Gut sein in Red Dead Redemption 2 heißt trotzdem, böse zu sein

Marina Hänsel

Der gute alte Western-Held steckt in uns allen – nimm‘ von den Reichen, gib den Armen und setze dich als Outlaw für die Gerechtigkeit ein! Denn die schwachen Stadtmenschen können sich nicht mehr wehren, und es braucht einen richtigen Cowboy, um dem Bösen Einhalt zu gebieten, richtig Arthur? Naja, wir sind eigentlich schon ein Haufen Mistkerle. Aber deine Gute-Menschen-Anzeige ist auf Maximum! Ich habe extra dafür gesorgt. Ich bin ein guter Outlaw. Da draußen gibt’s keine guten Outlaws, das kann ich dir versprechen. Du bist schneller tot als eine verdammte Schmeißfliege, wenn du daran glaubst. Oh… na dann. Wofür ist die Gut-oder-böse-Anzeige dann eigentlich gut?

Ein freundlicher Hinweis: Ich werde es so gut ich kann unterlassen, dich zu spoilern – was die Hauptstory oder Ausgänge von Nebenquests angeht, kannst du den Artikel getrost lesen. Solltest du jedoch nicht einmal wissen wollen, was genau da in Red Dead Redemption 2 eigentlich abgeht; solltest du das Spiel ganz allein für dich entdecken wollen – dann gehe lieber genau jetzt. , wenn du es noch nicht hast, es aber spielen möchtest. Du kannst immerhin später wiederkommen.

PS: Ich habe das Ende von Red Dead Redemption 2 noch nicht gespielt, und stelle hier nur Mutmaßungen an, wie das Ganze ausgehen wird. Diese deuten sich allerdings schon sehr früh im Spiel an. Wenn du dort bist, weißt du genau, wovon ich spreche.

Es gibt einige Dinge, die ich während unserer Reisen durch New Hanover, Ambarino und Lemoyre über Arthur gelernt habe. Einmal, dass ich ihn auf keinen Fall Artie nennen darf oder Art – du willst nicht wissen, wie er geschaut hat, als ich ihn Art rief. Nun.

Arthur ist jemand, den ich irgendwie nicht einschätzen kann. Was seltsam ist, da wir uns doch recht nahe standen – und ich fast das Gefühl hatte, er würde immer genau das tun, was ich für richtig hielt. Richtig. Denn ich wollte die richtigen Dinge tun; diejenigen, die mich auf der Gut-oder-Böse-Anzeige in den weißen Bereich schleudern. Das war gar nicht so schwer.

Sobald du dir die Temperatur sowie die Tages- oder Nachtzeit anzeigen lässt, siehst du unten exakt diesen Balken, der die erklärt, wie ehrenvoll du bist – also, wie gut du bist; und weiß steht natürlich für gute Cowboy-Punkte sowie rot für böse Cowboy-Punkte. Rettest du eine schreiende Frau, die geknebelt hinter einem mutmaßlich schlechten Menschen auf dem Pferd liegt, gibt es nette Punkte; tötest du sie und ihn gleich mit, gibt es böse Punkte. Tötest du Mitglieder des Ku Klux Klans, gibt es übrigens keine bösen Punkte, nur, falls dich das interessiert hat.

Stehlen, Morden und auf andere Art sadistisch sein – jemanden knebeln und hinter deinem Pferd herziehen etwa – ist an sich eher auf der dunklen Seite der Cowboy-Macht angesiedelt. Ein einfaches Prinzip, oder? So einfach, dass du dich recht schnell einer der beiden Endpunkte der Skala annähern kannst, wenn du es darauf anlegst. Bist du nett, hat das für dich zuweilen auch Vorteile: Du erhältst bessere Preise in den Läden und die Menschen rennen nicht schreiend weg, sobald sie dich sehen.

Es gibt nur eine Sache, die seltsam ist … kann Arthur Morgan denn überhaupt gut sein? Und wie charakterisiere ich einen Charakter, der stiehlt, mordet und arme Menschen bedroht, aber sein Geld gleichsam dem nächsten Bettler in die Hand drückt?

Two Face Morgan – Zwischen gut und böse

Irgendetwas ist ernsthaft verkehrt am Ehre-System in Red Dead Redemption 2. Ich kann nur den Finger nicht genau darauf legen, vielleicht … vielleicht … das hier?

Oder das hier?

Oder …

Das? Sollte es tatsächlich die Möglichkeit geben, gut zu sein, wenn Arthur während der Story und in etlichen Nebenquests nur brutal und unehrenhaft reagieren kann? Und ich rede gar nicht einmal davon, dass er Bänke oder Postkutschen ausraubt; sondern wie er es tut.

Es gibt eine Questreihe, in der du Schulden für deine Gang eintreiben musst – geliehenes Geld, das ein anderes Mitglied im Lager an jene gegeben hat, die entweder arm wie eine Kirchenmaus sind, krank oder andere Probleme haben. Es sind Quests, die du nicht erledigen musst.

Dennoch, und das ist das eigentliche Problem, gibt es oft keine Möglichkeit, in den Aufgaben nicht brutal zu werden. Du verprügelst Bauern und Menschen, die nicht einmal deine Sprache sprechen, du raubst sie aus und die reagierst mit Sätzen wie „Dann verkaufe mir deine Frau, deine Familie oder etwas anderes“, wenn sie dir erzählen, sie hätten kein Geld.

Ich mag es, böse in Spielen zu sein. Und es ist keineswegs etwas falsch daran, da wir in Red Dead Redemption 2 ohnehin einen Outlaw spielen; also jemanden, der andere ausraubt, ihnen wehtut oder sie umbringt. Was aber soll dieser Ehren-Barometer dann?

