2020 erschienen gute Spiele wie am Fließband. So viele sogar, dass einige echte Highlights nahezu unbeachtet blieben. Grund genug also, ein weiteres Mal darauf hinzuweisen, warum sich das fantastische Desperados 3 ein Jahr nach seiner Veröffentlichung mehr denn je lohnt.

 

Desperados 3

Facts 
Desperados 3

Eine Empfehlung von Alexander Gehlsdorf

Was ist eigentlich Echtzeit-Taktik?

Um den Reiz von Desperados 3 zu erklären, muss ich zuerst mehr als 20 Jahre in die Vergangenheit blicken. 1998 erschien Commandos: Behind Enemy Lines und stampfte praktisch über Nacht das Genre der Echtzeit-Taktik aus dem Boden. Darin führt eine Elite-Einheit der Alliierten während des Zweiten Weltkriegs geheime Aufträge hinter feindlichen Linien aus.

Heimlichkeit ist dabei oberstes Gebot. Wer den Alarm auslöst, erhöht damit den ohnehin schon fordernden Schwierigkeitsgrad ins praktisch Unmögliche. Manche Missionen bestrafen solche Unachtsamkeiten sogar direkt mit einem Game Over. Das Prinzip ist aus Stealth-Spielen bekannt, Commandos verlegte das Spielprinzip jedoch in die Iso-Perspektive.

Das wichtigste Feature des Genres: Die Sichtkegel der Gegner. Ein großer Teil des Spiels besteht darin, die Patrouillen der deutschen Soldaten zu analysieren und nach Lücken zu suchen; Wege, Häuserecken oder Verstecke, wobei die wenigsten für kurze Zeit nicht im Sichtbereich der Gegner sind. Von dort lässt sich dann unbemerkt eine der Wachen ausschalten, was wiederum neue Lücken öffnet und der ganze Prozess beginnt von vorn – Gegner um Gegner, bis das Missionsziel erreicht ist. In gewisser Weise erinnert das an Sudoku oder ähnliche Puzzle-Spiele. Das erfordert viel Geduld und bedeutet also, dass manche damit gar nichts anfangen können, während ich mich auch nach Stunden nicht langweile. Eine Rückkehr der Reihe wünschte ich mir daher schon seit Jahren.

Desperados 3 Sichtkegel
Solange ich mich hinhocke, bin ich für meinen Gegner im dunkelgrünen Bereich unsichtbar. Im hellgrünen Bereich erkennen mich die Gegner in Desperados 3 jedoch sofort.

Tod und Auferstehung eines Genres

Die frühen 2000er waren die Blütezeit der Echtzeit-Taktik. Neben der Commandos-Reihe machte sich vor allem Desperados einen Namen als würdiger Vertreter des Genres, der den Schauplatz der Knobeleien in den Wilden Westen verlegte. Allerdings gab es auch einige heute fast vergessene Titel wie Robin Hood: Die Legende von Sherwood oder Star Trek: Away Team. Nach Desperados 2: Cooper's Revenge und dem leider nur mittelmäßigen Commandos 3: Destination Berlin war die Luft nach einigen Jahren jedoch wieder raus und der Hype vorbei. Das Genre war prinzipiell tot.

Oder etwa nicht? 2016 geschah das Undenkbare und die Echtzeit-Taktik wurde aus dem Dornröschenschlaf wachgeküsst. Der tapfere Prinz hieß in diesem Fall Mimimi Games, ein Studio aus München, welches das fantastische Shadow Tactics: Blades of Shogun veröffentlichte; ganz nebenbei einer meiner ersten Tests, die ich für GIGA schreiben durfte.

So spielt sich Desperados 3

Die Begeisterung wurde nicht nur von mir geteilt, sondern auch durch Auszeichnungen wie dem Deutschen Computerspielepreis sowie dem Deutschen Entwicklerpreis gewürdigt. Die Echtzeit-Taktik war zurück! Der Erfolgsmeldung ging auch an Kalypso nicht vorbei, die inzwischen die Lizenz für Commandos besaßen. So wurde nicht nur ein neuer Serienteil versprochen, sondern auch der Klassiker Commandos 2 als Remaster neu auf den Markt gebracht.

Dass aktuell jedoch Mimimi Games auf dem Genre-Thron sitzt, bewies das Studio 2020 mit Desperados 3, das ich in meinem Test zum bisher besten Genre-Vertreter küren durfte. Wer seit Red Dead Redemption also nicht genug vom Western-Setting kriegen kann, hat hier Nachschub der ganz besonderen Art bekommen.

Desperados 3 (Playstation 4)

Desperados 3 (Playstation 4)

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Desperados 3 war nur der Anfang

Seit der Veröffentlichung von Desperados 3 ist bereits ein Jahr vergangen und dennoch klicke ich nach einiger Zeit immer wieder auf das Desktop-Symbol. Das liegt zum einen an den originellen Bonusmissionen, die seit dem Release hinzufügt wurden. Diese schicken mich in die bekannten Schauplätze des Hauptspiels zurück, stellen dabei aber die Regeln auf den Kopf. In einer Mission etwa werden mir alle Waffen genommen, stattdessen muss ich mich komplett wehrlos durch das Level rätseln und das Ableben meiner Missionsziele wie einen Unfall aussehen lassen. Hitman lässt grüßen. In einer anderen Mission ist das Gegenteil der Fall, da ich ein stationäres Maschinengewehr auf Schienen bis zum anderen Ende des Levels befördern muss und dabei natürlich reichlich von seiner Feuerkraft Gebrauch machen soll.

Zum anderen sind mittlerweile drei kostenpflichtige DLCs erschienen, die Desperados 3 um komplett neue Schauplätze erweitern. Darunter auch den Klassiker Eagle's Nest, den Fans bereits aus den ersten beiden Serienteilen kennen. Im Wilden Westen gibt es also immer was zu tun.

Desperados 3 Eagles Nest
Die Festung Eagle's Nest kennen Desperados-Fans noch aus den früheren Serienteilen.

Allerdings hat Mimimi Games bereits das nächste Eisen beziehungsweise die nächste Kartoffel im Feuer. So arbeitet das Studio nicht nur am noch geheimen Codenamen Süßkartoffel, sondern veröffentlicht voraussichtlich Ende des Jahres mit Aiko's Choice noch eine unabhängige Erweiterung für Shadow Tactics: Blades of the Shogun. Genug Spiele also, um die Wartezeit zum hoffentlich irgendwann erscheinenden Commandos 4 zu überbrücken.