Huawei Watch 2 im Test: Wie Android Wear 2.0 ein solides Gerät verhunzt

Frank Ritter 3

Sie zeigt die Uhrzeit an, Benachrichtigungen vom Smartphone und misst Körperfunktionen. Smartwatches sind darüber hinaus immer noch auf der Suche nach einer eigenen Identität, einer „Killer-App“, also einer Anwendung, die nur mit dieser Gerätekategorie möglich ist. Die Huawei Watch 2 bietet keine Antworten, und schwächelt dazu bei den „Basics“. Unser Testbericht zur Huawei Watch 2 klärt, wo die Probleme liegen.

Huawei Watch 2 im Wrist-On.

Seit es Android Wear gibt, schnalle ich mir regelmäßig eines der aktuellen Smartwatch-Modelle ans Handgelenk – und bin jedes Mal desillusioniert. Denn das Potenzial, das den cleveren Wearables noch vor drei Jahren nachgesagt wurde, erschloss sich mir nie. Und ich bin anscheinend nicht der Einzige, der so denkt: Abgesehen von der Apple Watch, Samsungs Gear-S-Modellen und Fitness-Armband-Hybriden mit proprietärem OS wie die Fitbit-Tracker verkauft sich keine Smartwatch richtig gut – und das trotz sich stetig verbessernder Technologien, die in den Geräten Einzug halten.

Dass die Handvoll am Markt erfolgreichen Smartwatches nicht mit Android Wear laufen, ist natürlich ein deutlicher Rückschlag für Google und seine Wearable-Avancen mit dem Android-Derivat Android Wear. Woran liegt’s? Eine intensive Marktanalyse kann ich nicht liefern, nur aus meinem eigenen von Anekdoten geprägten Erfahrungsfundus schöpfen. Smartphone-Benachrichtigungen sind für mich in ihrer schieren Zahl selten relevant, um die einzusehen gucke ich gelegentlich aufs Smartphone. Um die Uhrzeit zu erfahren, reicht mir eine herkömmliche Armbanduhr – und selbst die spare ich mir mittlerweile, weil die Uhrzeit eine Information ist, bei der ich mich im urbanen Alltag des Jahres 2017 schon anstrengen müsste, um sie nicht mit einer Kopfbewegung irgendwo erhaschen zu können. Um meine nicht vorhandene Fitness nachzuhalten, werden mir mittlerweile an jeder Straßenecke Tracking-Armbänder hinterher geschmissen. Aber auch dieser Reiz ist vergangen: Zwar messe ich noch meine Bewegungen per Schrittzähler im Smartphone, mein Fitbit Flex vergammelt aber unbenutzt in der Schreibtischschublade. Und so legte ich auch mein Interesse an Smartwatches immer dann ad acta, wenn ich mir ein paar Tage Realitätscheck mit den jeweils neuesten Produkten der Gattung gegönnt hatte.

In meinem Herzen wohnt ein Geek. Und der will nicht nur neue Technikprodukte, der will auch neue Technikprodukte wollen. Deswegen habe ich meine allgemeine Smartwatch-Ernüchterung erneut auf die Probe gestellt und eine nagelneue Android-Wear-Smartwatch getestet. Kann ja sein, dass sich etwas geändert hat. Besser gesagt: Hätte ja sein können.

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Stecken wir erst einmal die Rahmendaten ab: Die Huawei Watch 2 gibt es in insgesamt drei Ausführungen: Die elegantere Classic-Variante nur mit WLAN sowie die optisch markantere Sport-Version, entweder nur mit WLAN oder zusätzlich LTE. Bei uns kam die Huawei Watch 2 Sport zum Einsatz, genauer: dessen WiFi-Version. Die Preise dafür liegen bei über 300 Euro:

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Huawei Watch 2 Spezifikationen: Technische Daten im Vergleich

Huawei Watch 2 Huawei Watch 2 Classic
Display 1,2 Zoll AMOLED
390 × 390 Pixel (326 ppi)
Prozessor Snapdragon Wear 2100
RAM 768 MB
Speicher 4 GB (2,3 GB verfügbar)
LTE Je nach Modell Nein
Akku, Laufzeit (Herstellerangabe) 420 mAh
(bis zu 2 Tage bei normaler Nutzung)
420 mAh
(bis 3 Tage bei nor­ma­ler Nutzung)
Po­si­tions­be­stim­mung GPS + Glonass
NFC Ja
Konnektivität Bluetooth 4.1 BLE+BR/EDR
WLAN 2.4 GHz 802.11 b/g/n
GSM/­WCDMA/­TDS/­CDMA2000/­TDD-LTE/­FDD-LTE (nur LTE-Version)
Sensorik Be­schleu­ni­gung, Gy­ros­kop, Ba­ro­me­ter, Herz­schlag (PPG), CAP, Um­ge­bungs­licht, Geo­mag­ne­tis­mus
Wasserdicht Ja, IP68-Zertifizierung
Software Android Wear 2.0
Kompatibilität Android 4.3+, iOS 8.2+
Armbänder wechselbar, 20 mm wechselbar, 22 mm
Maße 48,9 mm × 45 mm × 12,6 mm
Gewicht (ohne Armband) 40 Gramm (ohne LTE), 42 Gramm (LTE) 47 Gramm
Farben Dynamic Orange, Carbon Black, Concrete Grey Titanium Grey

Die Hardware der Huawei Watch 2: Robust und solide

An den fleischlichen Eigenschaften des Gerätes gibt es wenig zu mäkeln. Sicher mag der sportliche Stil der Smartwatch mit ihrem Kautschuk-Armband nicht jedermanns Sache sein, aber dafür gibt es ja auch andere Ausführungen und die Möglichkeit, die Armbänder auszuwechseln. Die Uhr selbst ist durchaus ansehnlich und nicht ganz so klobig wie andere Android-Wear-Modelle, wiewohl Apple Watch und Samsung Gear S3 durchaus einen schlankeren Fuß am Handgelenk machen. Im Vergleich der Bodies von Apple Watch und Huawei Watch 2 wird das deutlich:

