Langweiliger Einheitsbrei: Der fragwürdige Trend zu Stock-Android

Kaan Gürayer 23

Ein fragwürdiger Trend macht sich in der Android-Welt breit: Immer mehr Hersteller verabschieden sich von eigenen Benutzeroberflächen und setzen stattdessen auf Stock-Android. Was auf den ersten Blick nach einer lobenswerten Entwicklung klingt, könnte auf lange Sicht Innovationen behindern und die lebendige Android-Oase in eine staubtrockene Wüste verwandeln. 

Langweiliger Einheitsbrei: Der fragwürdige Trend zu Stock-Android

Erinnert sich noch jemand an Windows Phone? Nein? Macht euch nichts draus: Nach sieben erfolglosen Jahren zog Microsoft 2017 den Stecker und hat sein einst so hoffnungsvoll gestartetes mobiles Betriebssystem zu Grabe getragen. Die Gründe für das Scheitern von Windows Phone sind vielfältig – fehlender Hardware-Support, zu hohe Lizenzzahlungen für Hersteller oder die geringe App-Auswahl gehören zu den am meisten diskutierten Ursachen für den Tod von Windows Phone.

Negativbeispiel Windows Phone

Weniger im Mittelpunkt steht hingegen folgender Grund: Jedes Windows Phone sah gleich aus – zumindest, was die Benutzeroberfläche anging. Ob Samsung ATIV S, Nokia 920 oder HTC 8X: Microsoft verbot den Herstellern tiefgreifende Anpassungen am User Interface, weshalb jedes Smartphone mit Windows-Logo die gleiche Kachel-Oberfläche an Bord hatte. Die Folgen waren dramatisch: Im Gegensatz zu Android hatten Samsung, HTC und Co. keine Möglichkeit, sich von der Konkurrenz abzusetzen und verloren auch aus diesem Grund das Interesse an Windows Phone. Potenziellen Käufern wurde hingegen ein langweiliger Einheitsbrei präsentiert – wer sich mit der Optik von Windows Phone nicht anfreunden konnte, hatte halt Pech.

Nachdem Windows Phone nun endgültig das Zeitliche gesegnet hat, scheint sich die Geschichte jetzt zu wiederholen – diesmal aber mit Android.

Ohne Not setzen nämlich immer mehr Hersteller auf Stock-Android. Die neuen Nokia-Smartphones von HMD Global waren zweifellos Trendsetter dieser Entwicklung, zuletzt sind aber auch Xiaomi, BQ und ZTE auf diesen Zug aufgesprungen. Komplett wird die Liste durch Motorola, Sony und HTC, die sich entweder vollständig für Stock-Android entschieden haben oder ihre Smartphones mit einer Software ausstatten, die nahe am Vorbild ist und ohne nennenswerte Herstelleranpassungen auskommt. Selbst über ein Samsung-Smartphone mit purem Android wird mittlerweile spekuliert.

Der langweilige Einheitsbrei, der einst Windows Phone gekennzeichnet hat, ist mittlerweile voll in der Android-Welt angekommen.

Hersteller nehmen sich Differenzierungsmerkmal

Zugegeben, für die Hersteller bringt dieser Schwenk auf Stock-Android einen wichtigen Vorteil: Statt kostbare Ressourcen in die Software-Abteilung stecken zu müssen, können sie sich die aufwändige Entwicklung eigener Android-Oberflächen sparen – vor allem für kleinere Unternehmen wie etwa BQ ein nicht zu unterschätzender Kostenfaktor.

Was dabei aber gerne ausgeblendet wird: Die Vorteile der geringeren Softwarekosten sind allenfalls kurzfristig. Wer wie HMD Global nicht über einen Markennamen wie Donnerhall verfügt, nimmt sich damit ein entscheidendes Differenzierungsmerkmal und macht sich als Hersteller ziemlich austauschbar. Das Smartphone ist weitgehend ausentwickelt: Sich allein über die Hardware von der Konkurrenz abzuheben, ist anno 2018 kaum mehr möglich – insbesondere in der Einsteiger- und Mittelklasse.

