Metal Gear Solid 5 - The Phantom Pain Test: Hat sich Kojima übernommen?

Martin Küpper 7

Metal Gear Solid 5: The Phantom Pain ist angekommen - doch so ganz konnte ich das Umfangsmonster noch nicht bezwingen. Massig Spielzeit, riesige Gebiete und der Aufbau der eigenen Privatarmee kosten seine Zeit – und werfen die Frage auf: Hat sich Kojima mit dem neuen Metal Gear am Ende übernommen? Eine erste Antwort darauf liefere ich in meinem Test zu einem der wichtigsten Spiele des Jahres.

Metal Gear Solid 5 - The Phantom Pain Test: Hat sich Kojima übernommen?
MGS 5 - The Phantom Pain: Launch-Trailer.

An dieser Stelle sollte eigentlich der Testbericht zu Metal Gear Solid 5: The Phantom Pain beginnen, doch Konamis Blockbuster ist eine Wucht, die mich mit ihrem enormen Umfang etwas erschlagen hat. Ich habe die Tage seit Release zwar wie gebannt vor dem Fernseher verbracht und mich nur für Grundbedürfnisse wie Essen oder Schlafen widerwillig von Snakes Abenteuer losgerissen, doch das Ende ist trotzdem noch lange nicht in Sicht. Aus diesem Grund bekommt ihr an dieser Stelle einen Ersteindruck geboten, den ich nach dem Durchspielen um Fazit und finale Wertung vervollständigen werde.

Zu viel des Guten?

Damit dürfte eines bereits klar sein: The Phantom Pain bietet euch weitaus mehr Umfang und Spielzeit, als bisherige Ableger der Metal-Gear-Reihe. Mehr – das klingt im ersten Moment immer positiv. Gerade in letzter Zeit habe ich jedoch auch vermehrt Spiele gespielt, die für meinen Geschmack einfach zu viel bieten wollten. Spiele, in denen ich mich aufgrund des gewaltigen Umfangs verloren habe oder bei denen mir im Laufe der langen Spielzeit die Lust verging. Weniger ist manchmal eben wirklich mehr – und Kompaktheit ist eine Tugend, die ich bei Spielen hin und wieder vermisse.

Metal Gear Solid V tut alles dafür, um in diesem Zusammenhang als Paradebeispiel zu dienen. Das Spiel schickt euch in weitläufige Gebiete, die der Bezeichnung „Open World“ mehr als gerecht werden. Ich habe nun schon etliche Stunden in Afghanistan und Afrika verbracht und hin und wieder gingen mir die langen Wege, trotz üppig verteilter Helikopter-Drop-Points, durchaus auf die Nerven.

Zusätzlich müsst ihr mit Snake noch eine Privatarmee und eine Basis aufbauen. Dafür gilt es nicht nur Ressourcen zu sammeln oder gegnerische Soldaten anzuheuern, es wartet auch eine Menge Verwaltungsarbeit auf euch. Wie verteilt ihr die Arbeitskräfte auf die unterschiedlichen Abteilungen? Wie erweitert ihr die Basis? Auf welche Missionen schickt ihr eure Streitkräfte?

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Das klingt komplizierter als es tatsächlich ist, es kostet aber dennoch seine Zeit, sich damit zu beschäftigen. Und das ist eben auch nicht bloß eine optionale Nebenaufgabe, sondern ein zentrales Element, das eng mit dem Rest des Spiels verzahnt ist. Wer neue Waffen oder Upgrades haben möchte, muss dafür die unterschiedlichen Bereiche der Armee auf ein bestimmtes Level bekommen und teilweise sogar bestimmte Experten anheuern. Und ganz ohne bessere Waffen und Gadgets können bestimmte Missionen eine verdammt harte Nuss werden, die euch förmlich zur Verzweiflung treibt!

Enttäuschende Story? Vielleicht.

Der wirkliche Knackpunkt ist jedoch, dass die Story in der gewaltigen Spielzeit etwas zu kurz kommt – dabei war die doch immer die große Stärke der Reihe. Kojima ist ein Meister seines Faches, der es stets verstand, interessante und unterhaltsame Charaktere und Dialoge zuschreiben, die er in packenden Handlungssträngen gekonnt von einer Wendung zur nächsten führte. Lange Zwischensequenzen, die in anderen Spielen tendenziell eher stören, waren das Highlight seiner Spiele, in denen Kojima mit seinem cineastischen Verständnis und Stilgefühl all seine Brillanz zeigte.

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Der Anfang von Metal Gear Solid V wird dem in jeder Sekunde gerecht. Selten konnte mich ein Spiel direkt derart intensiv ins Geschehen ziehen. Doch dann…?

Sobald das grundlegende Setting etabliert ist, wird die Handlung zurückgefahren. Es ist das typische Serien-Problem, wenn nach einer starken ersten Folge plötzlich das Tempo abhanden kommt und einfach nicht mehr sonderlich viel passiert. Und so begab ich mich von Mission zu Mission, stets in der Hoffnung, dass die Story wieder Fahrt aufnehmen würde.

