Magic the Gathering steckt in der Krise: Wie die MPL die Zukunft des Spiels gefährdet

Alexander Gehlsdorf 2

Dank MTG Arena ist Magic the Gathering so populär wie nie zuvor. Turnierspieler hingegen fürchten um die Zukunft des Sammelkartenspiels. Schuld daran ist die umstrittene Magic Pro League.

25 Jahre Magic the Gathering wurden 2018 gefeiert und tatsächlich erreichte die Popularität des Spiels zu diesem Zeitpunkt neue Höhen. Allen voran dank MTG Arena, Wizards of the Coasts Kampfansage an Hearthstone.

Neben dem digitalen Ableger wurde auch die kompetitive Magic-Szene umstrukturiert und die Magic Pro League, kurz MPL, gegründet. Diese besteht aus den 32 besten Spielern und soll … ja, was eigentlich? Und besteht sie wirklich aus den 32 besten Spielern? Genau diese Fragen sorgen seit einer Woche, ein halbes Jahr nach der Gründung der MPL, für heftige Diskussionen in der Magic-Community.

Cheaten, sexuelle Belästigung und Boykott

Was ist passiert? Ursprünglich wurden die 32 Mitglieder der MPL anhand ihrer Pro Points ausgewählt, die sie in den vergangenen Saisonen erspielt haben. Kurz gesagt: Die 32 besten Spieler der Welt, gemessen an ihren Turnierergebnissen, werden in die MPL aufgenommen.

Als MPL-Mitglied erhalten diese dann ein Jahresgehalt von 75.000 Dollar, nehmen an der Mythic Invitational, den Mythic Championships sowie wöchentlichen League-Turnieren teil und streamen unter der Woche auf Twitch MTG Arena. Per se also eine tolle Möglichkeit für Profis, sich ihren Lebensunterhalt unabhängig von Preisgeldern mit dem Magic-Spielen zu verdienen.

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25 Jahre Magic The Gathering: Das waren die Höhepunkte

Zwar waren viele Details zur Gründung der MPL noch ungeklärt, Wizards of the Coasts versicherte jedoch, zeitnah konkrete Informationen zu kommunizieren. Das ist seit einem halben Jahr nicht passiert, stattdessen entstanden immer mehr Fragen rund um die MPL.

Drei Spieler sind bereits ein halbes Jahr nach der Gründung nicht mehr Mitglied der MPL und wurden ersetzt: Owen Turtenwald wurde aus der Liga entfernt, nachdem bekannt wurde, dass er über Jahre hinweg Frauen sexuell belästigt hat. Für Yuuya Watanabe war seine Disqualifikation von der Mythic Championship II für den Ausschluss verantwortlich. Gerry Thompson hingegen verließ die MPL aus Protest, unter anderem um die mangelnde Transparenz und Kommunikation anzuprangern. 2018 boykottierte Thompson bereits auf ähnlichen Gründen die Weltmeisterschaft.

Fairness versus Leistung

Ersetzt wurden die drei Spieler durch Autumn Burchett, Jessica Estephan und Janne „Savjz“ Mikkonen. Burchett gewann zweimal in Folge die englischen Nationals und Anfang 2019 schließlich die erste Mythic Championship. Jessica Estephan ist die erste Frau, die jemals einen Grand Prix gewonnen hat und die Frau mit den meisten Pro Points überhaupt. Twitch-Streamer Savjz hingegen erreichte Rank 1 in MTG Arena und die Top 4 der Mythic Invitational.

Eines ist klar: Alle drei Neuzugänge sind fantastische Magic-SpielerInnen. Aber: Das ursprüngliche System, die MPL-Mitglieder basierend auf den verdienten Pro Points auszusuchen, scheint keine Rolle mehr zu spielen. In der offiziellen Ankündigung betont Wizards of the Coast, dass Estephan ausgewählt wurde, um Inklusion und Diversität zu fördern – worauf ein Teil der Community mit frauenfeindlichen Angriffen gegenüber Estephan reagierte, denen sie bereits lange vor ihrer MPL-Mitgliedschaft ausgesetzt war.