„Na und? Was interessiert es mich als Nutzer, ob sich irgendein Hersteller von der Konkurrenz absetzen kann?“, mag jetzt manch einer sagen. Ein nachvollziehbarer Gedankengang – trotzdem falsch! Denn auch Smartphone-Käufer haben durch den vermehrten Schwenk auf Stock-Android mit handfesten Nachteilen zu rechnen. Der vielleicht größte: weniger Innovationen.

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Auch Google hat die Software-Weisheit nicht mit Löffeln gefressen

Zweifellos arbeiten bei Google hochtalentierte Entwickler – aber auch in Mountain View hat man die Software-Weisheit nicht mit Löffeln gefressen. Trotz aller – zum Teil berechtigter – Kritik an Herstelleroberflächen: Über Jahre hinweg haben TouchWiz (heute Samsung Experience), EMUI oder Sense Stock-Android um Features erweitert, um die sich Google entweder nicht kümmern wollte oder konnte.

Einen Split-Screen-Modus gab es in Samsungs Android-Oberfläche bereits seit 2012 – vier Jahre, bevor die Funktion mit Android 7.0 Nougat nativ in das mobile Betriebssystem einzog. Selbst heute fehlen Stock-Android noch praktische Features wie das App-Klonen, abgesicherte Ordner, Themes oder so komfortable Kleinigkeiten wie das Ändern der Reihenfolge der Navigationsbutton.

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Die Mär der schnelleren Android-Updates

Und selbst die schnelleren Android-Updates – das (!) Standard-Argument der Stock-Android-Verfechter – hält bei genauerem Hinsehen kaum Stand. Beispiel gefällig? Ein HTC U11 Life, das mit Android Go ungefähr so nahe an Stock-Android ist wie Melania Trump am Einreichen der Scheidungspapiere, wartet seit Dezember 2017 auf Android 8.1. Schnell sieht anders aus.

Natürlich lässt sich ein Smartphone mit Stock-Android schneller aktualisieren – geschenkt. Das bestreitet kein Mensch. Wie schnell Android-Updates ausgerollt werden, hängt aber von einer Reihe von Faktoren ab: Mobilfunkanbieter, Ressourcen der Softwareabteilung und nicht zuletzt dem Willen der Hersteller, bereits verkaufte Smartphones auch upzudaten – und nicht neue Android-Versionen als Anreiz zum Kauf neuer Geräte zu verwenden.

Stock-Android ist nicht die Lösung

Auch wenn es anders klingen mag: Das hier ist kein Loblied auf Herstelleroberflächen! Performance-Probleme, verwirrende Menüstrukturen oder unnötige App-Doppelungen sind nur einige Kritikpunkte, mit denen Samsung Experience, EMUI und Co. trotz aller Fortschritte noch heute zu kämpfen haben. Die Lösung besteht aber nicht in Stock-Android – das ist ein Trugbild. Stattdessen müssen die Hersteller weiter verbissen daran arbeiten, ihre Software Stück für Stück zu verbessern.

Die Vielfalt war bislang der größte Vorteil der Android-Welt. Der Trend zu Stock-Android bedroht diese Stärke, indem es Herstellern ein wichtiges Differenzierungsmerkmal nimmt, Innovationen behindert und nicht einmal das Versprechen schnellerer Android-Updates einhalten kann.

„Be Together. Not the same“, hieß vor einigen Jahren mal der offizielle Slogan von Android – eine clevere Anspielung an die Monotonie des iPhones. Sollte der Trend zu Stock-Android weiter um sich greifen, müssen wir den zweiten Teil wohl streichen.

Hinweis: Die in diesem Kommentar geäußerten Meinungen stellen ausschließlich die Ansichten des Autors dar und sind nicht notwendigerweise Standpunkt der gesamten GIGA-Redaktion. 

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