Ghost Recon Breakpoint im Test: Loot-Enttäuschung statt Taktik-Hit

Alexander Gehlsdorf 6

Ghost Recon Wildlands hat das Taktik-Konzept der Reihe um eine Open World erweitert und war damit mehr oder weniger erfolgreich. Ghost Recon Breakpoint zückt jetzt den Holzhammer und versucht, die Reihe obendrein in einen Loot-Shooter zu verwandeln.

Ghost Recon Breakpoint im Test: Loot-Enttäuschung statt Taktik-Hit

Hand aufs Herz, Ghost Recon Wildlands war zwar gerade zum Start alles andere als ein rundes Paket, hat aber doch mehreren Millionen Spielern genau das gegeben, was sie haben wollten: Zugängliche und gleichzeitig herausfordernde Koop-Action, gewürzt mit einer gesunden Prise Taktik und einer Open World, die zu allerlei Dummheiten und Chaos einlädt.

Dass die Handlung des Spiels zu hochgerollten Fußnägeln einlud und die Regierung von Bolivien sich (zurecht) über die die rassistische und verdrehte Darstellung ihres Landes beschwerte, hat die meisten Spieler dabei offenbar nicht gestört. Zumindest über letzteres muss sich Ubisoft keine Gedanken mehr machen, schließlich setzt Ghost Recon Breakpoint auf ein fiktives Szenario rund um die Technologie-Utopie Aurora.

Service Games: Utopie oder Dystopie?

Auf der Inselgruppe Aurora hat sich der Visionär Jace Skell niedergelassen, um gemeinsam mit den besten Wissenschaftlern der Welt die Technologie von morgen zu entwickeln. Ein zweites Silicon Valley mitten im Pazifik, gefüllt mit Drohnen, Robotern, Smart Screens und futuristischen Wohngebäuden. Eigentlich ein einladender Anblick, wäre da nicht der Militärputsch von Sentinel, angeführt von Cole Walker (Jon Bernthal). Dieser hat Skells Drohnentechnologie erbeutet und in tödliche Waffen umfunktioniert.

Damit dem Schurken das Handwerk gelegt werden kann, rücken die Ghosts per Helikopter an, mittendrin dein eigener Charakter, Nomad. Aber natürlich kommt es, wie es kommen muss: Die Helikopter geraten unter Beschuss, stürzen ab und nur du verbleibst als vermeintlich einzige überlebende Person.

Sobald du jedoch Erewhon, die zentrale Basis des Spiels erreicht, bist du plötzlich von unzähligen Nomads umzingelt, die auch alle als einzige Person den Absturz überlebt haben. Schließlich befindest du dich jetzt im Social Hub, denn Ghost Recon Breakpoint ist ein waschechten Service Game mit allem drum und dran geworden, allen voran natürlich Loot. Beziehungsweise muss es heißen, Ghost Recon Breakpoint wäre gern zu einem waschechten Service Game geworden, denn die Mischung aus Taktik-Shooter und Lootboxen funktioniert nur mit dem Holzhammer. Da ist das Paradox aus letzter Überlebender und Social Hub nur die Spitze des Eisbergs.

Riesige Spielwelt, aber nichts zu entdecken

Erstmal das Positive, wird auch nicht lange dauern: Der Kern des Spiels ist natürlich noch immer das taktische Infiltrieren feindlicher Stützpunkte. Also per Drohne Gegner markieren, eine günstige Position wählen, mit dem schallgedämpften Scharfschützengewehr oder schleichend im Nahkampf nach und nach die Gegner ausschalten und sich so an das Missionsziel heranarbeiten. Am allermeisten Spaß macht das natürlich im Koop, wenn ein voller Squad aus vier Spielern sich auf die vier Charakterklassen verteilt und gegenseitig unterstützt.

Auch Ghost Recon Wildlands hat in dieser Form am meisten Spaß gemacht. Wer also bereits dort regelmäßig mit einer festen Freundesgruppe losgezogen ist, kann auf diese Weise auch in Breakpoint wieder Spaß haben.

Ein weiterer Bonus ist die wirklich wunderschöne Spielwelt Aurora, die aus acht unterschiedlichen Biomen besteht und so zumindest optisch eine Menge Abwechslung verspricht. Leider hat es Ubisoft es, wie in so vielen Spielen, auch in diesem Fall wieder nicht geschafft, diese gigantische Welt sinnvoll zu füllen – ein Problem, das mit jedem Spiel, dass eine noch größere Spielwelt als je zuvor bietet, umso gravierender wird.

Bilderstrecke starten
11 Bilder
10 Spiele, die keine Open-World gebraucht hätten.

Wer einen Blick auf die Weltkarte wirft, findet zwar eine prall gefüllte Map vor, allerdings verbirgt sich hinter den aller wenigsten Symbolen wirklich ein spielerischer Mehrwert. Stattdessen warten in den Hütten, Camps, Gebäuden und Unterschlüpfen in der Welt in den meisten Fällen lediglich Lootboxen auf dich, in denen Waffen, Handschuhe und sonstige Ausrüstungsgegenstände stecken, deren Zahlenwerte dann um 1 oder 2 höher ausfallen, als dein derzeitiges Gear. Da es jedoch auch im Verlauf der regulären Missionen regelmäßig neuen Loot regnet, gibt es praktisch nie einen Grund, die Spielwelt auf eigene Faust zu erkunden – und damit auch keinen Grund, überhaupt auf eine Open World zu setzen.

