den untersucht in dieser Zeit IT-Experte Mike Morgenstern und stellt fest: Die Datenverbindung zu Amazons Servern wird erst gestartet, wenn das Aktivierungswort Alexa genannt wird. Hier gibt der Experte also Entwarnung. Die Mikrofone sind allerdings ständig aktiv, sonst könnte der Lautsprecher nicht auf unsere Sprache reagieren.

Soweit, so gut und für alle technikinteressierten Menschen auch nichts Neues.

Wie schlimm ist Alexa wirklich?

Der große Moment der Doku kommt erst ganz am Ende: Geschockt sitzt das Ehepaar Pülz aus Berlin am Esstisch und hört sich über das Smartphone ihre eigenen Sprachkommandos an, die sie vor Wochen an Alexa gestellt hatten. In der Alexa-App lassen sich alle Befehle noch einmal anhören. Bei einigen Aufnahmen hatte der Lautsprecher wohl versehentlich das Aktivierungswort verstanden. Zu hören ist dann kein eindeutiger Befehl, sondern Hintergrundgeräusche aus der Wohnung der Familie. Dass auf Amazons Servern sämtliche Spracheingaben der Familie dauerhaft gespeichert werden, dass sei ihr nicht bewusst gewesen, sagt Sandra Pülz. „Privates möchte ich in Zukunft lieber nicht in der Küche besprechen“ gibt sie zu.

Welche Tricks man beim Einkaufen auf Amazon kennen sollte, zeigen wir in unserer Bilderstrecke:

Bilderstrecke starten
19 Bilder
Einkaufen bei Amazon: Diese 18 Tricks muss jeder kennen.

Wer in dieser Doku das erste Mal von Alexa hört, wird sich die Sprachassistentin sicher nicht ins Haus stellen. Die Möglichkeit, Sprachdateien anhören zu können, ist aber keine besondere Entdeckung des ZDF. Der Hersteller des Geräts geht nämlich offen damit um: „Alle Sprachbefehle werden auf Amazon-Server abgelegt und in anonymisierter Form zur Verbesserung der Sprachassistentin eingesetzt“, schreibt Amazon auf seiner Seite. Die Sprachaufnahmen lassen sich über die Alexa-App auf dem Smartphone aber einzeln und auch komplett löschen. Laut Amazon kann das Löschen jedoch das „Alexa-Erlebnis abwerten“, sprich: Die Funktion verschlechtern.

Fazit zu Alexa: Sie hört immer zu, nimmt aber nicht alles auf. Am Ende muss jeder selbst entscheiden, ob ihm die Funktionen von Alexa das Wert sind. Niemand muss sich einen smarten Lautsprecher in sein Zuhause stellen, wenn er dem Hersteller nicht über den Weg traut. Die Sprachassistenten werden aber nicht wieder verschwinden, sondern in Zukunft immer wichtiger werden.

Diese Daten sammelt Amazon

Die Kritik am Echo-Lautsprecher schafft es nicht, uns zu überzeugen. Der Vorschlag eines Experten, ein Schild im Wohnzimmer aufzustellen, das auf Alexa und die „Audioüberwachung“ hinweist, klingt auch sehr übertrieben. Durch den leuchtenden Ring ist immer zu erkennen, wann der Lautsprecher aktiv ist und wann nicht.

Stark ist dagegen der Auftritt des deutschen Informatikers Andreas Weigend, der zwischen 2002 und 2004 Chefwissenschaftler bei Amazon war. Er erklärt im Film, welche Daten Amazon schon vor mehr als 10 Jahren sammelte – weit vor Alexa und dem ersten Smartphone. Er erklärt, dass überprüft wird, welche Kreditkarte benutzt wird, wie weit der nächste Supermarkt von der Wohnadresse entfernt ist und nach welchen Produkt-Kategorien gesucht wird. All das erfasste Amazon lange vor smarten Sprachassistenten. Heute nutzen viele andere Online-Shops ebenfalls diese Methoden – vielleicht nicht immer so ausgeklügelt.

„Ich habe immer wieder gesehen, dass Amazon den Menschen besser kennt, als er sich selbst“, sagt Weigend heute. Es lässt sich nur erahnen, wie gewaltig der Datenschatz ist, den Amazon im Jahr 2017 verwaltet – egal ob Alexa zuhause steht oder nicht. Wer sich davor fürchtet, sollte sofort das Internet löschen, sein Smartphone zerstören und zurück in die Digitale-Steinzeit gehen, denn Weigend sagt: „Die Kontrolle über die eigenen Daten zu bekommen, das ist eine Illusion. Was wir fordern sollten, ist zu verstehen, was mit unseren Daten passiert.“ Gelbe Warnschilder im Wohnzimmer aufzustellen gehört aber nicht dazu.

Quelle: ZDF

Zu den Kommentaren

Kommentare zu dieser News

* gesponsorter Link