Klimakiller Smartphone: Genauso schlimm wie Billigflieger?

Sven Kaulfuss 5

Heute mit dem Smartphone schon gegoogelt, E-Mails oder eine WhatsApp verschickt? Schäm dich, du kleiner Dreckspatz. Denn nach Flugscham folgt Klickscham, die nächste Kasteiung im Ränkespiel der Klimaretter. Was steckt dahinter? Heute in meiner Wochenend-Kolumne.

Man mag es kaum glauben, was da im Beitrag des Zweiten Deutschen Fernsehens verlautbart wird: „Die Internetnutzung in Deutschland produziert jedes Jahr so viel CO2 wie der gesamte Flugverkehr.“ Wie jetzt, ist mein Smartphone am Ende ein größerer Klimakiller als der durch Billigflieger immer mehr an Bedeutung gewonnene Flugverkehr?

Smartphone und Internet: Fakten zum CO2-Ausstoß

Die Fakten, die Ralph Hintemann, Energieforscher am Borderstep-Institut für Innovation und Nachhaltigkeit in Berlin, auf den Tisch legt, sprechen da eine eindeutige Sprache:

  • Eine Milliarde E-Mails werden in Deutschland pro Tag geschrieben: Macht 1.000 Tonnen CO2 (1 E-Mail = 1 Gramm CO2).
  • Wer eine Stunde sich bei Netflix (Videostreaming) vergnügt, der könnte auch einen Kilometer mit dem Auto fahren – am Ende derselbe CO2-Ausstoß.
  • Eine Google-Suchanfrage bringt es auf 0,2 Gramm CO2. Nicht viel? Multiplizieren wir dies mal mit den täglichen 3,45 Milliarden Suchanfragen – wow!

Tja, wer die Neuheiten des Monats bei Netflix schaut, der sorgt für schlechtes Klima – klingt komisch, ist aber wahr:

Netflix: Neu im Dezember 2019.

Es sind vor allem die weltweiten Rechenzentren, die die Daten vorhalten und verteilen, die hier jede Menge Strom benötigen. Wenn man sich mal überlegt: Weltweit gehen auf das Konto aller IT-Geräte und –Anwendungen 800 Millionen Tonnen CO2 im Jahr – so viel wie Deutschland in Gänze an Treibhausgasen jährlich emittiert. Schon heute benötigen Rechenzentren in Deutschland 40 Prozent mehr Strom als noch 2010. Hält der Trend an, wird sich der Wert in Bezug zu heute in den nächsten Jahren dem Bericht zufolge nochmals verdoppeln. Kurzum: Jeder vernetzte Mensch mit Smartphone und Co. ist also per se ein „Klimasünder“. Was man fürs Klima dagegen tun kann, laut Artikel des ZDF, hört sich für mich dann aber wie eine zweifelhafte „Digitaldiät“ an:

  • Alte E-Mails löschen.
  • Newsletter abmelden.
  • Die Cloud meiden, Fotos und Videos stattdessen auf externe Speichermedien sichern.
  • „Deduplizierung“: Beispielsweise keine Bilder über Massenverteiler versenden.

Der grüne Weg eine Frage der Stromerzeugung

Klingt jetzt nicht so berauschend und komfortabel. Schon besser der Ansatz beim Rechenzentrum anzusetzen, dort durch innovative Kühltechnik den Stromverbrauch zu reduzieren. Doch auch da überlege ich mir: Ist es nicht der Kopf beim Fisch, der zuerst anfängt zu riechen?

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Nicht nur der Stromverbrauch, sondern die eigentliche Erzeugung ist doch das Problem. Nur klimaneutrale Stromerzeugung (vornehmlich Wind, Wasser und Sonne) kann da helfen. Apple geht beispielsweise mit gutem Vorbild voran, wird seit April 2018 zu 100 Prozent mit grüner Energie befeuert, nicht nur bei den Rechenzentren. Nur dies kann am Ende der Weg sein.

Meine Gedanken zum Wochenende: Die Kolumne möchte Denkanstöße liefern, zur Diskussion aufrufen und den „News-Schwall“ der Woche zum Ende hin reflektieren. Eine kleine Auswahl der bisherigen Artikel der Kolumne:

Denn ehrlich gesagt möchte ich nicht darauf verzichten, Mails zu versenden, Katzenvideos zu teilen und die Segnungen der Cloud zu nutzen. Immerhin müssen wir ja schon, wenn es nach der kleinen Greta geht, das Reisen erheblich reduzieren. Dann will ich aber auch wenigstens mir die weite Welt per Smartphone ins traute Heim holen. Zurück in die abgeschottete Höhle des Neandertalers zieht es mich nämlich nicht.

Schönen Sonntag noch und schalte doch bitte das Smartphone für den Rest des Tages gleich mal aus. Nein, doch lieber nicht? Dachte ich mir doch, du kleiner Dreckspatz.

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