Datenschutz und Privatsphäre – wozu eigentlich?

Stefan Bubeck 2

Privatsphäre ist irgendwie „wichtig“. Wenn man sie nicht hat, dann fühlt sich das „unangenehm“ an. Aber warum ist das so? Ein paar Gedanken zum Datenschutz und was dahinterstecken könnte.

Datenschutz und Privatsphäre – wozu eigentlich?
Bildquelle: Getty Images / gorodenkoff.

„Privatsphäre ist ein notorisch unscharfes Konzept“ erklärt die Wissenschaft und will uns damit sagen, dass man über den Begriff diskutieren muss, um ihn zu begreifen. Wenn jemand von Privatsphäre im Zusammenhang mit Neuland dem Internet spricht, dann fällt meist auch noch ein weiterer Begriff: Datenschutz. Auch hier handelt es sich um eine Art Baustelle, die nie fertig wird. Aber so ist das nun mal mit abstrakten Begriffen – sie sind schwer zu fassen, aber sehr wichtig. Ohne sie wären wir wieder in der Steinzeit, wo mit Keulen statt Argumenten verhandelt wurde.

Datenschutz und Privatsphäre: Wissen ist Macht

Aber: Ist euch schon mal aufgefallen, dass das Wort „Datenschutz“ in Diskussionen verwendet wird, als wäre damit alles geklärt? Firmen werben mit „Privatsphäre“, Politiker sprechen auch davon – nur selten wird jedoch erläutert, wozu das gut sein soll. Selbst kritische Journalisten, die in Tageszeitungen große IT-Konzerne anprangern, steigen kaum tiefer ein. Manchmal wird ergänzt, dass es sich um ein „unangenehmes Gefühl“ handle, wenn eifrig Daten über Nutzer gesammelt werden. Das ist aber kein Argument, das ist höchstens eine Befindlichkeit.

So bin ich auf der Suche nach einer belastbaren Aussage auf einen weiteren Begriff gestoßen, nämlich „Macht“. Das ist es nämlich, worum es bei der Debatte (verdeckt unter vielen Schichten) tatsächlich geht. Das gelegentlich genannte „unangenehme Gefühl“ ist nämlich nur das Ergebnis einer Situation, die uns mehr oder weniger bewusst ist: Jemand anderes hat die Kontrolle übernommen.

Wie ist das genau zu verstehen? Nun, jeder kennt den Spruch „Wissen ist Macht“. Diese Weisheit passt auch hier – vor allem, wenn man sie etwas erweitert: „Wissen über eine Person ist Macht über diese Person.“ Aus diesem Grund studieren Schachspieler im Vorfeld die Strategien des nächsten Gegners. Aus diesem Grund finden im Fußball geheime Trainings unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Aus diesem Grund sind Einsatzkräfte bei Spezialeinheiten mit Sturmmasken vermummt. Je mehr Informationen der jeweiligen Gegenseite bekannt sind, desto eher entsteht ein Nachteil oder sogar eine Gefahr.

Wenn also IT-Konzerne, Social-Media-Plattformen und Onlinehändler fleißig unsere personenbezogenen Daten aufsaugen, gewinnen sie eine Menge Wissen über uns. Dieses Wissen wird glücklicherweise in erster Linie dafür verwendet, uns personalisierte Werbung einzublenden oder ein ganz tolles Angebot per E-Mail zuzusenden. Trotzdem handelt es sich hierbei auch um Macht im wahrsten Sinne des Wortes: Die Plattformbetreiber wissen so viel über uns, dass sie unsere nächsten Schritte voraussagen können. Anders formuliert: Wenn du dir einen Schwangerschaftstest im Onlineshop bestellst und dort einige Wochen später Baby-Betten anschaust, dann kann man dir schon mal das Windel-Abo andrehen. Du musst gar nicht erst Bescheid sagen – es ist doch klar, was bei dir läuft.

Müssen die das?

Richtig unangenehm (im Sinne von gefährlich) wird es, wenn personenbezogene Daten in die falschen Hände geraten. Man denke an den investigativen Journalisten, dessen Informant plötzlich „verschwunden“ ist (Ja, der ist jetzt wahrscheinlich tot). Man denke an Staaten, die ihre Bürger systematisch belauschen und beim leisesten Verdacht wegen „falscher“ Meinungen verhaften.

Zugegeben: Von der Standortfreigabe in der Shopping-App zum dystopischen Horror-Szenario à la Black Mirror ist es ein großer gedanklicher Sprung. Trotzdem muss jedem klar sein: Damit Daten missbraucht werden können, müssen sie zunächst mal entstehen und erfasst werden. Umgekehrt: Wo nichts vorliegt, kann nichts daraus gemacht werden. Diese Erkenntnis bringt den 6,8 Millionen Facebook-Nutzern leider nichts mehr, deren private Fotos kürzlich entfleucht sind.

Damit sind wir bei den entscheidenden Fragen angekommen: Sammeln IT-Konzerne unsere Daten, weil sie es dringend müssen? Oder sammeln sie Daten einfach nur, weil sie es können? Wo ist da die Grenze? Und wer von uns hat das überhaupt noch im Blick?

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Das Internet ist ein Labor

„Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Alles, was Menschen sagen oder denken, wird gesendet, analysiert, gespeichert. Würden die Menschen aus Furcht vor Konsequenzen aufhören, ihre Meinung zu sagen?“ – so Apple-CEO Tim Cook im aktuellen Interview mit dem Magazin Focus.

Weil das an Fragen alles noch nicht reicht, hier noch eine rhetorische Frage hinterher: Mal angenommen, das aktuelle Internet der Plattformökonomie wäre ein Labor – wer wäre dann die Ratte und wer der Wissenschaftler mit dem Notizblock? Ich denke, die Antwort darauf kennen wir alle.

Mein Appell: Wir müssen intensiver darüber nachdenken, ob wir das gut finden. Letzten Endes geht es um Macht über Menschen – und davon sollte niemand zu viel haben, oder?

Anmerkung: Die in diesem Artikel ausgedrückten Ansichten und Meinungen sind die des Autors und stellen nicht zwingend den Standpunkt der GIGA-Redaktion dar.

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