Aktuell mangelt es nicht an Gründen, Angst vor der Zukunft zu haben: Putins Krieg in der Ukraine bedroht die globale Sicherheit und treibt weltweit die Preise für Strom, Benzin und Lebensmittel in die Höhe. Die Klimakatastrophe lässt sich kaum mehr abwenden, dazu die Pandemie und gesellschaftliche Spaltungen. Aber nur, weil aktuell vieles im Argen liegt, muss die Zukunft nicht automatisch düster aussehen.

Ein Gastbeitrag von Kai Gondlach

Woher kommt die Zukunftsangst?

„Die Menschheit ist dem Untergang geweiht“ – dieser Aussage stimmten laut einer internationalen Studie 56 Prozent der 10.000 Befragten im Alter von 16 bis 25 Jahren zu (Quellen: University of Bath, ZDF Heute).

Aber warum haben wir Angst vor der Zukunft? Und warum glauben so viele Menschen, dass so viele andere Menschen Zukunftsangst hätten?

Erstens: Die selbsterfüllende Prophezeiung
Es gibt zahlreiche Studien wie die der University of Bath, die dies behaupten. Paradoxerweise geht es zumindest uns im Westen besser denn je, zum Beispiel dank staatlicher Kranken-, Renten- oder Altersversicherungen. Gleichzeitig steigt aber auch die Anzahl der psychisch Erkrankten stetig an – Depressionen und Burnout sind nur einige Beispiele. Meine These: Die Angst vor der Zukunft ist zwar real, aber unnötig. Dazu kommen wir später noch.

Zweitens: Der Drama-Filter
Es ist inzwischen gut erforscht, wie die Informationsflut in klassischen und sogenannten sozialen Medien das menschliche Gehirn überfordert. Zusammengefasst hat unser Hirn in den letzten rund 300.000 Jahren leider nicht gelernt, den „Drama Filter“ auszuschalten, wie es die Gapminder Foundation nennt.

Das Gehirn kann schwer unterscheiden zwischen akut lebensbedrohlichen Informationen und Meldungen im Internet oder einem Krimi. Und das Gemeine ist, dass es auf diesen ganzen Terror steht. Wir sind Dopamin-Junkies, die immer nach neuen Reizen lechzen. Das befriedigt unser Hirn ähnlich wie Zucker oder ein Orgasmus. Aber auf Dauer wird es krank, wenn es nicht mehr zur Ruhe kommt.

Über den Gastautor
Kai Gondlach studierte Soziologie, Politik-/Verwaltungswissenschaft und Zukunftsforschung. Er ist selbstständiger Autor, Keynote Speaker, Podcast-Host und Geschäftsführer der Leipziger PROFORE Gesellschaft für Zukunft mbH, einem jungen Institut für Zukunftsforschung und Strategieberatung. Als Mitglied der akademischen Zukunftsforschung arbeitet er im Umfeld der UNESCO und dem Club of Rome an der Umsetzung wichtiger Zukunftsthemen.

Sind wir dem Untergang geweiht?

Die Studie aus Bath und ähnliche zeichnen düstere Bilder unserer kollektiven mentalen Gesundheit. Doch ich wollte ein präziseres Bild haben und habe deshalb im Sommer 2022 eine eigene Umfrage gestartet. Aus der Sozialwissenschaft wissen wir, wie entscheidend das Umfragedesign für die Qualität der Ergebnisse ist. Also fragte ich ganz offen und auf qualitative Art: In Bezug auf welche Fragen sind die Menschen ängstlich? Und wie entkommen wir der Zukunftsangst? Dabei fand ich erstaunliche Dinge heraus.

  1. Die wenigsten Befragten sind tatsächlich ängstlich und wenn, dann fast ausschließlich in Bezug auf die Gesellschaft.
  2. Dort, wo die Befragten die größten Gestaltungsräume haben, sind sie durchschnittlich erheblich zuversichtlicher: Die Mehrheit der Menschen, die an meiner Umfrage teilgenommen haben, sind eher oder sehr zuversichtlich in Bezug auf ihre private und berufliche Situation. Das stimmt doch schon etwas optimistischer.
  3. Schließlich stellte ich noch Fragen zu konkreten Veränderungsvorschlägen und siehe da: Politik, Gesellschaft und Wirtschaft sind gleichermaßen gefragt. Konkrete Vorschläge umfassten unter anderem die Einführung einer Gemeinwohl- oder Kreislaufwirtschaft, stärkere Nutzung künstlicher Intelligenz, um menschliche Schwächen zu kompensieren, sowie ein bedingungsloses Grundeinkommen.

 

Das Metaverse gilt als eine der größten und umstrittensten Zukunftsideen. Was das Metaverse fürs Gaming bedeutet, erklären wir euch im folgenden Video:

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Wie kommen wir zu positiven Zukunftsbildern?

Wir leben in einer Zeit, die geprägt ist von immer komplexer werdenden technischen Innovationen (zum Beispiel KI-Systeme oder die Blockchain). Was uns fehlt, ist eine verbindende Gesellschaftsvision oder Mission – selbst, wenn sie nur auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner fußen: friedlich auf diesem Planeten zu leben.

Aus der Zukunftsforschung kennen wir die bestätigte Wirkung positiver Zukunftsbilder. Doch wann habt ihr das letzte Mal schöne Zukunftsbilder in den Nachrichten gesehen? Ich kann mich nicht daran erinnern. Nicht ohne Grund habe ich die Überschrift dieses Beitrags negativ gewählt, denn das erweckt sechsmal mehr Aufmerksamkeit als eine positive Headline.

Natürlich müssen wir auch weiter über Klimakrise, Demokratieverdruss und Wohlstandsschere sprechen. Veränderungswille erzeugen wir aber nicht durch noch mehr Weltuntergangsstimmung oder Populismus, sondern durch konkrete und positive Zielbilder, die uns Auswege aus den Krisen der Zeit bieten.

Mit etwas Abstand zu negativen Schlagzeilen wird die Zukunftsangst schnell ins Bild gerückt. Sie verschwindet nicht, aber sie wird relativiert und der eigene Gestaltungswille erlebt eine Wiedergeburt. Ein erstaunlich einfacher Trick, um nicht wahnsinnig zu werden. Wenn schon nicht zum Wohl der Allgemeinheit, dann doch wenigstens für euch selbst oder eure Familien und Freunde.

Also lasst uns wieder mehr über eine gute Zukunft sprechen! Was wäre, wenn die Inflation früher als erwartet sinkt? Was wäre, wenn wir die Klimakrise doch in den Griff bekommen? Was wäre, wenn künstliche Intelligenz mehr Chancen als Risiken mit sich bringt?

Ich blicke mit Zuversicht in die Zukunft und lade euch ein, das auch zu tun.