Die OLED-Switch ist offiziell – und okay, wie sie ist. Aber sie ist nicht die Switch, die wir brauchen.

 

Nintendo Switch

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Nintendo Switch

Willkommen in der pompösen Welt der Luxusprobleme – so könnte ich meinen Kommentar auch überschreiben. Denn, das schicke ich gern voraus, natürlich ist es komplett in Ordnung, wie Nintendo mit der frisch angekündigten OLED-Switch Modellpflege betreibt. Zumindest einige der größten Kritikpunkte an der Original-Switch und dem Refresh von 2019 werden ja auch beseitigt. Ja, der größere OLED-Bildschirm ist ein Riesenvorteil gegenüber dem mau-graustichigen LC-Display der Vorgängergeneration. Ja, der neue Kickstand ist so viel besser als dieses peinliche Etwas, das Nintendo in grotesker Verachtung eines der angeblichen Haupteinsatzzwecke auf die Rückseite der alten Switch ge ... klemmt (?) hatte. Aber.

Dieser Artikel ist eine Antwort auf den Jubelkommentar von Robert. Lest diesen ebenfalls für eine andere Perspektive:

Einen Sofa-Spieler wie mich, der die Switch fast ausschließlich im Dock betreibt, lässt die OLED-Switch kalt. Um nicht zu sagen: Sie ärgert mich! Ethernet im Dock bringt mir nix, hab ich schon. Okay, das Dock hat jetzt aktive Kühlung für den Tablet-Teil der Konsole. Stellt sich bloß die Frage: Wofür? Mehr Leistung für CPU und GPU kann man, das hat Nintendo mittlerweile klargestellt, nicht erwarten. Dabei hätte die Switch ein Leistungs-Upgrade dringend nötig.

Auch die OLED-Switch hat weniger Leistung als ein Einsteiger-Smartphone

Eine High-End-CPU und GPU, wie sie in den PlayStations und Xbox-Konsolen der alten und neuen Generation takten, wäre gar nicht nötig. Ein Chip, der wenigstens im Ansatz auf dem Leistungsniveau aktueller Einsteiger-Smartphones liegt, hätte mir schon gereicht. Ich übertreibe übrigens nicht, wenn ich mal Äpfel mit Birnen vergleichen darf: Das Motorola-Smartphone Moto G 5G kostet rund 180 Euro, dessen Snapdragon-750G-Chip bringt aber, je nach Benchmark, 47 bis 165 Prozent mehr Leistung als der Tegra X1 in der Switch. Man könnte auch plakativ sagen: Ein Billo-Smartphone wischt mit der Switch den Boden auf.

Das Irre daran: Solche SoCs wie der Snapdragon-Chip sind Off-the-Shelf-Komponenten, die die großen Hersteller ein paar Euro kosten. Und ja, etwas in dieser Größenordnung dürfte auch Nintendos Chieflieferant Nvidia problemlos liefern können. Warum Nintendo sich dem immer noch verweigert – keine Ahnung.

So sehr ich die Switch liebe, so entsetzlich ist der Status Quo in Sachen Leistung. Aufwändige Spiele wie The Witcher 3, Wolfenstein 2 und Crysis: Remastered laufen mit 30 FPS, erheblich verringerten Details und Matsch-Auflösung. Und auch weiterhin wird es Spiele wie The Outer Worlds geben, die zum Start auf der Nintendo-Konsole praktisch unspielbar sind, weil nur mit erheblichem Optimierungsaufwand möglich ist, aus der Switch hinreichend Leistung zu pressen. Spiele wie die Ori-, die Wolfenstein- und Doom-Serien haben bewiesen, dass das in einem gewissen Rahmen möglich ist, aber der Aufwand für die Portierung war bekanntermaßen immens – und wie viele Spielestudios sind mittelfristig bereit, diesen Weg zu gehen?

Mehr Infos zur OLED-Switch im Video:

Nintendo Switch OLED: Alle Details im Überblick

Die Systemfrage: mobil spielen oder gut spielen?

Nun mag man einwenden, dass man die Switch vor allem wegen Nintendos eigener Titel nutzt, die Spielspaß und Stilsicherheit vor realistischer Grafik priorisieren. Schön und gut, aber die Switch muss auch als Plattform für Drittanbieter bestehen können, ansonsten wandern die Zielgruppe und auch die Entwickler wieder ab. Die Switch ist, zumindest in meinem Bekanntenkreis, mehrheitlich keine Exklusivkonsole, sondern eine Ergänzung zu Spiele-PC, PlayStation und/oder Xbox. Wer sich ein Spiel kaufen möchte, das für mehrere Plattformen verfügbar ist, steht jedes Mal vor der System-Entscheidung. Die Switch bietet die Möglichkeit, mobil spielen zu können. Aber reicht das? Denn alle anderen Argumente – von wesentlich besserer Grafik, geringerer Ladezeiten über Trophies bis hin zu einem vernünftigen sozialen Netzwerk – sprechen für die Konkurrenz-Plattformen.

In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass Nintendo es nicht einmal schafft, die eigenen Spiele flüssig laufen zu lassen – da muss man sich nur mal die Stotterorgie Hyrule Warriors ansehen oder in Link's Awakening durchs zuverlässig vor sich hin ruckelnde Möwendorf streunern. Selbst der System-Seller schlechthin, Zelda: Breath of the Wild, läuft zwar brauchbar, könnte aber viel besser aussehen. Das zeigen die zahlreichen Clips auf YouTube, in denen BotW am PC emuliert „gesund gemoddet“ wurde – mit immensen Sichtweiten, scharfen Texturen, hohen Auflösungen und vor allem 60 FPS. Zumindest eine Ahnung davon, wie viel mehr technisch drin ist, hätte ich gerne, wenn ich mich das nächste Mal entschließen sollte, BotW auf der Switch am TV noch einmal eine Chance zu geben.

Hoffen auf die „Switch Pro“

Das ist mein Kernproblem mit der neuen OLED-Switch: Sie behebt Probleme, aber nicht die richtigen. Nintendo erreicht auch mit der OLED-Switch nicht die Mindestanforderung, die man an die Performance von Games stellen können muss. Nämlich, dass sie das Spielerlebnis nicht mindert. Das frustriert mich. Meiner Auffassung nach hat Nintendo an seiner Zielgruppe vorbeigeplant. Das OLED-Display hätte einem Refresh der Switch Lite besser zu Gesicht gestanden, die immer noch das bessere Gerät für Mobilspieler ist. Weil sie günstig ist, ein Steuerkreuz hat und die Leistung zumindest dahingehend adäquater ist, als dass „nur“ ein 720p-Display bespielt werden muss.

Es führt kein Weg dran vorbei: Die Switch braucht dringend mehr Leistung und die Möglichkeit, moderne 4K-Fernseher wenigstens per konsolen-internem Upscaling zu befeuern. Bleibt zu hoffen, dass sich die Gerüchte um eine echte Switch Pro mit Performance-Boost im kommenden Jahr bewahrheiten. Das wäre dann auch ein Kaufgrund für mich. Und das OLED-Display dürfen sie dann auch gerne darin verbauen.