Die Streaming-Welt ist im Aufruhr: Bei vielen Anbietern steigen die Preise, Werbung wird eingeführt, obwohl die Kunden fürs Abo zahlen und die Konkurrenz wird immer mehr und stärker. Disney+ geht einen neuen Weg, um das eigene Angebot in dieser Situation attraktiver zu machen.

 
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Ein Kommentar von Felix Gräber

Bisher ist Unterhaltungsriese Disney eine fragwürdige Linie beim hauseigenen Streaming-Dienst Disney+ gefahren: Eigentlich sind alle Inhalte, die auf dem Portal angeboten werden, auch innerhalb des Abos enthalten. Dabei gibt es anders als etwa bei Netflix auch nur eine Abostufe: 8,99 Euro können Kundinnen und Kunden pro Monat zahlen oder einen Einjahreszugang für 89 Euro buchen und so etwas sparen (bei Disney+ ansehen). Bald dürften die Preise weiter steigen.

Hoffentlich lässt Disney+ diese Unart für immer fallen

Doch es war eben nicht alles inbegriffen, was Disney auf dem Streaming-Dienst herausgebracht hat – oder zumindest nicht sofort. Zusätzlich zum Abonnement hat der Mäusekonzern einen Premium-Zugang eingeführt, über den Neuerscheinungen gezeigt werden. 21 Euro pro Film (!) zusätzlich zum Abo-Preis werden dafür fällig.

Auf diese Weise landeten zum Beispiel Black Widow und Raya und der letzte Drache bei Disney+. Wer die Filme möglichst zum Start zuhause sehen wollte – pandemiebedingt waren Kinobesuche oft nicht ohne Weiteres möglich –, musste tief in die Tasche greifen. Erst nach drei Monaten hat Disney entsprechende Filme dann für alle Abonnenten freigegeben.

Frisch auf Disney+ eingetroffen: Lightyear.

Trailer zu „Lightyear“

Doch inzwischen sieht die Welt anders aus. Disney hat das exklusive Kino-Fenster für seine Produktionen halbiert. Was technisch klingt, bedeutet letztlich: Was bisher erst 90 Tage nach dem Kinostart im Streaming-Angebot aufschlagen durfte, kann jetzt schon nach 45 Tagen angeboten werden.

So schnell nehmen Kinobetreiber erfolgreiche Filme eher nicht aus dem Programm. Das führte zum Beispiel dazu, dass Doctor Strange in The Multiverse of Madness (bei Disney+ ansehen) im Juni parallel auf Disney+ und in deutschen Kinos zu sehen war. Auch beim lange erwarteten Toy-Story-Prequel Lightyear hat sich Disney beeilt: Seit 3. August findet ihr den Streifen als Stream, wenn ihr Disney+ abonniert habt.

Unumstritten ist Disneys Vorgehen freilich nicht: Bei den Kinobetreibern kommt das kürzere Exklusivfenster nicht gut an – zumal der Druck auf viele Verbraucher wächst, sparsam mit ihrem Geld umzugehen. Auch mit Black-Widow-Star Scarlett Johansson hat sich Disney durch die parallele Veröffentlichung Ärger eingehandelt. Ihr sollen Einnahmen in Millionenhöhe verloren gegangen sein.

Weniger Kino-Zeit für Disney-Filme: Streaming-Kunden profitieren

Aus Sicht der Disney+-Kunden ist der Schritt trotzdem zu begrüßen. Statt wie Kunden zweiter Klasse behandelt zu werden und praktisch noch mit Extrakosten abgestraft zu werden, wenn man das volle Angebot von Disney nutzen möchte, gibt es jetzt eine Alternative. Mit der schnelleren Veröffentlichung bei Disney+ können die Abonnenten zufrieden gestellt werden. Gleichzeitig zieht man den Kinos nicht den Boden unter den Füßen weg, indem man ihnen jeden Vorsprung wegnimmt.

Aus meiner Sicht ist Disneys neue Strategie ein erfolgreicher Kompromiss. Denn daran, dass man manche Filme einfach nur im Kino so richtig genießen kann, ändert sich eh nichts.