Hin und wieder geschah etwas Nennenswertes und in diesen Momenten blitzt die Qualität, mit all den eben beschreibenden Tugenden, schlagartig wieder auf. Doch bislang blieb es stets bei kleinen Happen, die mich hungrig auf mehr zurück ließen. Früher musste man nicht lange warten, bis dieser Hunger mit der nächsten Offenbarung oder Wendung gestillt wurde. In The Phantom Pain können jedoch schon mal Stunden und mehrere Missionen ins Land ziehen, ohne dass sich die Story wirklich weiter entwickelt hätte. Alles fühlt sich so an, als hätte Kojima eine Story für ein 10-15 Stunden langes Spiel geschrieben und sie dann auf die deutlich längere Spielzeit verteilt.

Überwältigende Brillanz!

Fällt Metal Gear Solid 5 seiner eigenen Spielzeit, seinem Umfang und seiner Komplexität also schlussendlich zum Opfer? Ist The Phantom Pain tatsächlich das Paradebeispiel für aufgeblasene Umfangsmonster, deren Entwickler einfach zu viel im Spiel unterbringen wollten? Nein.

Als Fan der Reihe kommt die Enttäuschung über die ausbleibende Entwicklung der Handlung bis zu diesem Zeitpunkt zwar immer wieder mal hoch, doch diese Momente werden von meiner schieren Begeisterung über die Qualität dieses Spiels bislang schlichtweg erstickt. Jetzt beim Schreiben dieser Zeilen überkommt es mich wieder. Meine Finger möchten darauf los tippen: Alter, ist dieses Spiel gut! Und eigentlich müsste ich diese Worte noch komplett in Großbuchstaben schreiben, fett markieren und mit mindestens drei Ausrufezeichen deutlich machen, dass ich diesen Ausruf aus tiefster Freude und Überzeugung in die Welt posaunen möchte.

Je länger ich dieses Spiel spiele, desto überzeugter bin ich davon, dass Metal Gear Solid 5 Stealth-Action perfektioniert. Das beginnt bei der präzisen und eingängigen Steuerung und dem cleveren Missions-Design. Der Großteil der Missionen ist schon für sich genommen äußerst gut durchdacht und fordernd gestaltet. Die schiere Optionsvielfalt ist dabei jedoch die größte Stärke: es gibt nicht bloß eine einzige Herangehensweise, sondern viele mögliche Lösungsansätze, die man teils gar nicht für möglich halten würde.

An dieser Stelle kommen wir auf die offene Spielwelt zurück, deren Vorzüge hier besonders deutlich werden. Der große Vorteil dieser offenen Welt sollte es schließlich sein, die Limitierungen enger Levelbegrenzungen zu überwinden. Und genau das macht The Phantom Pain derart konsequent, dass die größte Limitierung tatsächlich die Fantasie des Spielers darstellt. Somit reizt das Spiel vortrefflich damit, unterschiedliche Wege auszuprobieren, die Funktionen seiner Gadgets auszutesten und allgemein mit den Möglichkeiten zu experimentieren. Und siehe da: man kann einen Sniper tatsächlich dadurch ausschalten, dass man ihm eine Box mit Waffen mittels Luftunterstützung auf den Kopf fallen lässt.

Und auch der Aufbau der Privatarmee passt ins Gesamtbild. Wer immer neues Spielzeug ausprobieren möchte, muss dieses ja schließlich erst entwickeln lassen und benötigt dafür eine entsprechend gut aufgestellte Basis und Armee. Das motiviert wiederum, den Wachstum gezielt anzutreiben, die Spielwelt zu erkunden, Ressourcen zu suchen, Soldaten mit guten Statuswerten anzuwerben und die Armee schließlich gut zu führen. Und da sich das alles trotz der Komplexität unkompliziert gestaltet, entwickelt man hierfür schnell einen Ehrgeiz, der in purem Sammelwahn enden kann. Das macht auch das Anwerben eines Elitesoldaten zu einem gewaltigen Erfolgserlebnis.

So heuert ihr Kojima selbst für eure Armee an!

Mein erster Eindruck zu Metal Gear Solid 5: The Phantom Pain

Ich könnte jetzt noch Stunden weiter erzählen – aber bringen wir es auf den Punkt: Alles in diesem Spiel ergibt Sinn, wirkt stimmig und greift präzise ineinander wie die Zahnräder einer Schweizer Taschenuhr. Als Gesamtwerk macht Metal Gear Solid 5 gerade in Anbetracht des gewaltigen Umfangs erschreckend viel verdammt richtig. Da fallen die kurzen Momente des Leerlaufs auf dem Weg von A nach B nicht wirklich ins Gewicht und auch meine weiteren „Problemchen“ wirken im Gesamtbild herrlich irrelevant.

Bis hierhin ist Metal Gear Solid 5 auf dem besten Weg, mein Spiel des Jahres zu werden. Doch es bleibt natürlich die Frage, ob sich diese Brillanz auch über die gesamte Spielzeit trägt und das Erlebnis am Ende nicht doch etwas verwässert und gestreckt wirkt. Ich hoffe außerdem immer noch darauf, dass die Story noch in Fahrt kommt und es nicht bis zum Ende bei den kurzen Handlungs-Häppchen bleibt. Wie gut die Geschichte endet, werde ich euch in den kommenden Tagen an dieser Stelle ergänzen. Dann werdet ihr hier auch meine finale Wertung finden.

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