Kaputt gelootet

Allerdings führt das ständige Looten das Spielprinzip noch auf andere Art und Weise ab absurdum. Denn egal ob legendäre Scharfschützengewehr oder die Pistole aus dem Startgebiet: Gegner sterben ordnungsgemäß bei einem sauber platzierten Kopfschuss. Prinzipiell ist das super, schließlich muss sich ein Shooter, allen voran ein Taktik-Shooter, genauso spielen. Die Frage ist dann jedoch, wozu ich überhaupt nach besserer Bewaffnung die Augen aufhalten soll?

Des Rätsels Lösung sind die tödlichen Drohnen, die Sentinel dir auf den Hals hetzt. Bei eben jenen handelt es sich um die Genre-typischen Bullet Sponges, welche die den Loot-Shootern so inhärente Unlogik verdeutlichen: Je höher das Level, desto mehr Kugeln hält das (baugleiche) Modell aus. Wie in den meisten Loot-Shootern ergibt das wenig Sinn, zwingt dich letztlich aber eben doch dazu, die Welt nach immer stärkeren Waffen abzusuchen.

Die Drohnen verdeutlichen jedoch auch den Bruch zwischen Gameplay und Handlung, der unter anderem bereits in Far Cry 5 so störend war: Während die Geschichte des Spiels (zurecht) stets betont, wie schlimm die Vorstellung einer KI-gesteuerten Drohen ist, die selbständig jagt auf potentielle Übeltäter macht, verherrlicht das eigentliche Gameplay wiederum genau solche Methoden. Hier ein Upgrade für deine Drohe und da ein Skillpunkt für höhere Reichweite. Bitte, danke. Eine Drohne, die selbstständig Ziele markiert und idealerweise sogar ausschaltet? Klingt perfekt, wann bekomme ich die endlich?

Auch technisch bekleckert sich Ghost Recon Breakpoint in der aktuellen Version nicht mit Ruhm. Zwar sieht Aurora im Idealfall bildschön aus, jedoch wird dieses Erlebnis immer häufiger durch fehlende Waffenmodelle, spät ladende Texturen, schwammige Controls und fehlerhafte Sprachausgabe getrübt.

Mein Test-Fazit zu Ghost Recon Breakpoint

Ubisoft war schon länger für seine Formelhaften Spiele bekannt, allerdings verbindet sich dieser Ansatz vor allem in den letzten Jahren mit dem Prinzip, stets dem neusten Trend hinterherzujagen. Sei es Open World, Rollenspieleelemente, Loot-Mechaniken oder eben Service-Games. Mal kommt dabei ein goldene Mischung heraus, etwa bei den jüngsten Assassin’s Creed-Spielen, in anderen Fällen entsteht dabei ein Ghost Recon Breakpoint – Ein Flickenteppich aus vermeintlich trendigen Features, die alle bereits in anderen Spielen besser umgesetzt wurden. Das ist besonders schade, da das Grundprinzip aus kooperativen Taktik-Einsätzen ja nach wie vor funktioniert und viel Spaß machen kann, aber durch überflüssige, mit dem Holzhammer angenagelte Spielmechaniken verwässert wird.

Unterm Strich schafft Ghost Recon Breakpoint genau das, was die meisten Ubisoft-Spiele besonders gut können: Es beschäftigt dich, es gibt dir stets etwas zu tun. Wer am Feierabend einfach für ein oder zwei Stunden den Kopf abschalten und Aurora bereisen will, könnte vielleicht sogar an Breakpoint Freude gewinnen. Doch sobald die Konsole oder der PC aus ist, bleibt nichts von der Belanglosigkeit des soeben Gespielten im Kopf hängen.

Wird dir gefallen, wenn du eine feste Koop-Gruppe hast, die bereits in Ghost Recon Wildlands gemeinsame Abenteuer erlebt hat.

Wird dir nicht gefallen, wenn du die Nase voll von leeren Open Worlds und überflüssigen Loot-Systeme hast.

Zu den Kommentaren

Kommentare zu diesem Artikel

Weitere Themen

Neue Artikel von GIGA GAMES

  • Mario Kart Tour: Koopalinge und Fahrer mit 3 Haarsträhnen

    Mario Kart Tour: Koopalinge und Fahrer mit 3 Haarsträhnen

    Für die Tour- und Gold-Missionen von Mario Kart Tour müsst ihr unter anderem Punkte sammeln. Allerdings nicht mit irgendwelchen Fahrern, sondern zum einen mit einem Koopaling und zum anderen mit einem Fahrer mit drei Haarsträhnen. Wer damit gemeint ist, erklären wir euch im Guide.
    Christopher Bahner
* Werbung