Alle Regeln gebrochen: „Eigentlich hätte Sekiro nie erscheinen dürfen”

Alexander Gehlsdorf 7

Es gibt eine ganze Reihe ungeschriebener Regeln, die ein erfolgreiches AAA-Spiel erfüllen muss, um überhaupt von einem Publisher durchgewunken zu werden. Vorhang auf für Sekiro: Shadows Die Twice, dass alle diese Regeln bricht und der AAA-Branche den Spiegel vorhält.

Neben Platzhirschen wie Electronic Arts und Ubisoft gibt es vor allem ein Unternehmen, dass den Begriff des AAA-Gaming verkörpert und jährlich Blockbuster-Produktionen in die Ladenregale und Online-Stores spült: Activision Blizzard.

Mit Franchises wie Call of Duty, World of Warcraft oder Destiny hat das Unternehmen ohne Frage den Dreh raus, wenn es darum geht, mit einem Spiel besonders viel Geld zu verdienen – auch wenn die konkreten Methoden in den wenigsten Fällen auf die Begeisterung der Spieler stoßen. Oder gibst du gern mit gutem Gewissen 28 Dollar für einen Hammer in Call of Duty: Black Ops 4 aus?

Dementsprechend skeptisch waren die From Software-Fans, als bekannt wurde, dass ausgerechnet Activision Blizzard als Publisher für Sekiro: Shadows Die Twice verantwortlich sein wird. Wird aus dem vermeintlichen Hardcore-Titel jetzt etwa ein Mainstream-Spiel, dass sich an alle ungeschrieben AAA-Regeln halten muss?

Doch es ist ein Wunder geschehen und Sekiro: Shadows Die Twice macht alles „falsch“ was in den vergangene Jahren zur scheinbaren AAA-Selbstverständlichkeit geworden ist und ist dennoch – oder gerade deshalb? – ein Meisterwerk geworden.

Regel Nummer 1: Games as a Service

Der feuchte Traum eines jeden AAA-Publishers. Ein sich immer weiterentwickelndes Produkt, in das Spieler immer mehr und mehr Zeit stecken, regelmäßig den nächsten DLC vorbestellen und auf Lebenszeit zum glücklichen und vor allem zahlenden Kunden werden. In den vergangenen Jahren sind immer mehr Spiele erschienen, die genau diesen Plan verfolgt haben, denn das finanzielle Potential eines solches Spieles ist immens.

Zugeben, sowohl für die Dark Souls-Reihe als auch Bloodborne wurden nachträglich durch DLCs erweitert, von einem Service-Game sind sowohl die geistigen Vorgänger als auch Sekiro: Shadows Die Twice dennoch meilenweit entfernt.

Regel Nummer 2: Mikrotransaktionen

Ob der 28-Dollar-Hammer in Black Ops 4, ein Reittier in World of Warcraft oder ein EXP-Boost in Assassin’s Creed: Odyssey – AAA-Spiele möchten dir nur all zu gern zusätzliche Inhalte oder andere Zugeständnisse über den Ingame-Shop verkaufen, um dir das Spielerlebnis zu versüßen. Gerade ein bockschweres Sekiro hätte problemlos durch diverse Pay-to-Win-Mechaniken verunstaltet werden können – wurde es aber Gott sei Dank nicht.

Regel Nummer 3: Multiplayer

Die Logik ist simpel: Wenn du ein Spiel zusammen mit deinen Freunden spielen kannst, ist die Wahrscheinlichkeit viel höher, dass sich genau diese auch das Spiel kaufen und dadurch mehr Exemplare über den Ladentisch wandern. Umso überraschender also, dass Sekiro komplett auf Multiplayer-Inhalte verzichtet, obwohl diese in bisherigen From Software-Spielen durchaus enthalten waren.

Regel Nummer 4: Eine starke Marke

Wer ein Call of Duty, Far Cry oder FIFA entwickelt, muss dabei finanziell wenig Risiken eingehen. Die Marken sind so bekannt, dass sich problemlos genügend Käufer finden lassen und auch das Marketing ist über große Namen mehr als dankbar. Sekiro: Shadows Die Twice hingegen ist eine völlig neue Marke. Zugegeben, sie teilt einen wesentlich Teil ihrer DNA mit dem Kult-Spiel Dark Souls, wer das Spiel jedoch gespielt hat weiß, dass sich beide Spiele nicht ohne weiteres in einem Topf werden lassen. Dazu kommt ein Szenario, dass wohl auch nur von den wenigstens als sichere Geldquelle angesehen wird: Oder wann erschien das letzte Mal ein AAA-Spiel im feudalen Japan?

Regel Nummer 5: Zugänglichkeit

Wenn die Spieler nicht einmal das erste Level schaffen, werden sie unser Spiel hassen.“ Klingt eigentlich logisch, Sekiro: Shadows Die Twice kann auf diese Weisheit hingegen nur pfeifen. Selbst gestandene Dark Souls-Veteranen beißen sich gerade zu Beginn an den anspruchsvollen Duellen die Zähne aus und mit Sicherheit hat in dieser Zeit das ein oder andere Gamepad das Fliegen gelernt.

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Teurer Spaß: So viel kosten AAA-Titel wirklich.

Sekiro: Shadows Die Twice schwimmt gegen den Strom und verzichtet auf all das, was im AAA-Bereich als ungeschriebenes Gesetz gilt. Anders gesagt, eigentlich hätte Sekiro nie erscheinen dürfen. Ist es aber doch, und das Risiko hat sich mehr als gelohnt. Allerdings ist Sekiro nicht nur ein fantastisches Spiel, sondern auch eine Chance, der AAA-Branche den Spiegel vorzuhalten. Sind Singleplayer-Spiele wirklich tot, wie immer gern behauptet wird? Braucht jedes Spiel einen Ingame-Shop, muss jedes Spiel eine Fortsetzung sein und sind Service-Games wirklich die Zukunft? Ich möchte behaupten: Nein – und Sekiro ist der Beweis.

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