Software der Huawei Watch 2: Android Wear 2.0 ist einfach nicht gut

Frank Ritter 3

 

Und damit sind wir beim „Kasus Knaxus“. Die Software der Huawei Watch, konkret: Android Wear 2.0. Trotz des großen Updates, das von Smartwatch-Fans als „großer Wurf“ antizipiert wurde, ist AW2 oft zu zäh in der Bedienung, die Schaltflächen und Schriften häufig zu klein. Beispiele: Wenn ich mein Entsperrmuster eingeben muss (eine sichere Entsperrmethode ist notwendig, um meinen beruflichen Google-Account mit der Uhr nutzen zu können), werden Berührungen mit einem deutlichen zeitlichen Versatz und dabei auch zu ungenau interpretiert.

Wenn ich übers gekoppelte Handy Musik per Spotify höre, muss ich nach einem Druck auf „Nächster Track“ auf die Uhr 2, 3 Sekunden warten, bis der Befehl am Smartphone umgesetzt wird. Sprachbefehle über den Google Assistenten zu diktieren, gelingt in den seltensten Fällen – und wenn, muss man viel zu lange auf die Umsetzung des Befehls warten oder leidet darunter, dass der Assistant auf der Smartwatch weniger Befehle versteht, als auf dem Smartphone. Die omnipräsenten Wischgesten leiden unter Mikrorucklern, fehlender Präzision (mal wischt man mit einer Streichbewegung eine Benachrichtigung nach unten, mal zwei), dem deutlich zu hohen Input Lag und den ständig im System zu erduldenden Wartepausen.

„Viel Spaß“ beispielsweise beim ersten Start der Google-Play-Music-App. Wer sich die mal eben zum lockeren Joggen im Park installieren will, kann bei einer gut gefüllten Musikbibliothek gleich mal mehrere Minuten Wartezeit zur kompletten Synchronisierung einplanen. Kurzum: Die Bedienung der Uhr fühlt sich einfach nie so direkt und unmittelbar an, wie man es heutzutage von praktisch allen Smartphones gewohnt ist.

Die Huawei Watch 2 ist neben Bluetooth mit WLAN ausgestattet. In der Praxis bietet das wenig Mehrwert, dazu gleich mehr. Im Test gab es regelmäßig Verbindungsabbrüche zum Smartphone, in dem Fall einem OnePlus 3T, die sich nur mit einem Neustart der Bluetooth-Verbindung und Neukoppelung über die Android-Wear-App beheben ließen. Das war schon nervig – noch ärgerlicher ist, dass das Verbindungsabbruchs-Icon so klein auf dem Display dargestellt wird, dass man es zeitweise kaum bemerkt. Für mich stellte sich die Frage, warum WLAN überhaupt integriert ist, denn für praktisch alle Aktionen ist trotzdem ein per Bluetooth gekoppeltes Smartphone notwendig. Wer also hofft, dass Mails auf der Smartwatch auch dann ankommen, wenn das Telefon mal keinen Saft mehr hat, sieht sich enttäuscht.

Schade ist auch, dass sich in Android Wear der Abgesang von Google auf die intelligenten Karten von Google Now widerspiegelt. Natürlich war der Mix aus Karten und Benachrichtigungen in der Vorgängerversion des Betriebssystems nicht der Weisheit letzter Schluss, aber die kontextbezogenen Infokärtchen waren wenigstens noch clever. In Android Wear 2.0 hat man nur noch eine unflexible Latte an Benachrichtigungen, die man vertikal durchscrollt, und bei Bedarf wegwischt. Wer Google Now will, muss die Google-App starten. Die Sprachsuche auf Zuruf („Okay Google, …“) funktioniert gar nicht mehr, stattdessen muss man eine Taste der Uhr drücken.

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Überhaupt: Die Bedienung. Ich halte mich für eine technisch versierte Person, aber dass ich selbst nach einer Woche der regelmäßigen Nutzung noch überlegen muss, welche Metapher für welchen Zweck notwendig ist, ist ein Testament der UX-Inkonsequenz von Android Wear 2.0. Wie rufe ich noch mal die App-Liste auf (oberen Button drücken)? Wie kann ich das Ziffernblatt ändern (Wischen von rechts nach links auf dem Watchface)? Gibt es irgendeine Möglichkeit, eine versehentlich verworfene Benachrichtigung zurückzuholen (Nein)? Woran kann ich überhaupt eine App und eine Benachrichtigung unterscheiden? Wie kann ich meine Uhr herunterfahren (Wischen vom oberen Rand nach unten → Auf das Zahnrad drücken → System → Ausschalten)?