Manchmal darfst du in Spielen böse sein, und genießt es. Manchmal weißt du aber nicht einmal, dass du das eigentliche Monster in der Geschichte bist – und das ist besonders gemein:

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Spiele, in denen du in Wahrheit der Bösewicht bist.

Du wirst in Red Dead Redemption 2 nicht ehrenhaft sein; du kannst es gar nicht und wenn Arthur auf der einen Seite nett ist – da, wenn du es entscheiden kannst – und dann, keine Minute später, einen Bauern verprügelt, ist das inkonsistent. Und seltsam. Wer ist Arthur Morgan? Du selbst bist es nicht, denn der Outlaw hat sehr viel eher einen eigenen Charakter, als dass du ihm eine Stimme geben könntest.

Ist er ein Mistkerl, der anderen wehtut, damit es ihm besser geht? Ist er sadistisch? Oder ist er jemand, der so sehr zu seiner Gang gehört, dass er nicht anders kann, als mitzuziehen – selbst wenn es blutig wird? Tatsächlich interessant hieran ist, dass Arthur und einige der Gang-Mitglieder tatsächlich keine kompletten Mistkerle sind (andere sind es schon, oh ja).

Sie wollen nicht immer Blut vergießen. Oder Menschen ausrauben und gar umbringen; zumindest nicht diejenigen, die es nicht verdient haben. Natürlich machen sie es trotzdem. Charles Smith etwa ist ein gutes Beispiel für jenen ehrenvollen Western-Helden, der stets für die Gang da ist, aber ebenso konsequent gefährliche und unehrenhafte Missionen kritisiert. Er ist vielleicht der ehrenhafteste Van der Linde von allen. Und doch sind er wie auch die anderen zum Scheitern verurteilt.

Sie alle sind es. Denn während es fragwürdig ist, für was der Ehren-Meter eigentlich steht, deutet die Schere zwischen guter Cowboy und böser Cowboy doch effektiv an, mit wem wir uns gerade wo und wann befinden: Es ist das Jahr 1899 und die Outlaws sterben aus. Städte wachsen aus den trockenen Steinwüsten und Steppen von Red Deads Amerika, und der Westernheld existiert nicht nicht; hat wohl nie existiert.

Arthur sitzt gerade am Lagerfeuer und möchte dir ein paar unheimliche Geistergeschichten erzählen (er hat gesagt, ich solle es nicht Geistergeschichten nennen, aber ich tu’s trotzdem) – bist du dabei? Dann komm mit.

Es gibt keinen ehrenhaften Outlaw.

Das Leben als Van der Linde ist dreckig, brutal und von wenig Erfolg gekrönt – in der Hauptstory rennst du mit dem Gang-Anführer Dutch dem großen Coup entgegen, dem eigentlichen Western-Traum, doch ihr scheint einzig zu scheitern. Und warum? Weil die Zeit der großen Helden vorbei ist; weil Arthur und die anderen auch nur Menschen sind, alle mehr oder weniger gut und schlecht. Es ist beinahe, als würde Dutch an einen Western-Film der 80er Jahre glauben, an Clint Eastwood und The Wild Bunch. Natürlich kann das nicht gut gehen.

Das Scheitern des Outlaws. Das Scheitern der Western-Fantasie?

Ich frage mich, warum Rockstar uns nicht die Möglichkeit gegeben hat, tatsächlich ehrenhaft durch das Spiel zu gehen – als ein Outlaw, der vielleicht so gut im Herzen ist, dass er eigentlich nicht in diese Welt passt. Klingt ein bisschen kitschig, aber es würde dennoch mehr Sinn ergeben, als böse und gut gleichsam zu sein. Gescheitert wäre er trotzdem, denn über die realistische Prämisse im Spiel hinweg können Outlaws wie Van der Linde, Micah und auch oder gerade Arthur nicht mehr in dieser Welt funktionieren.

Ich muss zugeben, dass Rockstar Games hier ganz Arbeit geleistet haben: Einen Anti-Western-Western zu erschaffen, der sich alle Konstanten des Genres einverleibt und sie verdaut, bis nichts mehr übrig ist. Red Dead Redemption 2 ist eine Hommage an das Scheitern des Outlaws. Und sicherlich auch eine Erinnerung daran, dass jene Machtfantasien, die wir im Western-Helden in so einigen Filmen auslebten, nicht mehr existieren.

Während unsere Hauptfigur also daran scheitert, ein echter Outlaw, aber gleichsam auch ein Held zu sein – scheitern wir daran, ihn zu einem der beiden Personen zu machen.

Wusstest du, dass Red Dead Redemption 2 in Japan zensiert wurde? So sieht das aus:

Was bedeutet das also? Für mich bedeutet es, dass Red Dead Redemption 2 eine sehr traurige Geschichte erzählt – kein glorreiches Abenteuer im Wilden Westen, keine Machtfantasien, wie sie viele vielleicht erwartet haben. Es ist ein Theaterstück über den Tod des Westernhelden, gespielt von Figuren, die um ihr eigenes Schicksal nicht wissen. Rockstar schafft es damit, eine sehr reale Geschichte zu erzählen: Ein Leben zu leben, das nicht den eigenen Vorstellungen entspricht. Bis einem kurz vor dem Tod klar wird – ich war nie das, was ich sein wollte.

Wie gut kennst Du die Red-Dead-Reihe?

Rockstar Games hat endlich das heiß ersehnte Red Dead Redemption 2 angekündigt. Zeit für Dich, einen Blick auf die beiden ersten Ableger der „Red Dead“-Reihe zu werfen und herauszufinden, ob Du das Zeug zu einem wahren Revolverhelden hast!

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