Es geht also doch! Berlin hat es geschafft und einen Nachfolger für das beliebte 9-Euro-Ticket auf den Weg gebracht. Allerdings nicht Berlin in seiner Eigenschaft als Hauptstadt und Sitz der Regierung. In Berlin – und nur dort – wird ab Oktober der gesamte ÖPNV mit einem Ticket für 29 Euro nutzbar sein. Das sendet ein völlig falsches Signal.

Ein Kommentar von Felix Gräber.

Berlin startet ab Oktober ein allgemeingültiges Ticket für den öffentlichen Nahverkehr. Alle Busse und Bahnen in der Hauptstadt sollen damit zum Einheitspreis genutzt werden können. Der Fahrschein gilt als Nachfolger für das bundesweite 9-Euro-Ticket, das zum September planmäßig nach drei Monaten wieder eingestampft wurde. Darüber hat der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) in einer Dringlichkeitssitzung entschieden.

Berlin feiert 29-Euro-Ticket: Das ist der falsche Weg

Preispunkt für das Ticket: 29 Euro. Anders als beim bundesweiten 9-Euro-Ticket sollen Kunden den Fahrschein außerdem nur im Abo kaufen können, nicht aber für einzelne Monate. Gelten wird es für die Tarifzone AB und damit für das Berliner Stadtgebiet. Der Partner im Verkehrsverbund, das Land Brandenburg also, ist nicht mit abgedeckt. Fahrten beispielsweise von und zum Berliner Flughafen BER sind ebenfalls zu weit (Quelle: ZDF).

In der Hauptstadt ist man offensichtlich zufrieden mit dem Erfolg: „Berlin liefert“, so Bürgermeisterin Franziska Giffey via Twitter:

Auch Berlin „geht als erstes Bundesland voran“ heißt es da. Genau darin liegt aber das Problem. Mit dem 29-Euro-Ticket in Berlin kehrt auch der allzu gut bekannte Alleingang der Länder zurück, wenn es um Mobilitätsangebote wie den öffentlichen Nahverkehr geht. Gerade die allgemeine bundesweite Gültigkeit war einer der großen Vorzüge des 9-Euro-Tickets. Neben dem günstigen Preis wohlgemerkt, aber den können wir uns beim Nachfolger ja ohnehin abschminken.

Berlin zeigt mit dem Vorpreschen, dass die Politik nach drei Monaten 9-Euro-Ticket offenbar nur bedingt etwas dazugelernt hat. Das Argument, man entlaste damit Hunderttausende Berliner, hat zwar etwas für sich – gerade im wohl teuersten Winter, den Deutschland bisher erlebt hat. Doch auf der anderen Seite steht das Signal, dass jeder für sich selbst sorgt.

Leider ist die Hauptstadt damit nicht allein. Im Niedersächsischen Verkehrsministerium hatte man mit einem „norddeutschen Modell“ geliebäugelt, während NRW im September und Oktober für Abo-Kunden Umsonst-Fahrten an bestimmten Tagen ermöglicht. All das erinnert bestenfalls an die Landes-Tickets, die es seit Jahren gibt, mal als Tagesticket, mal gültig übers Wochenende. Der kleingeistige Föderalismus im Verkehrswesen ist offensichtlich mit nur drei Monaten 9-Euro-Ticket nicht ausgeräumt – obwohl es für einen kurzen Moment auch ohne ging.

Schön war es, das 9-Euro-Ticket:

9-Euro-Ticket: So geht’s günstig quer durch Deutschland Abonniere uns
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Sargnagel für 9-Euro-Ticket-Nachfolger? Berlin hat die Kurve gekriegt

Begräbt Berlin damit die Chance auf einen 9-Euro-Ticket-Nachfolger für alle? Ganz so schlimm steht es glücklicherweise nicht. Das Berliner 29-Euro-Ticket ist begrenzt bis zum Ende des Jahres. Die Bundesregierung hat nach langem Ringen um eine mögliche Nachfolge inzwischen immerhin Gelder in Aussicht gestellt, die einen Nachfolger ab 2023 nicht mehr gänzlich ausschließen. Er wird aber deutlich teurer, 49 bis 69 Euro sind angepeilt.

Es besteht also die Chance, dass sich nicht wieder kleinteilige, halbgare Lösungen festsetzen werden, die bei längeren Reisen jede Menge Verdruss mit sich bringen. Der Erfolg eines möglichen Nachfolgers steht und fällt nicht zuletzt mit dem Preis, sondern auch mit der simplen Attraktivität, die das 9-Euro-Ticket Verbrauchern erstmals so richtig vor Augen geführt hat.