Einer der seltsamsten Momente der Filmgeschichte ereignete sich im Horror-Klassiker Shining von Stanley Kubrick – ihr erinnert euch an den Bären, der Oralverkehr an einem der Gäste praktizierte? Was diese Szene wirklich bedeutet, erklärt Filmwissenschaftler Rob Ager in seiner Analyse.

 

Shining

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Dieser Bär war kein Bär im Buch, ebenso wie Stanley Kubricks vielleicht nicht wirklich dieselbe Geschichte erzählt, wie Stephen King. Filmwissenschaftler Rob Ager hat sich der doch sehr verstörenden Szene angenommen und eine eigene Theorie geschmiedet, die sich auf etliche kleinere und größere Details im Film bezieht. Ob ihr sie glaubt? Das bleibt natürlich euch überlassen.

Shining [dt./OV]

Shining [dt./OV]

Dieser Bär in The Shining ...

Wir erinnern uns: Als Wendy gegen Ende von The Shining verstört durch das Haus läuft, entdeckt sie in einem kurzen Shot einen Bären, der Fellatio bei einem vermeintlichen Gast des Overlook-Hotels ausführt. Auch ohne genauere Analyse verstört die Szene, ist sie doch irgendwie einzigartig im Film und definitiv unerwartet für jeden, der ihn zum ersten Mal sieht. Der Bär taucht nie wieder auf – oder doch?

The Shining: Erinnert ihr euch an die Szene mit dem Bären?
Shining: Erinnert ihr euch an die Szene mit dem Bären?

Kubrick hätte übrigens keine Bärenkostüm hätte verwenden müssen, denn in Stephen Kings Buch existiert die Szene ebenfalls – nur führt hier eine Person im Hundekostüm den Oralverkehr durch. Das Bärenkostüm muss also, ganz besonders im Falle eines Perfektionisten wie Kubrick, eine Bedeutung haben, nicht? Ager argumentiert, das hat sie; und sie deutet mehr und mehr auf eine missbräuchliche Beziehung zwischen Vater Jack und Danny hin.

Agers Analyse, die er in Videoform auf seinem YouTube-Channel Collective Learning online gestellt hat, zeigt weitere Bären im Film, insbesondere einen Teddy-Bären, auf dem Danny liegt, als er von einer Psychotherapeutin nach seinem imaginären Freund Tony ausgefragt wird.

Das Gespräch erinnert, so Ager, mehr und mehr an ein Gespräch über Missbrauch, zudem ist Danny halbnackt – aus unerfindlichen Gründen.

Ein weiteres Detail soll die Zeitung sein, die Jack ganz zu Anfang liest, als er das Overlook-Hotel zum ersten Mal betritt: Sie ist nur kurz zu sehen, zeigt aber deutliche das Cover-Bild einer Playgirl-Zeitschrift, eine Erotik-Zeitschrift, die Männer anstatt Frauen abbildet. Noch dazu ist auf dem Cover der Titel eines Artikels, der deutlich Inzest thematisiert – die Überschrift: „Inzest: Warum Eltern mit ihren Kindern schlafen.“

Und warum liest Jack eine Zeitung wie Playgirl?

Unter dem Aspekt, den Ager anführt, werden immer mehr Hinweise offensichtlich: Das bizarre Gespräch zwischen Danny und seinem Vater, als Danny ihn fragt, ob er ihm oder seiner Mutter je wehtun würde. Danny, der mit Würgemalen auf Hals und Schulter zu seiner Mutter läuft, die tatsächlich erst Jack verdächtigt. Und schließlich Jack, der von Schulgefühlen übertrumpft immer verrückter wird.

Rob Agers Video zeigt noch weitere Details auf, die seine Theorie untermauen:

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Sollte Kubrick tatsächlich eine solche Botschaft auf der Metaebene von The Shining versteckt haben – und ja, es deutet recht viel daraufhin – müsste auch klarer werden, warum Stephen King nie sehr begeistert von Kubricks Version seines Buchs gewesen ist: Die beiden unterscheiden sich einfach derart eklatant, dass nur schwer von einer originalgetreuen Adaption gesprochen werden kann.