Spotify und Apple Music: Mehr Abwechslung, aber weniger Vielfalt

Stefan Bubeck 2

Früher habe ich CDs gesammelt und Mixes auf Minidisc erstellt, heute mach ich das alles online und per App. War Musikhören vor 25 Jahren einfach nur umständlich und eingeschränkt? Ein paar Gedanken zu Spotify, Apple Music und Co. – diesmal ganz ohne Technik.

Eigentlich bin ich Apple-Music-Nutzer. Aber nachdem ich mich immer wieder über das Chaos dort aufgeregt habe und nur Gutes über Spotify gehört habe, teste ich aktuell auch diesen Dienst, um der Sache auf den Grund zu gehen. Um einen technischen Vergleich der beiden Konkurrenten soll es an dieser Stelle nicht gehen – ich kann nur in einem Satz zusammenfassen, dass Spotify für mich nicht bedeutend besser ist als Apple Music. To be discussed.

Wandel durch Musik-Streaming: Zwei Thesen zur Veränderung

Ich habe beim Musikhören festgestellt, dass beide Dienste sehr ähnlich funktionieren und das sie zu einer neuen Art des Konsums führen. In den 90er-Jahren habe ich mein Hobby Nr. 1 noch ganz anders gelebt. Aber wo genau liegt der Unterschied und war früher alles besser?

Allgemein lässt sich festhalten, dass Musikstreaming-Dienste unsere Hörgewohnheiten verändern. Sogar die Musik selbst passt sich diesen veränderten Bedingungen an: Die neuen Songs werden mittlerweile speziell für Spotify optimiert, möglichst viel Hit-Potential wird dabei von den Produzenten in die ersten 30 Sekunden gepackt. Mehr dazu findet ihr bei meinem Lesetipp, unten in den Quellenangaben.

Zurück zum Wandel beim Nutzer. Ich denke, die Veränderungen lassen sich mit zwei Thesen umreißen:

1. Die Abwechslung ist unendlich

Kein Mensch könnte alle verfügbaren Songs bei den großen Musik-Streaming-Diensten jemals anhören – es sind praktisch unendlich viele. Zusätzlich helfen schlaue Algorithmen dabei, dass man einen niemals versiegenden Strom neuer Songs hört, die zum eigenen Musikgeschmack passen. Überspitzt formuliert: Man muss theoretisch kein Lied zweimal anhören, denn es gibt noch so viele andere, die genau so toll sind.

Genau das ist das Problem.

2. Die Vielfalt ist gehemmt

Im Jahr 1997, als dieses Internet noch nicht die Welt beherrschte, da waren ein paar Dinge noch anders. Beim Musikhören war die Auswahl deutlich kleiner. Da gab es abgesehen vom Radio und Viva + MTV vor allem die eigene CD-Sammlung und die CDs (bzw. Schallplatten, Kassetten und Minidiscs) der Freunde. So hatte ich einen im Vergleich zu heute kleineren „Bewegungsradius“ mit stets verfügbarer Musik. Ich habe deshalb so manches Album sehr oft angehört, sogar wenn ich es beim ersten Mal vielleicht nicht so toll fand. Überhaupt: Ich habe Alben angehört und keine Playlists. Heute muss sich aufgrund unendlicher Abwechslung und Auswahl niemand mehr ein Album am Stück antun oder gar einen Song anhören, der nicht innerhalb der ersten Minute rockt.

Dadurch entsteht ein neues Problem – und das hat etwas mit dem Wesen von Musik an sich zu tun: Manchmal braucht es schlichtweg Zeit und Geduld, um sie zu spüren, sie zu begreifen und am Schluss lieb zu gewinnen. Mit endlosen Reihen von „Songs, die dir gefallen könnten“ entdeckt man sicherlich spannende neue Sachen – aber nur die, die sofort Anklang beim Hörer finden. Der „schwierige“ Rest wird weggeskippt. Damit geht ein Teil der möglichen Vielfalt verloren.

 

Musik, das unentdeckte Land

So manche Entdeckungsreise in meiner Jugend war alles andere als leichte Kost: Werke wie „“ von Miles Davis oder „“ von Aphex Twin sind sperrig – sie erfordern die Bereitschaft des Hörers, sich an den Sound anzupassen und nicht umgekehrt. Das gilt auch für großartige Alben aus den Bereichen Rock, Klassik, Reggae, Punk … manchmal zündet der Funken erst nach dem zehnten Mal Anhören.

Wir leben in einer On-Demand-Gesellschaft und haben in jeder Hinsicht mehr Auswahl als vor der Digitalisierung der Medien. Das gilt nicht nur für Musik, sondern auch für Filme, Serien, Videospiele – was nicht sofort in den Bann reißt, bekommt keine zweite Chance. Dabei entgeht uns so manches Meisterwerk, das alles andere überflügelt. Breaking Bad braucht ein paar Folgen Anlaufzeit – ganz alleine findet man das vielleicht gar nicht heraus, weil man einfach was anderes anschaut.

Alles ganz schlimm heute? Nein, wir leben in einer grandiosen Zeit und Musik-Streaming empfinde ich als klaren Komfortgewinn. Ich möchte trotzdem an die jüngere Generation plädieren: Hört euch auch mal was „vom anderen Ufer“ an und zwar nicht nur die ersten 30 Sekunden eines Songs. Spotify weiß vielleicht, was dir jetzt gefällt – aber nicht, was langfristig deinen Horizont erweitern könnte. Als Wu-Tang-Hörer konnte ich damals nichts mit Nirvanas „Nevermind“ anfangen – aber wenn der Kumpel nix anderes hört und auch nix anderes da hat, dann lernt man Grunge eben auf die harte Tour kennen. Das war rückblickend ein wichtiges Erlebnis.

Quelle/Lesetipp: „30 Sekunden, die den Pop verändern“ in der Süddeutschen Zeitung

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