Das Argument der Kritiker: Estephan sei zwar die beste Frau, aber mehrere hundert Plätze von der Top 32 entfernt. Savjz hingegen hat keinen einzigen Pro Point gesammelt, erreicht aber ein riesiges Twitch-Publikum. Die konkreten Maßnahmen und Metriken, mit denen sich Profis für die MPL qualifizieren können, weiß somit niemand. Nicht einmal die aktuellen Mitglieder. Einer der Gründe, warum Gerry Thompson die Liga aus Protest verlassen hat, war der Umstand, dass bisher keiner Mitglieder informiert hat, ob und wie sie sich für die Saison 2020 qualifizieren können.

Magic The Gathering - Inclusion.

Mythic Points statt Pro Points

Im bisherigen Pro Point-System war die Sache deutlich klarer. Ausreichend Pro Points, die sich in offenen Turnieren wie einem Grand Prix gewinnen lassen, garantieren die Teilnahme an wichtigen Turnieren. Ein Stufen-System stellte weiterhin sicher, dass etablierte Profis auch in der nächsten Saison wieder mit dabei sind.

Allerdings gibt es keine Pro Points mehr. Die neuen Mythic Points können nur im Rahmen der Mythic Invitational und Mythic Championship verdient werden. Beide Turniere sind jedoch nicht öffentlich zugänglich, die Teilnahme ist nur durch eine Einladung möglich. Derzeit weiß deshalb niemand, wie der Weg zum Magic-Profi aussieht.

Dazu kommt, dass die Teilnahme an Turnieren seit kurzem zusätzlich erschwert wird, da Wizards of the Coast zwar die Preisgelder erhöht hat, den Teilnehmern dafür aber nicht mehr die Anreise bezahlt. Profis aus Südamerika oder Australien müssen daher stark abwägen, ob sie an der nächsten Mythic Championship in Barcelona überhaupt teilnehmen können. Sollten sie dort keine Top-Platzierung erreichen, ist es schließlich mehr als wahrscheinlich, dass das gesamte Turnier für sie ein Minus-Geschäft wird.

Allerdings beleuchtet dieses Dilemma ein grundlegendes Problem der kompetitiven Magic-Szene: Das Spiel ist teuer. Nicht nur die Karten für ein Turnier-fähiges Set kosten mehrere hundert Dollar, sondern auch die Anreise und Teilnahme an Turnieren verlangt hohe Ausgaben. Aus diesem Grund ist es auch keine Überraschung, dass vor allem weiße, männliche Amerikaner die Magic-Weltrangliste anführen, denn wer viele Pro Points sammeln wollte, musste auch an vielen Turnieren teilnehmen.

Insofern steckt in der Inklusion von Spielerinnen wie Jessica Estephan eine Menge Potential, um die professionelle Magic-Szene für alle Spieler zugänglicher zu machen. Schließlich sind ihre Fähigkeiten als Magic-Spielerin unbestritten – wenn sie jedoch nicht an so vielen Turnieren teilnehmen kann, wie ihre Konkurrenten, wird sie auch nie genügend Pro Points verdienen, um zur Weltspitze zu gehören.

Um genau solche Ungleichheiten jedoch auszuschließen, braucht die MPL verbindliche Richtlinien zur Qualifizierung, die aktuell schlichtweg nicht existieren. Alle Spieler müssen wissen, welche Metriken über die Mitgliedschaft in der Magic Pro League entscheiden. Außerdem ist die genaue Funktion der MPL noch immer unklar. Soll sie die weltbesten Spieler gegeneinander antreten lassen, oder über bekannte Persönlichkeiten wie Savjz die Popularität des Spiels bewerben? Solange diese Fragen nicht beantwortet sind, steckt die Zukunft des Spiels in einer Krise.

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