Warum verwerfe ich Benachrichtigungen per Wischbewegung von links nach rechts, Ziffernblätter aber per Wischen von oben nach unten? Warum zeigen mir manche Benachrichtigungen, wenn ich sie antippe, den gleichen Inhalt noch mal an, aber keine weiteren Optionen, etwa „App auf dem Smartphone öffnen“? Warum tauchen Android-Wear-Apps, die ich über das Smartphone installiere, nicht auf der Uhr auf (Wahrscheinlich hat man eine Android Wear-App installiert, die mit AW 2.0 inkompatibel ist)? Und was zum Henker soll ich mit dieser ruckeligen Google-Maps-App anfangen, die mir nicht einmal eine richtige Navigation à la „Biege in 300 Metern rechts ab“ bietet? Das wäre ja noch ein angemessener Anwendungsfall gewesen – stattdessen kann ich auf der sich drehenden Kartenansicht Pinch-to-Zoom verwenden, was auf diesem winzigen Display einfach keinen Sinn ergibt.

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Der Sargnagel für dieses, man verzeihe mir die deutlichen Worte, ziemlich verhunzte OS ist das überschaubare Angebot an Android-Wear-2.0-Apps. Das krankt zugegebenermaßen daran, dass Google sein App-Modell umgestellt hat. Waren Android-Wear-Apps zuvor „Anhängsel“ von Apps, die man sich auf seinem Smartphone installiert, und die dann mit der Watch synchronisiert wurden, kann/muss man sich diese jetzt direkt herunterladen. Nur eine Handvoll Apps stehen für Android 2.0 zur Verfügung, wenn man den Play Store auf der Uhr aufruft. Das Angebot ist kaum als ausreichend zu bezeichnen. So gibt es beispielsweise nicht mal eine Gmail-App – mit seinem Posteingang kann man lediglich über die Benachrichtigungen interagieren. In diese drückt man auch mal versehentlich auf „Archivieren“ – und erhält keine Option, das Löschen, wie in der Smartphone-App, schnell rückgängig zu machen.

Pro Forma sei hier erwähnt, dass Android Wear 2.0 auch einige sinnvolle Neuerungen enthält: Watchfaces mit Komplikationen, also Widget-artige Mini-Infos im Display, beispielsweise für Wetter, Termine und Schrittzähler sind eine davon. Einige Watchfaces bieten auch Komplikationskonfigurationsoptionen an (entschuldigt, aber dieses Wort musste ich einfach in den Testbericht schreiben), mit denen man auswählen kann, was bei einem Tap darauf passieren soll – zum Beispiel der Start einer bestimmten App. Der bereits genannte App Drawer und zunächst bizarr wirkende, aber überraschenderweise per Wischbewegung doch einigermaßen funktionierende Bildschirmtastatur gehören ebenfalls zu den Neuerungen. Ach ja, man kann über die Smartwatch auch mit dem per Bluetooth gekoppelten Smartphone telefonieren – das funktioniert tatsächlich gut, wenn man sich in einem ruhigen Raum befindet. In der Öffentlichkeit sollte man sowieso darauf verzichten – aus Gründen der Wirkung auf Umstehende. Knaller, oder gar „Killer-Features“, sind die Neuerungen nicht; die Probleme von Android Wear 2.0 werden in keinem Fall aufgewogen.

Fazit: Es liegt nicht an dir, Huawei Watch 2, es liegt an Android Wear

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Die Huawei Watch 2 hat mich enttäuscht, indem sie meine eingangs genannten Vorurteile bestätigt. Vielleicht wäre es mit einer funktionalen Software anders gewesen, aber das halbgare Release von Android Wear 2.0 wirkt auf mich nicht wie die konsequente Verfeinerung, die Betriebssystem und Gerätegattung verdient gehabt hätten – sondern wie ein Abgesang, ein Sargnagel für Googles Wearable-Ambitionen. Das ist schade für die Huawei Watch 2, denn in Sachen Hardware kann das Produkt im Großen und Ganzen überzeugen. Es ist die Software, die sich dem Nutzer mehr in den Weg stellt als ihn führt oder gar die Möglichkeiten näherbringt, die ein Wearable besitzt. Android Wear 2.0 ist ein Trauerspiel und zerstört, zumindest für mich, ein Stück weit das Vertrauen in die Zukunft der Smartwatch.

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Alternativen zur Huawei Watch 2

Immerhin gibt es mit den Samsung-Gear-Smartwatches und der Apple Watch durchaus brauchbare Alternativen für Android- respektive iPhones. Die haben zwar auch keine „Killer-App“, machen aber wenigstens Spaß in der Benutzung.

Wertung zur Huawei Watch 2

  • Display: 4/5
  • Ergonomie und Bedienung: 3/5
  • Design und Verarbeitung: 3/5
  • Software: 1/5
  • Akku: 4/5

Gesamt: 60 %

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Pro

  • Solides Design
  • Gutes Display
  • Ordentliche Akkulaufzeit

Contra

  • Android Wear 2.0 nicht ausgereift
  • Klobiger Body, verglichen mit Apple Watch und Samsung Gear S2
  • „frei schwebende“ Ladestation

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