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Gelegentlich ist es problematisch, die Uhr über einen Hemdsärmel zu ziehen, Pullover-kompatibel ist die Huawei Watch 2 aber in jedem Fall. Am Body befindet sich eine Lünette, in der die Minuten in Fünferschritten eingraviert sind, ein optisches Detail, das eigentlich nicht notwendig ist, insbesondere wenn man sich wie ich für ein Digital-Watchface entscheidet. Der Ring um die Uhr trägt etwas dicker auf als eigentlich nötig – stellt dafür aber immerhin zusätzlichen Schutz für das Displayglas dar.

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Verarbeitungstechnisch gibt es keinen Grund zur Klage, die Uhr ist robust gebaut, dank des Metallgehäuses ist sie auch solide und fühlt sich wertig an. Auch das mitgelieferte Armband ist robust und nicht rissgefährdet. Da eine Smartwatch noch häufiger als ein Handy dem Unbill von Wetter und Staub ausgesetzt ist, ist eine gute Schutzklasse Pflicht – Huawei trägt dem mit Widerstandsfähigkeit Rechnung, die nach IP68 zertifiziert ist. Triathleten, Wüstenreisende und Familienväter müssen also auch im Extremeinsatz (Iron Man, Kalahari, Sandkasten-Matschepampe) keine Defekte befürchten.

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Das AMOLED-Display mit seiner Pixeldichte von 326 ppi löst nicht nur hoch auf, sondern ist auch angemessen hell und hat – anders als andere Smartwatches mit rundem Display – keinen „platten Reifen“ an der Unterseite, das Display ist also komplett rund. Zudem spart es deutlich an Energie, wenn man es nicht aktiv benutzt und nur die Uhrzeit in Weiß auf schwarzem Hintergrund angezeigt wird. Die AMOLED-Technologie stellt sicher, dass der Schwarzraum nicht beleuchtet werden und Energie verschwendet werden muss. Auch die Aktivierung per Handgeste funktioniert flott und zuverlässig. Dank eines Umgebungslichtsensors wird die Helligkeit dynamisch angepasst. So kann man die Uhr auch noch im grellen Tageslicht gut erkennen, im stockdunklen Raum ist mir die Uhr aber immer noch etwas zu hell. Hier fehlt mir die Möglichkeit, die Uhr nachts automatisiert in den Energiesparmodus zu versetzen, bei dem das Display nur per Handbewegung etwas anzeigt, das Display tagsüber aber stets aktiv zu lassen. Der Touchscreen ist aus Gorilla Glass gefertigt, Kratzer konnten wir im zweiwöchigen Testzeitraum folgerichtig nicht feststellen.

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Die Huawei Watch 2 besitzt zwei Buttons an der rechten Seite, die einen nicht perfekten, aber brauchbaren Druckpunkt aufweisen und gut mit der zweiten Hand erreicht werden können. Der obere Button ist der wichtigere: Mit einem Tastendruck aktiviert man das Display, wenn es ausgeschaltet ist, mit einem zweiten Druck ruft man den App Drawer auf. Ein Langdruck startet eine Sprachsuche über den Google-Assistenten.

Die untere Taste ist standardmäßig mit Huaweis vorinstallierter Fitness-App belegt, kann aber auch umkonfiguriert werden. Praktisch ist beispielsweise das Feature zum Wiederfinden des verbundenen Handys, bei der per Langdruck ein Klingelton am Handy ausgelöst wird. Ich hatte im Testzeitraum die meiste Zeit jedoch die Funktion „mein Feed“ draufgelegt – eine heruntergedummte Version der altbekannten Google-Now-Karten. Dazu später mehr.

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Mit 420 mAh ist ein vergleichsweise großer Akku integriert – der hält auch recht lange: 2 Tage netto, also rund 40 Stunden komme ich pro Ladung meist aus. Geladen wird die Huawei Watch 2 mit 4 Pogo-Pins an der Unterseite, eine mitgelieferte Ladestation wird mithilfe eines Magneten automatisch in die richtige Position gebracht. Allzu ästhetisch sieht das allerdings nicht aus: Weil sich die Huawei Watch 2 Sport nicht gerade auf einer ebenen Fläche ablegen lässt, „schwebt“ sie an das Gerät geklebt in der Luft.

Das sieht albern aus – nicht ganz so albern wie das Laden von Apples letzter Magic Mouse, aber in etwa auf dem Niveau des Ladens eines Apple Pen am iPad Pro. In die Ladestation hätte Huawei gerne einen Tick mehr Gehirnschmalz investieren können. Ein richtiges Dock wie bei der Samsung Gear S2, in dem die Uhr seitlich hängt und bei der sich während des Ladens der Displayinhalt gedreht hätte, wäre ein Mehrwert gewesen und hätte Liebe zum Detail signalisiert – die Produktionskosten wären sicherlich kaum erhöht.

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Zur insgesamt soliden Hardware ist noch zu ergänzen, dass neben einem Pulsmesser auch ein Luftdrucksensor integriert ist, dank dem man bessere Empfehlungen zur persönlichen Fitness erhalten kann. Huaweis eigene Fitness-App ist dahin gehend etwas besser als Google Fit, hat aber auch ihre Schwächen – insbesondere im Erkennen von sportlichen Aktivitäten. NFC ist auch an Bord – solange Google Payments in Deutschland noch nicht funktionieren, allerdings praktisch nutzlos.

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